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Männerkosmetik: Reine Glaubenssache

Früher taten's Deo und After Shave. Heute birst sein Waschtisch schier vor Dosen und Tuben. Denn der Markt der Männerkosmetik boomt. Die Frage aber bleibt: Wie viel Creme braucht Mann wirklich?

Schönheit liegt im Auge des Betrachters - das behauptet eine Redensart. Wer aber die Testlabors der Firma Beiersdorf in Hamburg betritt, erfährt etwas anderes: Für den Kosmetikkonzern ist Schönheit messbar. Bei exakt 21,5 Grad Celsius Raumtemperatur und 45 Prozent Luftfeuchtigkeit wird erforscht, welche Spuren das Leben auf unserer Haut hinterlässt. Dafür stehen Geräte bereit, die beispielsweise die Tiefe von Falten anzeigen. Das bittere Ergebnis: Selbst dort, wo das Auge eine straffe Oberfläche sieht, zeigt die Vergrößerung eine Schluchtenlandschaft, die an fremde Planeten erinnert.

Beiersdorf, bekannt vor allem für seine Marke Nivea, hat sich diese Tests ausgedacht, um die Arbeit von Männern wie Thomas Blatt zu unterstützen. Blatt erforscht den Alterungsprozess der Haut. "Man muss der Haut die Energie zurückgeben, die sie mit den Jahren verliert", erklärt er, als er durch sein Labor führt. Inmitten von Apparaturen, denen man durchaus auch zutraut, seltene Krankheiten zu ergründen, hat der Biologe ein Mittel für diese Energiezufuhr gefunden. Es trägt den Namen "Q10" und beschert seinem Arbeitgeber erstaunliche Umsätze in der Männerpflege: Der Sektor legte im vergangenen Jahr um 42 Prozent zu. Verantwortlich dafür ist vor allem die "Nivea for Men Energy Creme Q10" im praktischen Dosierspender, der ein wenig wie eine dunkelblaue Handgranate aussieht. Sein Inhalt: eine dickflüssige Creme, die nicht fettet und nicht duftet. Irgendwo in dieser Masse befindet sich Q10, eine vitaminähnliche Substanz, welche die Produktion körpereigener Energie anregen soll und laut Thomas Blatt dafür sorgt, dass sich Zellen regenerieren. Was immer mehr Männern offenbar immer wichtiger erscheint.

Die Zuwächse bei Nivea

sind keine Ausnahme: Der gesamte Markt der Gesichtspflegeartikel für Männer boomt. Laut dem Verband der Vertriebsfirmen kosmetischer Erzeugnisse verzeichneten die Hersteller 2004 ein Plus von 11,2 Prozent bei Gesichtspflegeartikeln für Männer. Eine Marketinganalyse der Kosmetikbranche zählt in Deutschland 10,64 Millionen Männer, die regelmäßig ihr Gesicht pflegen. Bis 2008 soll der Männermarkt jährlich um 19 Prozent wachsen, sagt eine Studie des Hamburger "Trendbüro" voraus.

Davon profitiert zum Beispiel der Kosmetik-Gigant L'Oréal, der neben der hochpreisigen Biotherm-Linie auch die etwas günstigere Serie Men Expert bereithält. Der Wirkstoff hier heißt ADS, was - ähnlich wie Q10 - eher nach einem Tuning-System für Autos klingt. Dazu kommen Firmen, die ihr Pflegerepertoire um Männerprodukte ergänzt haben, unter ihnen Clarins, Lancôme, Shiseido, Clinique und Declaré. Immer mehr Marken bieten mittlerweile sogar ausschließlich Männerprodukte an, etwa Zirh und Anthony Logistics aus Amerika oder Nickel aus Frankreich. Bei der reichen Auswahl stellt sich die Frage: Wie viel Pflege braucht ein Mann wirklich? "Eigentlich reicht der Männerhaut eine Feuchtigkeitscreme", sagt Martina Kerscher, die an der Universität Hamburg als Professorin für Kosmetik lehrt. Kerscher weiter: "Wer aber etwas gegen Falten unternehmen möchte, kann dies am besten mit Cremes tun, die Vitamin A oder C enthalten." Von Q10 erwartet sie einen ähnlichen Effekt, fügt aber hinzu, dass zu wenige wissenschaftliche Daten vorlägen, um die genaue Wirkung dieser Substanz an der Haut nachzuvollziehen. Wer regelmäßig creme, so die Professorin, könne davon ausgehen, dass nach sechs Monaten die ersten kleinen Falten verschwänden - "davor sind die Effekte meist nur mit Ultraschall messbar", so Kerscher.

Auch Beiersdorf-Angestellte geben zu, dass die Beweislage trotz hauseigenen Testlabors dünn sei: "Wir wissen nicht, wie ein Proband in fünf Jahren ohne unser Produkt aussähe", sagt eine Labormitarbeiterin.

Pflege ist Glaubenssache. Je nach Glaubensstärke sieht demnach der Waschtisch eines Mannes aus. "Früher reichte das Birkenwasser, heute muss es die Rescue Creme sein", fasst Peter Wippermann vom "Trendbüro" zusammen. Ein voll gestelltes Waschbecken sei nicht Ausdruck einer femininen Ader im Mann, sondern meist eine Möglichkeit der Leistungsverbesserung: "Wer Geld verdienen will, muss auch äußerlich etwas zu bieten haben", so Wippermann. "Männer denken funktional", sagt der Trendforscher weiter. "Das Auto wird in der Waschstraße, das Gesicht mit einer Anti-Aging-Creme behandelt." Im erhöhten Pflegebedürfnis sieht Wippermann einen Beleg für das Methusalem-Komplott: "Die älter werdende Gesellschaft will sich verjüngen. Väter eifern ihren Söhnen nach." Ihren Söhnen, in deren Teenager-Sporttaschen vor lauter Pflegeprodukten kaum mehr Platz für Schuhe und ein Trikot sei.

Doch bei vielen Vätern herrscht noch eine Schwellenangst bei Parfümerien. Sie kaufen, auch dies eine Beobachtung des Trendforschers Wippermann, gern in Flughafenläden - noch lieber aber im Internet. Dort gibt es für sie einen eigenen Shop: Unter www.tonsus.de finden sich handverlesene Pflegeprodukte für den Mann, etwa die Rasiercreme der portugiesischen Seifenmanufaktur Musgo Real, die früher ausschließlich Adelshäuser belieferte. Zusammengestellt hat diese Produkte Christian Weishäupl, der Betreiber von Tonsus. Weishäupl ist der Meinung, ähnlich wie die Kosmetik-Professorin Kerscher, dass mit einer guten Seife und einer Feuchtigkeitscreme die Grundbedürfnisse der Männerhaut befriedigt seien; dennoch empfiehlt er, eine Reinigungsmaske zumindest mal auszuprobieren: "Warum soll ich mich nach einem erfolgreichen Geschäftstag nur mit einem Bordeaux oder einer Zigarre belohnen? Warum nicht mal auch mit einer entspannenden Gesichtsmaske?"

Dies gelte übrigens nicht nur für Manager. Unter den Tonsus-Stammkunden befinden sich laut Weishäupl auch einige Pfarrhäuser. Pflege ist also tatsächlich Glaubenssache.

Oliver Creutz / print