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Kinderkleidung: Ihr Käuferlein kommet

Zweimal im Jahr werden auf der weltgrößten Kindermodemesse, Pitti Bimbo in Florenz, Luxus-Trends für 4-14jährige gezeigt. Während teure Kidswear im Ausland seit Jahren boomt, entdeckt die deutsche Textilbranche erst jetzt ihre Kunden von morgen.

Morgen wird Nina Sileghem, 7, für AB Soul laufen: mit einer Ahnung von Gold auf den Jeans, auf der Jacke Tiger-Applikationen aus Mohair-Imitat. Davor findet eine Anprobe statt, ein Casting für Miss Blumarine und, jetzt gleich, die Modenschau von Laura Biagotti. Mutter Kristine Sileghem zupft hektisch an ihrer Tochter herum. Als die Kleine mit einer Digitalkamera in der Menge verschwindet, ist die Mama kurz verwirrt: Jetzt gerade könnte Kristine Sileghem nicht genau sagen, wer von den 63 Kindermodels in der Umkleidehalle ihre Tochter ist. Die Mädchen haben alle die gleiche Frisur.

Gewühl, sondern vielmehr an diesem neuen, fremden Gefühl in ihrem Bauch. Das spürt sie, seitdem sie Marco, ebenfalls 7, das erste Mal gesehen hat. Sie muss Marco einfach treffen, heute noch. Dann kann er sehen, wie sie läuft, und bestimmt werden sie dann ein Paar. Immerhin sind Marco und Nina die beiden Topstars von "Pitti Bimbo", der größten Kindermodemesse der Welt. Zweimal im Jahr sind in Florenz knapp 500 Markennamen vertreten, darunter Dior und Tom Tailor, Escada, Levi's und Matell. Allein der italienische Jeanshersteller Diesel hat drei Kinderlinien im Programm: Mode für Menschen von null bis acht. Nina hat Marco vor einem halben Jahr schon mal hier gesehen. Mit zwei "Vogue Bambini"-Covers ist der junge Mann ein Branchenstar. Und wo ist er jetzt? "Bei einem Shooting für das Magazin "Fashion"", sagt Kristine Sileghem. Während Nina von einer streng wirkenden Dame umgezogen wird, nimmt Laura Biagotti am Laufsteg Platz. "Hier werden sie gleich die Zukunft sehen", flüstert sie. "Die Mädchen von heute sind die Frauen von morgen. Laura-Biagotti-Frauen."

Schon beginnt die Schau.

Sie ist ein gewaltiges Spektakel wie andere Schauen der Pitti Bimbo auch. Vor wenigen Stunden ließ Gianfranco Ferré blonde Vierjährige hinter Nussknackern aufmarschieren, neben sich kleine Diven in echtem Nerz. Kurz darauf führte der Sportartikler Everlast sehr süditalienisch wirkende Mädchen in monochromen Sportanzügen achtjährigen Breakdancern mit Sixpack am Bauch zu. Und jetzt erscheint das Pappcastello "Marco Simone" im Laufsteghintergrund. Das echte Schloss, ein restaurierter Renaissancepalast, wird von Laura Biagotti bewohnt, als sei ihr ganzes Leben eine Replik auf ein Märchen. Durch künstliche Winde beschleunigt, flattern die Mädchen auf den Laufsteg, man sieht viel Cashmere und Jeans mit Samt und Schleifen. Ein Raunen geht durchs Publikum, als Nina Sileghem leicht verrüscht an der Rampe des Catwalks steht. Nina hält die Luft an, dann schreitet sie wieder zurück. Alle sind zufrieden, alles ist sehr gut gelaufen. Nur Marco ist nicht zu sehen. Am nächsten Morgen hält die Marke Cavalli Hof. Die Kollektion wirkt vergleichsweise kindgerecht, weite Hosen und bunte Pullover, bei denen man sich tatsächlich vorstellen kann, dass sie getragen werden. "Kinder", weiß Cavallis Tochter Cristina zu berichten, "träumen bis zum Alter von sechs Jahren zu 80 Prozent von Tieren. Deshalb arbeiten wir besonders gerne mit Löwen- und Elefanten-Motiven. Ist das nicht schön?"

Der Rest ihrer Rede geht unter in plötzlich aufbrandender, sehr italienischer Stampfmusik. Eine Fernsehmoderatorin mit Anastacia-Brille tanzt die Kinder auf dem Laufsteg ein. "Es hat mir sehr gut gefallen", wird sie nach der Schau in die Mikrofone sagen. "Die Kinder haben sehr gut repräsentiert." Luftballons knallen, doch es sind Techniker, nicht die Kinder, die sich damit vergnügen. Dann wird die Halle zugesperrt.

So wendet sich

das Publikum den Messeständen zu - mit Adidas-Schuhen für Zweijährige, Ralph-Lauren-Poloshirts für Babys und Motorradstiefeln der Größe 26 mit Dior-Schnallen. Weil die Zahl der Konsumenten aufgrund der demografischen Entwicklung in Europa schrumpft wie nie zuvor, wird es für mehr und mehr Unternehmen zur Frage des Überlebens, über Zweit- und Kidswear-Linien an immer weniger Kunden immer mehr zu verkaufen.

