HOME

Hugo Boss: Mit feinen Stichen

Vor 13 Monaten trat Bruno Pieters als neues Designgesicht bei Hugo Boss an. Die schweren Turbulenzen in den Management-Etagen veränderten vieles. Nicht aber den guten Stil seiner Kleider.

Von Dirk van Versendaal und Oliver Creutz

Um sechs Uhr geht der Wecker, um acht das Flugzeug, bei der Landung in Stuttgart wartet schon ein Fahrer von Taxi Tietz. Dann reiht sich ein Meeting an das nächste, es folgen Anprobe, Fitting und Stoffauswahl, mittags geht es in die Kantine und abends nach der letzten Besprechung direkt ins Metzinger Hotelbett. So sieht ein Tag von Bruno Pieters aus, wenn er einmal pro Woche aus Antwerpen anreist, um für die Marke "Hugo" bei Boss zu werkeln.

Das hätte man mal einem Yves Saint Laurent aufhalsen sollen, solch einen Terminstress. Oder einem Thierry Mugler. Vor dem Mittag stand der nur auf, um sich wieder hinzulegen, denn am Abend würde die nächste Party steigen. "Nachtleben?", Pieters schüttelt den Kopf. "Keine Ahnung. Abends bin ich immer müde." Es war eine Sensation, als Boss im April 2007 den Belgier Bruno Pieters als neuen Designer für die Hugo-Linie vorstellte, der modisch anspruchsvollsten Marke des Hauses, die über die Jahre etwas verblasst war.

Der 30-Jährige kam mit dem Ruf, einer der Begabtesten seiner Zunft zu sein, ein Meister der Form und der Proportion. Er hatte Lehrjahre beim kauzig-genialen Martin Margiela und dem schneidernden Romantiker Christian Lacroix hinter sich. Er hat seine Karriere 2001 als eine Art Konzept-Designer in der Haute Couture begonnen, mit seinen Entwürfen an Tanz-Performances teilgenommen und an der Berliner Universität der Künste Workshops veranstaltet - und so einer landet bei Boss? "Ich fühle mich sehr wohl, die Leute sind sehr nett", sagt Pieters in seinem kleinen Atelier auf dem Firmenareal der Hugo Boss AG. Man lasse ihm, der mit einem Ergebnis selten zufrieden ist, kreative Freiheit. "Ich denke immer, dass alles noch besser sein kann. Ich arbeite ja an einem minimalistischen, grafischen Look, da muss alles perfekt sitzen. Kleine Schwächen kann ich nicht mit einer Rüsche tarnen."

"Ich denke immer, dass alles noch besser sein kann"

Pieters gehört, wie auch Jil Sander oder Giorgio Armani, zu den Detailarbeitern der Mode. Verglichen wird er allerdings meist mit Yves Saint Laurent, der feinen Züge, des lockigen Hauptes, des schweren Brillengestells wegen. Ob es dem belgischen Avantgardisten gelingen würde, der Marke Hugo Schärfe, Frische und Stil zu verpassen, gleichzeitig aber massentaugliche Ware zu liefern?

Mit seiner ersten Winterkollektion, die nun in die Läden kommt, hat Pieters die Zweifel zerstäubt: Bei der Kollektionsübergabe im Januar, zu der 900 internationale Mitarbeiter sowie sämtliche Chefeinkäufer der Hugo-Boss-Läden nach Metzingen gereist waren, erhielt er Standing Ovations. Solch einen Jubel hatte das überkritische Publikum noch keinem Designer gewährt. Vor lauter Anstrengung war Pieters' flämische Frische einer vornehmen Pariser Blässe gewichen, er ließ sich beglückwünschen und herzen.

