Für viele Rapper galt bislang die goldene Regel: Je größer der Erfolg, desto mehr Geschmeide baumelte um den Hals. Panzerketten, Diamanten, Edelsteine – Hauptsache, es glitzerte. Doch jetzt haben Protz und Bling-Bling als Statussymbole ausgedient – auch weil ASAP Rocky damit gebrochen hat. Der Superstar des US-Rap trägt seit Jahren ein Accessoire, das in der Hip-Hop-Welt so fremd wirkt wie gendergerechte Sprache: die Krawatte.
Die Finanzkrise als Ende der Krawattenpflicht
Dass der Schlips ein Comeback erleben könnte, galt lange als ausgeschlossen. Immerhin haftete der Krawatte nach der Finanzkrise 2008 das Image der alten Bankerwelt an, Vertrauensverlust inklusive. Während der Pandemie verschwand sie endgültig aus dem Alltag, als Millionen Menschen im Homeoffice arbeiteten. Und im Silicon Valley prägten damals schon Kapuzenpullis das Bild der Macht. Warum sich also morgens mit einem Windsorknoten abmühen?
Umso überraschender, dass nun ausgerechnet ein Rapper dem konservativen Schlips zu neuem Glanz verhilft. Zwar ist ASAP Rocky nicht der Einzige, der den Binder trägt, doch kaum jemand inszeniert ihn so konsequent wie er. Gäbe es noch die 2020 eingestellte Auszeichnung „Krawattenmann des Jahres“, wäre der Gatte von Rihanna in diesem Jahr ein heißer Kandidat auf den Titel. Schon bei der Met Gala 2023 erschien er mit schwarzem Schlips, zur Premiere seines Films „Highest 2 Lowest“ im Mai 2025 mit einem dunklen Seidenmodell, gesprenkelt mit weißen Punkten. Als Hip-Hop-Dandy dreht ASAP Rocky die Bedeutung einfach um: Das Spießersymbol wird entstaubt und zum Trendnachweis.
Längst folgen auch andere diesem Beispiel, etwa die Schauspieler Jacob Elordi und Timothée Chalamet, ebenso Sänger Harry Styles. Für seinen Auftritt bei den Brit Awards im März 2026 zeigte sich der Brite ausnahmsweise nicht in einem seiner bunten Bühnenlooks, sondern mit Nadelstreifenanzug samt Krawatte.
Sogar auf dem Laufsteg erlebt die Krawatte ein Revival – nur anders als früher. Bei seiner Debütshow für Dior drehte Designer Jonathan Anderson den Schlips der Models kurzerhand auf links. „Ich hasse Krawatten“, gestand er dem Magazin „GQ“. Da sein neuer Arbeitgeber aber auch Anzugmode schneidert, sorgte er zumindest für ein möglichst ungewöhnliches Styling.
Bei Boss sah man die Krawatte ebenfalls. Die Marke aus Metzingen zeigte nicht nur gemusterte Seidenbinder, sondern kramte auch die Krawattennadel wieder hervor, einst Symbol des Powerdressings. Bei Saint Laurent fand der Schlips dann gar seinen Weg in die Damenmode. Designer Anthony Vaccarello wählte hierfür ein ungewöhnliches Styling, versteckte die Krawatte mal nach dem dritten Knopf im Hemd oder schob die Spitze in den Hosenbund. Ein Look, der schnell viral ging: Plötzlich waren die Binder überall, wurden bei Instagram als cooler Streetstyle gefeiert und von Stars wie Nicole Kidman und Teyana Taylor als Statement auf dem roten Teppich präsentiert.
Dabei ist es mitnichten neu, dass Frauen Krawatten tragen, immerhin gewann Julia Roberts schon 1990 in Anzug und Schlips einen Golden Globe. Im US-Wahlkampf 2024 versuchte Kamala Harris wiederum, ihren Machtanspruch modisch zu unterfüttern, indem sie Schluppenblusen trug, die, Lavallière genannt, als feminines Pendant zur Krawatte gelten.
Steht uns also eine Knotenwende bevor? Gewiss nicht sofort und nicht überall. Das Comeback der Krawatte beschränkt sich derzeit auf Laufstege, rote Teppiche und ausgewählte Kohorten kuratierter Eleganz, im Mainstream ist das vertikal strebende Dreieck noch immer, was es in den letzten Jahren war: ein Ladenhüter. So sieht man es auch beim deutschen Hemdenhersteller Olymp. „Ich erwarte kein flächendeckendes Krawattenpflicht-Revival“, sagt Marken- und Produktchef Heiko Ihben. Allerdings habe er festgestellt, dass der Schlips zumindest als Farbtupfer in der Herrenmode wieder angesagt sei: „Wer eine Krawatte trägt, nutzt sie als gezielten Akzent.“
Hip-Hop als Seismograf der Mode
Das allein ist schon mehr als vor einiger Zeit – und könnte sich noch auswachsen, schließlich war Hip-Hop stets ein Seismograf der Mode: Die Rap-Kultur brachte Sport in die Alltagsgarderobe, machte Oversize-Silhouetten populär und trieb den Sneaker-Hype voran. Wenn jetzt ausgerechnet ein Rapper die Krawatte rehabilitiert, mag auch das mehr sein als ein Styling-Gag. Schließlich galt der Schlips lange als Inbegriff demonstrativer Männlichkeit. Vielleicht richtet sich seine Rückkehr weniger gegen Genderfluidität als gegen jene modische Nachlässigkeit, die sich durch Hoodies und halb geöffnete Hemden breitgemacht hat. ASAP Rocky liefert den Gegenentwurf: das Bild eines Mannes, der einfach wieder gut angezogen sein will.