Da trifft es sich für die Textilindustrie gut, dass Eltern laut Statistischem Bundesamt auch in Deutschland bis zur Hälfte ihres monatlichen Haushaltsnettoeinkommens für ihre Kinder ausgeben. Und nicht nur sie: Die Kinder selbst werden heute viel früher zu Kaufentscheidern. Die Gruppe der Sechs- bis Dreizehnjährigen verfügt hierzulande über die stattliche Summe von 5,6 Milliarden Euro pro Jahr.

"Allerdings", meint Ralf Ehresmann, langjähriger Sprecher von Pitti Bimbo, "ist Luxusmode für Kinder in Deutschland immer noch ein heißes Eisen." Viele Einkäufer aus Deutschland, beobachtet er, führten ihre Gespräche mit Anbietern in Florenz, als ginge es um etwas höchst Unanständiges. "Während es in den Ländern Südeuropas als Ausdruck der Kinderliebe gilt, kleine Mädchen und Jungen teuer anzuziehen, ist das in Deutschland ein Zeichen für Dekadenz und Untergang." Der Grund liege, so Ehresmann, in der Kultur der Feste, die in den intakten italienischen Großfamilien noch fest verankert ist. "Für italienische Großmütter hat es nichts Unnatürliches, ihrem fünfjährigen Enkel eine pfiffige Designer-Mütze zu schenken. Ihr deutsches Pendant würde ihm eher das dritte Dreirad kaufen."

Für Kristine Sileghem ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ihre Tochter Nina immer gut angezogen ist - nach dem Motto "nicht übertrieben, nicht sexy oder billig". Nach den Gagen ihrer Tochter gefragt, verschränken sich die Hände der 37-Jährigen vor dem Kopf, als wollte sie feindliche Strahlen abwehren. Kristine Sileghem ist Deutsche, irgendwann zog sie mit ihrem Mann auf die Insel Albarella am Podelta, wo der Familie nun ein Jetski-Verleih und ein kleines Stück vom Strand gehören.

"Wo ist denn jetzt dein kleiner Freund?", stößt sie ihre Tochter an. Wäre doch nur Ninas Lover hier, es käme endlich etwas Ordnung in den Tag. "Ach… Marco", seufzt Frau Sileghem. "Marco kleidet sich gerne elegant." Es klingt, als sei Kristine Sileghem selbst verliebt, zum allerersten Mal.

In den Biegungen

der Gänge, in denen die Cover-Shootings für "Vogue Bambini" und "Fashion" stattfinden, herrscht Stille. Obwohl sehr viele Kinder da sind. Sie sitzen auf den Stühlen wie beim Zahnarzt. Wird ein Name aufgerufen, eilt hastig eine Mutter herbei. Wie jetzt, als die Sileghems endlich Marcos Mutter finden, die gerade zum Fotografen bestellt wird. Und da ist Marco auch schon. Der Siebenjährige lächelt auf Kommando, biegt sich vor und zurück, zieht sich an und wieder aus. Die Sileghems warten.

"Das Warten", meint Ralf Ehresmann, "gehört hier für alle zum Geschäft: für die kleinen Models, die auf ihr Shooting warten, aber auch für viele deutsche Modehäuser, die den baldigen Durchbruch des Luxussegments für Kindermode zwar ahnen, aber die Initialzündung nicht selbst geben wollen. Sie alle verharren zurzeit in einer seltsamen Starre."

Allrounder wie der deutsche Bekleidungsriese Tom Tailor haben bereits gehandelt und profitieren vom frischen Wind im Kidswear-Bereich. "Wir achten aber schon sehr darauf, dass wir nur gemäßigte Trends für die Kleinen darstellen", sagt Tom-Tailor-Produktmanager Oliver Schröder. Hüfthohe Jeans und strassbesetzte Oberteile fehlen in den vier Kinderkollektionen des Mainstream-Modeherstellers völlig. "Gerade in der Balance liegt der Schlüssel zum Erfolg in Deutschland", begründet Schröder die Umsatzsteigerungen, die Tom Tailor mit den Linien Miniboys und Minigirls in den vergangenen drei Jahren erzielen konnte. "Was bei uns nach wie vor zählt, das ist nicht Style - das sind Tragbarkeit und Komfort!"

Am Ende eines langen

Kindermodetages in Florenz springt plötzlich ein aufgeregter Marco aus einer der Shooting-Kabinen und reicht Nina ein riesiges Herz aus Styropor. Marco war nämlich doch gekommen, zu Ninas großem Auftritt. Er hatte sich heimlich hineingeschummelt, in die AB-Soul-Show und hatte seinem Mädchen die Daumen gedrückt. Jetzt erklärt er mit einem Erwachsenenlächeln, wie professionell Nina den Catwalk beherrscht.

Ninas Haut glüht. Das ist immer so, wenn Marco in ihrer Nähe ist. Die beiden verabreden sich. Die Eltern verabreden sich. Man will sich kennen lernen, außerhalb der Schauen. "Marco will später Profi-Model werden", erzählt Marcos Vater Ninas Mutter, "er hat gerne schöne Sachen an." Marcos Vater ist Polizist, man merkt, dass es ihn Überwindung kostet, dem Berufswunsch seines Sohnes etwas abzugewinnen. Marco und Nina flüstern sich leise etwas ins Ohr. Dann ist sie weg, die Marco-Familie.

Plötzlich ist es sehr still. Ninas Augen sind jetzt klar und kugelrund. Das erste Mal an diesem Tag sieht sie aus wie sieben.

Ingo Mocek / print