"Ich mache die Hugo-Kollektion nicht für mich oder für das Museum, sondern damit sie verkauft wird", erklärte Pieters an diesem Abend - solche Sätze bringt auch ein Schwabe nicht geschäftstüchtiger hervor. Die Orderzahlen für seine erste Kollektion liegen 18 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Vorbilder sind Burberry und Ralph Lauren

Gute Nachrichten wie diese kann das Modeunternehmen nach desolaten zwölf Monaten gebrauchen. Im Sommer 2007 übernahm die internationale Beteiligungsgesellschaft Permira für 3,4 Milliarden Euro die Macht in Metzingen. Nach heftigem Richtungsstreit mit dem erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden Bruno Sälzer verließ dieser im Februar dieses Jahres das Unternehmen. Weitere Spitzenmanager folgten - "Motten über Metzingen", "Permira melkt Hugo Boss", "Blutsauger im Anzug", lauteten die Überschriften in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen. Im Schwabenland herrschte Heuschrecken- Alarm, der sich erst abschwächte, als bekannt wurde, dass ein Branchenprofi die Sälzer-Nachfolge übernimmt: Claus-Dietrich Lahrs, 44, ein geborener Bielefelder, Chef der Couture-Abteilung bei Christian Dior in Paris. Im August soll er als Vorstandsvorsitzender bei Boss antreten.

Zwar hat Lahrs sich bereits in Metzingen blicken lassen, doch über seine Pläne möchte er sich vor seinem Arbeitsbeginn nicht öffentlich auslassen. Also liegt es an Permira zu erklären, wie die Zukunft von Boss aussehen soll. Der verantwortliche Manager Martin Weckwerth nennt ein klares Ziel: Wenn Permira Boss in ungefähr vier Jahren wieder verkauft, soll der Erlös doppelt so hoch sein wie der Preis, den das Private-Equity-Unternehmen im vergangenen Sommer gezahlt hat.

Das funktioniert nur bei einem aggressiven Expansionskurs - diesem hatte sich Ex-Boss-Chef Bruno Sälzer verschlossen, als er im November 2007 gegenüber einem Branchenblatt sagte: "Wir springen ja schon 2,40 Meter. Wenn jetzt einer sagt, spring mal 4,10 Meter, dann diskutiere ich nicht, weil das anatomisch unmöglich ist." Der 40-jährige Weckwerth dagegen will Wachstum erzwingen - vor allem in China, Indien und Russland. "Hugo Boss kann mehr eigene Läden gebrauchen - vor allem in Asien", erklärt er. Damit nicht genug: Boss, die solide Mittelklasse-Marke, soll kostspieliger werden, die Edel-Linie "Selection" ein größeres Gewicht erhalten; auch im Damenbereich sieht Weckwerth noch Spielraum. An Abendkleider etwa denkt Weckwerth. Die Vorbilder sind Burberry und Ralph Lauren. Und mit Claus-Dietrich Lahrs steht demnächst ein Experte bereit, der sich aufs Luxusgeschäft versteht.

"Der Zeitdruck ist groß, da arbeitet man ununterbrochen"

Weckwerth weiss, dass seine Wachstumsambitionen ohne eine starke Designabteilung nicht funktionieren, doch er schränkt ein: "Bei Boss zeichnet niemand aus der wilden Feder und trifft damit irgendwie zufällig den herrschenden Geschmack." Überhaupt schwärmt der Investor lieber von der Logistik als von der Kreativabteilung. Die Fragen, die ihn beschäftigen, lauten: Wo ist der Kunde? Was will er haben? Wie schnell und zu welchem Preis können wir es ihm liefern?

Es ist vorstellbar, dass Boss mit steigenden Verkäufen in Asien irgendwann die Produktion dort ausbauen wird. Bislang entstehen Anzüge, Jeans und Kleider überwiegend in Deutschland und der Türkei.

Und was hat Bruno Pieters in seinem kleinen Atelier von den Turbulenzen und Plänen mitbekommen? Nichts, sagt der Designer. "Der Zeitdruck ist so groß, da arbeitet man ununterbrochen." Er musste fertig werden mit der Sommerkollektion 2009, die er diese Woche auf der Fashion Week in Berlin präsentiert. Die Themen sind Safari und die deutsche Fliegerin Elly Beinhorn.

Pieters scheint es vorzuziehen, den weltlichen Verdruss zu ignorieren. Auch darin ähnelt er dem großen Yves Saint Laurent. Der hatte vom Elfenbeinturm aus - schon in jungen Jahren war er einem milden selbst gewählten Autismus erlegen - die schönsten Roben seiner Zeit erschaffen.

print