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Karl-Ludwig Rehse: "Darling, you look wonderful"

Aus dem Kohlenpott ins Ankleidezimmer der Königin von England: Karl-Ludwig Rehse ist der deutsche Schneider der Queen - und teilt manches Geheimnis mit ihr.

Manchmal schüttelt Karl-Ludwig Rehse selbst ungläubig den Kopf. "Gerade muss ich daran denken, wie ich ihre Krönung als kleiner Junge zusammen mit meiner Mutter im Kino gesehen habe, in der Essener Lichtburg", erinnert er sich. "Ich war völlig fasziniert. Wenn mir damals jemand gesagt hätte: „Eines Tages wirst du hingehen und Ihrer Majestät die Kleider machen“ - da hätte ich gesagt: 'Du spinnst.'"

Im Schaufenster seiner Londoner Schneiderei hängt das Wappen, das ihn als Hoflieferanten ausweist. Sonst herrscht vornehme Leere. Keine Nähmaschine, keine Kleider, nur ein paar Sitzmöbel. "Manchmal rufen hier Damen an und erkundigen sich nach den Preisen. Dann sage ich immer: 'Gnädige Frau, wenn Sie fragen müssen, was es kostet, können Sie es sich nicht leisten.'"

Wenn der bald Sechzigjährige im besten Upper-Class-Englisch mit seinen Kundinnen spricht, kann niemand vermuten, dass er nicht in Oxford studiert hat, sondern bei seinem ersten Schneidermeister noch Kohlen schippen musste. "Wenigstens habe ich Disziplin gelernt."

Prinz Charles entdeckte den Münchner

Über München kam er in den 60er Jahren nach London in die feine Straße, wo Prinz Charles seine Hemden kauft. 1988 bestellte zum ersten Mal die Queen bei ihm. Er weiß noch genau, wie er sich vor seinem ersten Besuch bei ihr fühlte: "Das war schlimmer als Zahnarzt. Ich war wahnsinnig nervös. Die ganze Pracht im Buckingham-Palast. Dann ging die Tür auf, ich trat ein, machte eine Verbeugung, und sie kam auf mich zu, lächelte, gab mir die Hand. Furchtbar nett."

Der Durchbruch kam, als sie in einem Kleid von ihm nach Spanien flog und König Juan Carlos sie mit den Worten begrüßte: "Darling, you look wonderful." Inzwischen ist die Queen eine von Rehses treuesten Kundinnen. "Nach 17 Jahren kenne ich ihre Figur natürlich gut." Aber noch immer ist er in ihrer Gegenwart "nicht so entspannt, wie ich sein sollte". Warum, weiß er auch nicht: "Sie ist sehr humorvoll, sehr gesprächig, sehr menschlich, sehr, sehr freundlich." Aber eben auch von sehr, sehr hoher Geburt.

Geheimnisse mit der Queen

Mehr ist ihm nicht zu entlocken: "Was die Queen sagt, ist zwischen ihr und mir." Aus diesem Grund will er auch nie wieder in eine Talk- Show. Zwei Mal hat er das getan, "ein großer Fehler. Das war so ein Komiker, der hat eine ganz hässliche Bemerkung über Mrs. Parker Bowles gemacht". Rehse weiß, was er Königin Elizabeth II. zu verdanken hat: "Für mich öffnen sich Türen, die einem normalen Menschen verschlossen bleiben."

Als Höhepunkt seiner Laufbahn betrachtet er den 4. Juni 2002, den Tag ihres Goldenen Thronjubiläums: "Ich verfolgte die Feierlichkeiten im Fernsehen. Als die Queen den Buckingham-Palast verließ, hatte sie zunächst nichts von mir an. Da war ich sehr enttäuscht. Aber am Mittag, als sie im offenen Wagen durch die Menge fuhr, habe ich dann plötzlich gesehen, dass sie sich umgezogen hatte und nun ein korallrotes Kleid von mir trug. Ich kann gar nicht beschreiben, was ich da empfunden habe. Ich bin fast an die Decke gesprungen."

Christoph Driessen, DPA / DPA
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