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stern-Stimme Maries Modelcheck: Model Sandra Hunke: Morgens Toiletten reparieren, nachmittags auf den Laufsteg

Sandra Hunke ist halbtags Klempnerin, den Rest der Zeit arbeitet sie als Model. Kann das funktionieren? Ein Gespräch über Presslufthammer, die Untiefen des Model-Business und Penis-Fotos.

Von Marie von den Benken

Model Sandra Hunke

Model Sandra Hunke arbeitet halbtags als Klempnerin

Die Themen Luxus und Trash-TV sind zu vereinen. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Als ich im Sommer bekannt gab, Autorin für "Promi Big Brother" zu werden, hagelte es Nachrichten und Kommentare à la "Oh nein, damit machst du doch deinen Ruf kaputt". Würde Karl Lagerfeld ein Model hassen, das gleichzeitig bei Sat.1 Moderationstexte schreibt? Kann ich mir nicht vorstellen. Und wie ist es mit einem Model, das gleichzeitig Klempnerin und Darstellerin im RTL2-Format "Die Schnäppchenhäuser" ist? Ich denke, Karl würde es lieben. Aber ich bin selber in die Welt zwischen Kloschüsseln und Catwalk eingetaucht und habe mit Sandra Hunke gesprochen. Sandra ist halbtags Klempnerin, den Rest der Zeit arbeitet sie als Model. Und das nicht für Flyer des Fitness-Studios in ihrem 800-Seelen-Dorf, sondern zum Beispiel auf der Fashion Week.

"Gas, Wasser, Scheiße" - wie Werner, nur halt hübsch

Als Sandra aufwächst, hat sie mit Paris, London oder Berlin, mit "Vogue" und "Elle", mit der Modelbranche nicht viel zu tun. In der Schule wird sie links liegen gelassen. Zu schlaksig, rote Haare, tausend Sommersprossen. Kein Schönheitsideal in der Mittelstufe. Groß, schlank, außergewöhnlich. Die wenigsten Topmodels von heute waren Schönheitsköniginnen auf den Schulhöfen ihrer Kindheit. Die Jungs, die Sandra früher mobbten, schreiben ihr heute glühende Liebesbriefe via Instagram. Zeiten ändern sich, Menschen auch. Sandra zum Beispiel. Wie alle in ihrer Familie startet sie ihre berufliche Laufbahn erst mal unter dem Vorsatz "Handwerk hat goldenen Boden" und macht eine Ausbildung zur Anlagemechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Kaum ein Job klingt weiter entfernt von den Catwalks der Fashion-Welt. Als irgendwann die Wahl zur "Miss Handwerk" ansteht, meldet eine Freundin sie an und Sandra wird aus dem Stand Zweite.

Das weckt Begehrlichkeiten. Anfragen häufen sich. Das unbekümmerte Dorfmädchen in der bunten Glitzerwelt. RTL2 möchte sie unbedingt für das "Aschenputtel Experiment" gewinnen. Pragmatisch wie sie ist, rechnet sie sich aus: Ich brauche einen neuen Sattel für mein Pferd. Ein Sattel ist teuer – ich mach's! Im "Aschenputtel Experiment" soll sie das unscheinbare, farblose Pendant zu Rebecca Kratz sein, die sich als Prinzessin inszeniert. Eine folgenschwere Fehleinschätzung der Produktion. Sandra zieht alle Sympathien auf sich und ist am Ende die klare Siegerin. Modelagenturen melden sich, RTL2 will weitere Formate mit ihr drehen.

