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Karl Lagerfeld: Der "Strichjunge von Chanel"

Er bezeichnete sich selbst als "Strichjunge von Chanel": Karl Lagerfeld ist eng mit dem Modehaus verwurzelt. Seine erfolgreiche Abeit ist ab sofort auch im Museum zu bewundern. Und zur Eröffnung in New York standen die Promis Schlange.

Das Wort "Retrospektive" würde hier niemand in den Mund nehmen. Als "Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit" bezeichnet Kurator Harold Koda die große Chanel- Ausstellung, die an diesem Donnerstag im New Yorker Metropolitan Museum of Art eröffnet wird, und damit weiß er sich auf einer Linie mit Chanel-Designer Karl Lagerfeld.

Rückblick, das bedeutet für Lagerfeld Rückschritt. Immer auf dem Weg zu neuen Ufern ist der wohl berühmteste Modemacher der Welt, in Fachkreisen wird er auch der "Designer, der niemals schläft" genannt. "Ich habe nicht das Bedürfnis nach einer Biografie" trat er kürzlich Meldungen über eine in Arbeit befindliche Lagerfeld-Biografie entgegen. Als mögliche Autorin wurde die "New-York-Times"-Journalistin Cathy Horn genannt. Doch Lagerfeld dementierte.

Fächer und Zopf sind seine Markenzeichen

Seine Geschichte, meint er, sei sowieso anders als das, was über ihn erzählt werde. In der Tat hat sich der aus Hamburg stammende Unternehmersohn nie wirklich in die Karten schauen lassen. Mit weißgepudertem Mozartzopf ("die bequemste Frisur, die es gibt" und "das einzige Mittel, meine eigentlich gelockten Haare zu halten"), Sonnenbrille und Fächer hat er sich zu seinem eigenen Markenzeichen gemacht.

Hinter diesen Insignien verbirgt er die von vielen als äußerst feinfühlig geschilderte eigene Person. Hinzu kommen seine "Kodderschnauze" und der Mut, sich immer wieder neu zu erfinden. Seit seiner legendären Abspeckkur im Jahr 2000, bei der er über 40 Kilogramm verlor, trägt er messerscharf geschnittene Anzüge von Dior Homme oder die eng anliegenden Jacketts der amerikanischen Marke Libertine. Dazu gesellen sich zahlreiche Ringe, Ketten und - wie kürzlich bei einer Ausstellungseröffnung ihm zu Ehren im thüringischen Apolda - ein fünf Kilogramm schwerer Metallgürtel.

Viele Gemeinsamkeiten mit Coco Chanel

"Eitelkeit ist die beste Disziplin", kommentierte er sein "gewichtiges" Accessoire in Apolda. "Man muss sich fit halten, sonst endet man schnarchend im Sessel", meint er. Das Multitalent - Lagerfeld entwirft Mode für verschiedene Häuser, fotografiert, ediert Bücher und hat auch schon Hotels ausgestattet - muss in Bewegung bleiben. Da ist er sich einig mit Coco Chanel, die meinte, eine Frau müsse jederzeit in der Lage sein, im Laufen einen Bus zu erreichen.

Coco Chanel (1883-1971), die den Kurzhaarschnitt, Frauenhosen, Sportlichkeit und so bequeme wie elegante Kleidung in Mode brachte, war Zeit ihres Lebens eine Verfechterin weiblicher Modernität. "Modern", das ist auch ein Lieblingswort von Lagerfeld, der 1983 antrat, der Marke Chanel ein zeitgemäßes Gesicht zu verpassen.

Heute denkt jeder bei Chanel sofort an den Mann mit dem Zopf. Mit 66 Jahren befindet er sich auf dem Zenit seines Ruhms. Als er im vergangenen Jahr eine Kollektion für H&M entwarf, war diese in Windeseile ausverkauft. Die Kunden rissen sich die Teile förmlich aus den Händen.

Vom Designer zum Star

Furore machte auch der Verkauf seiner Marke Lagerfeld Gallery an Tommy Hilfiger. Wo er auftritt, ob in der thüringischen Provinz oder in der Metropole New York: Karl Lagerfeld gleicht einem Rockstar. Auch hier gibt es eine Parallele zu Mademoiselle Chanel: Die stellte mit 70 Jahren die Modewelt noch einmal auf den Kopf und wurde zum Superstar.

Die vielen Bezüge zwischen Coco und Karl, Chanel gestern und heute, werden in der Ausstellung anhand von Dutzenden Kleider- Modellen und Accessoires, Video-Installationen und Zitaten gezogen. Gleichzeitig erscheint ein Katalog, für den Lagerfeld eigenhändig Fotos von Kleidermodellen mit gezeichneten Köpfen oder Gliedern versehen hat.

Hintergrund: Das Metropolitan Museum untersagt es, dass von ihm ausgestellte Kleider noch einmal von Menschen getragen werden. "Die Kuratoren können also nicht in Museumskleidern auf Partys gehen", kommentierte Lagerfeld.

Stefanie Schütte, DPA / DPA