Kosmetik Lackieren


Der neue Mann zieht die Lippen nach, manikürt seine Nägel und bekämpft die Falten. Er entdeckt seine weibliche Seite und gilt als metrosexuell. Der Schönheitsmarkt für Herren boomt. Ein Selbstversuch

Der neue Mann zieht die Lippen nach, manikürt seine Nägel und bekämpft die Falten. Er entdeckt seine weibliche Seite und gilt als metrosexuell. Der Schönheitsmarkt für Herren boomt. Ein Selbstversuch

Stehst im Bad, schaust in den Spiegel und denkst: Das Leben sollte mit der Geburt enden und nicht umgekehrt. Gehst zuerst ins Altersheim, wirst rausgeschmissen, wenn du zu jung wirst, spielst danach Golf, kriegst ’ne goldene Uhr, beginnst zu arbeiten. Anschließend gehst auf die Uni. Genießt das Studentenleben. Nimmst Drogen, säufst. Nach der Schule spielst du fünf, sechs Jahre, dümpelst neun Monate in einer Gebärmutter und beendest dein Leben als Orgasmus.

Hat Donald Sutherland mal gesagt, bestimmt, als er sich Gedanken übers Älterwerden machte. War 65 damals. Wartungsarbeiten für Männer beginnen heute allerdings wesentlich früher. Gesichtspflege, Enthaarungsmaßnahmen, Haartönungen. Mittlerweile fester Bestandteil von Ego-Tuning und Selbstdesign.

Aktueller Stand, morgens kurz nach acht im Bad: Jede Falte erzählt eine Geschichte. Klingt gut, sieht aber schrecklich aus. Unter den Augen olympische Ringe. Auf der Stirn schlagen Falten hohe Wellen. Feine Linien im Gesicht, günstigstenfalls gehen sie als Charakterzüge durch. Die Lippen aufgerissen, wirkst ganz spröde. Tiefer der Schildkrötenhals. Und überhaupt, warum hat die Kollegin aus dem Moderessort gerade dich gefragt? He?

Hab vor mir ’nen Karton voller Kosmetik für Männer. Und ’nen Stapel Artikel übers neue Geschlecht: den metrosexuellen Mann. Voll im Trend. Im Feuilleton und auf den Modeseiten.

Also metrosexuell. Klingt nach schnellem … Schon gut. Natürlich bedeutet es nur das, was Trendforscher für den Mann herausgefunden haben wollen: sich mal die Fingernägel schwarz anmalen, sich maniküren las-sen, mit Pferdeschwanz rumlaufen, 41 Paar Schuhe haben, Lidschatten verwenden. Also David Beckham spielen. Ist Silvio Berlusconi auch metrosexuell? Der Typ schminkt sich und lässt über Kameras einen Seidenstrumpf stülpen, weil dieser angeblich Falten verwischt. Scusi, war nur ’ne Frage.

Noch mal: metrosexuell. Oder wie Jean Paul Gaultier seinen Kunden so schön schwulosophisch ins Ohr säuselt: "Ist Schönheit das neue Recht des Mannes?" Mais oui, Monsieur! Bloß her damit! Wenn er schon nichts anderes mehr hat. Das Problem fängt allerdings damit an, dass die Freundin erklären muss, dass der schwarze Edding nicht nur ein Kajalstift ist, der samtene Augen schenkt, sondern auch ein Pickel-Abdeckstift. Und das, was man für einen Lipgloss hält, ist zum Aufhübschen der Nägel. Ein farbloser Lack. Super, merkt keiner. Nägel sehen lebendiger aus. Selbst abgekaute. Aber der Kajalstift! Vergesst es! Geht bei den Tuareg. Hier benutzen so was nur Typen, denen man sagen müsste: Wenn du weiter so in den Spiegel starrst, wirst du dich noch selber schwängern.

Dann die Gesichts-Emulsion. Für den Morgen danach. Ein Teintminator, laut Gaultier. Soll Spuren durchzechter Nächte wegbügeln. Ausprobiert, der Teint blieb grau, die Müdigkeit im Gesicht. Wohl was mit Langzeitwirkung, gell?

Das absolute Lieblingsstück der Kollektion: ein Puder. Sonne aus der Dose für den Stadtmenschen mit farblosen Zügen. Wird, wieder laut Gaultier, "in einer männlichen Geste mit dem Pinsel aufgetragen". Unter uns, Monsieur Gaultier: Was, bitte schön, ist eine männliche Geste mit dem Pinsel? Immerhin: Macht den Besuch im Solarium überflüssig. Nun wird’s heikel. Lippenstifte für den Mann. Noch mal: Lippenstifte für den Mann. Geht gar nicht. No way. Oder doch. Sind nämlich farblos. Unsichtbar. Naturfarben. Und schmecken ganz lecker nach Piña Colada.

LancÔme überbietet alles. Mit der Relax Mask. Ein Vlies zum Auflegen. Zehn Minuten lang. Sieht aus wie ’n Erfrischungstuch. Mit Schlitzen für Augen und Mund. Wirkt wie ’ne kleine Gesichtsdusche. Soll den Stress in die Flucht schlagen. Kein Problem. Und die Kollegen auch. Man sieht damit wie Hannibal Lecter aus. Nützlicher Tipp aus dem Schminkkasten: Nie im Büro ausprobieren. Niemals!

Diese Geheimwaffen der Verführung haben ihren Preis. 38 Euro für den Puderkasten. Sind 15 schnelle Biere bei Olaf um die Ecke. Oder ’n schöner hinterngewärmter Sitzplatz bei Pauli gegen Holstein Kiel. Man muss ja alles einordnen.

Lese, der Markt für Männerkosmetik sei im vergangenen Jahr um 44 Prozent gewachsen. Nur, Metro hin und Hetero her: Wenn Mann die ganze Palette an Schönheits-Doping benutzt, sieht er aus wie ’ne Schwuchtel.

Damit das mal klar ist: Männerkosmetik geht nur, wenn man sie nicht sieht. Und was ist mit all den Weichmachern in Cremes und After-Shaves? Geht das nicht zulasten der Manneskraft? Behaupten doch Studien. Oder ist das gleichzeitig die modernste Verhütungsmethode?

Anruf beim Kumpel. Hautprobleme schweißen Männer enger zusammen. Is wirklich wahr. Danny, bester Freund und, was in diesen Tagen besonders zählt, Dermatologe. Belehrt mich: Männliche Haut ist 30 Prozent dicker als die der Frauen, hat 20 Prozent mehr Hornschichtlagen. Mach mal keine Panik. Unsere Haut, sorry, ihr Frauen, altert deshalb 15 Jahre später. Bleibt länger straffer. Haben also noch ’n bisschen Zeit. Schöne Grüße an Monsieur Gaultier. Wir kommen bestimmt auf Sie zurück. Versprochen.

Giuseppe Di Grazia


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