Von Oesterholz-Haustenbeck nach Paris

Sandra Hunke

Sandra Hunke bei ihrer Arbeit als Klempnerin

Plötzlich steckt sie in einem anderen Leben. Unverhofft und ohne große Vorbereitung. Von der verstopften Toilette auf die internationalen Laufstege. Gleichzeitig wird sie für RTL2 Protagonistin des Formats "Die Schnäppchenhäuser". Der Sender verfolgt in mehreren Episoden, wie sie gemeinsam mit ihrem Freund Marc ein altes Mietshaus renoviert. Mit den eigenen Händen. Marc ist übrigens mittlerweile ihr Verlobter. Den Antrag gab es ganz romantisch nach einer Fashion Show auf der Fashion Week in Berlin. Ihren Job als Klempnerin wird sie dennoch nicht aufgeben. Sie trotzt den Mechanismen der Fashion-Branche. Mehrmonatige Casting-Aufenthalte im Ausland, wie sie beim Aufbau eines internationalen Models üblich sind, lehnt sie ab: "Ich kann mein Pferd doch nicht so lange alleine lassen". Alleine mit diesem Satz hat sie mein Herz bereits erobert. Es folgen aber noch viele weitere interessante. Warum sie nicht hauptberuflich Model wird? "Ich möchte irgendwie einfach das kleine Baumädchen bleiben und ab und an bin ich auch mal gerne Model, das ist so als wenn man Prinzessin spielt". Was im ersten Moment wie ein Hollywood-Film-Klischee klingt, wird wenige Sekunden danach real. Sandra schiebt sich ihre Schutzbrille runter, greift zum Presslufthammer und stemmt mal nebenbei eine Wand für eine neue Wasserleitung auf.

Bitte schicken Sie keine Penisbilder

Wie unbeschwert und erfrischend unchoreographiert sie ihr Leben sieht und Fragen dazu beantwortet, macht es schwer, ihr nicht eine gigantische Karriere zu wünschen, und gleichzeitig darauf zu hoffen, dass sie einfach so viel Zeit wie möglich mit ihrer Familie in der beschaulichen Heimat verbringen kann. Dass sich ihre Verlobung auf ihre Karriere als Model auswirkt, glaubt sie nicht. Aber, dass es Probleme beseitigen könnte, denen man als gutaussehende, junge Frau im Zeitalter von Social Media leider ausgesetzt ist: "Vielleicht bekomme ich jetzt weniger Penis-Fotos". Sandra hadert mit der Spezies Mann an dieser Stelle besonders: "Was denken sich Männer, wenn sie Bilder von ihrem Penis verschicken? Gibt es tatsächlich Frauen, die den Mann ihres Lebens anhand von Penis-Fotos casten?"

Bilder von Geschlechtsorganen wildfremder Männer sind aber nicht die einzigen Schattenseiten eines Lebens als . Dubiose Angebote an jeder Ecke. Auch da hat Sandra immer eine klare Linie verfolgt: "Habe ich nie angenommen, so was. Kein Scheich konnte mich nach Dubai locken. Keine Model-Kollegin überreden, mit auf eine Yacht zu kommen. Das sind doch immer die gleichen Sprüche. Wir chillen da einfach. Ja nee ist klar." Dabei sind das finanziell durchaus verlockende Offerten. Trotzdem: "Ich bin Model und kein Escort Girl. Wer es machen möchte, bitte. Den meisten Mädchen fällt das sicherlich leichter, als ein verstopftes Klo zu reinigen. Mir aber nicht."

Kannst du mir Unterwäsche schicken?

Sandra Hunke

Sandra Hunke als Model

Sandra ist mit einem Jutebeutel vom Discounter genau so zufrieden, wie mit einer Chanel-Tasche. "Versteh mich nicht falsch: Eine Chanel-Tasche hätte ich schon gerne, die sind mega! Aber ich bin auch ohne glücklich." Statussymbole, letztendlich der Motor der gesamten Luxusindustrie, sind ihr nicht so wichtig: "Ich habe nie das Verlangen gehabt, schnell reich oder berühmt zu werden. Warum auch? Ich wollte immer glücklich sein." Bis vor einem Jahr fuhr sie einen 20 Jahre alten Polo. Mittlerweile hat sie sich einen Audi Q5 erspart. "Damit lässt sich mein Pferd jetzt besser transportieren." Für Sandra geht die Rechnung auf. Aber was rät sie jungen Mädchen, die selber Model werden möchten?

"Ich hatte Glück und kam schnell zu großen, seriösen Agenturen. Dadurch wuchs mein Vertrauen in die Brache. Das ist wichtig. Gerade am Anfang muss man als junges Mädchen sehr aufpassen. Meine Mutter und später mein Freund haben mich immer begleitet. Wenn das im Vorfeld abgelehnt wurde, habe ich den abgesagt. Man glaubt nicht, welche verdorbene, fast schon kriminelle Energie in einigen Menschen schlummert: Darf ich dich nackt fotografieren? Darf ich dich auf eine Shooting-Reise mitnehmen? Kannst du mir vorab Unterwäsche schicken? What? Nein, Mann! Das kann ich nicht!"

Casting oder One-Night-Stand?

Es gibt aber auch Männer, die kann man nicht so leicht als unseriös identifizieren: "Mit einer offiziellen E-Mail Firmenadresse schrieb mich ein Mann an, er suche ein Model für eine Norwegische Biersorte. Soweit schlüssig. Er stand sogar auf der offiziellen Firmenseite. Es wirkte alles seriös, in einem Café in Köln sollte das stattfinden. Meine Mutter nahm ich trotzdem mit. Wir gingen getrennt. Schnell wurde es privat. Er erzählte, dass er gerade Single und sein Hotel zufällig in der Nähe sei. Als er merkte, dass ich misstrauisch wurde und nicht alleine war, stand er auf und ging. Seinen Kaffee und meinen Kakao habe dann ich bezahlt. Mit etwas weniger Taschengeld und um eine Erfahrung reicher ging es zurück aufs Dorf. Namhafte Konzerne und Designer suchen ein Gesicht für ihre Kampagne und keine Betthäschen. Aber das muss man erst mal lernen."

Ich bin es echt Leyk

Auch Prominente mischen gerne in der Modelszene mit und schauen, ob nicht die eine oder andere Eroberung für sie abfallen könnte. Von plumpen Einladungen, mal über ein Wochenende eine mögliche Kinofilm-Rolle in einem schönen Hotel zu besprechen, bis zu Heiratsanträgen hat Sandra da auch schon alles durch. Manchmal wird es dabei dann aber wenigstens lustig. Wie mit Jan Leyk. Seine WhatsApp-Avancen darf ich hier exklusiv erstmals der Öffentlichkeit präsentieren:


"Das ist doch wenigstens mal nett. Und wenn du die Nachricht wirklich zeigst, dann schreib aber auch, dass ich mal wieder auf cool machen wollte, und erst mal Sarah Lombardi falsch geschrieben habe. Echt typisch." Sandra hat den Spagat geschafft. Sie ist Baumädchen, TV-Protagonistin und Model. Sie lebt zwischen Schützenfest auf dem Dorf ("Da essen alle frittierte Calzone und betrinken sich dann drei Tage") und den europäischen Metropolen ("Klar mag ich diese schicken Italiener, bei denen in der Sahnesauce Lachs und Trüffel schwimmen und kein Press-Schinken"). Sie weiß, dass RTL2 kein Fernsehen für die Bildungselite macht, aber sie hat auch hier eine klare Sicht auf die Dinge: "Ich denke mir, nicht der Sender ist entscheidend, sondern der Mensch. Ich bin ich, egal wo es ausgestrahlt wird. Ich werde ja nicht dumm, weil ich mich bei RTL2 zeige. Wenn man jemanden von 'Frauentausch' bei arte zeigt, wird der ja auch nicht automatisch intellektuell." 

Laufsteg des Lebens

Am Ende sind es die Momente und Erfahrungen aus allen ihren Leben, die Sandra so besonders machen. Ein Model mit ihrer Vita findet man so schnell nicht noch mal. Eine Klempnerin auch nicht. Ihren schönsten Moment als Model beschreibt sie dann auch irgendwie so, als würde die Klempnerin eine fremde Frau im Fernsehen sehen: "Ich liebe den Moment, kurz vor der Show. Die Hektik, das Styling und dann - Musik und raus! Plötzlich stehe ich, das Dorfmädchen, auf dem Laufsteg. Freude, Adrenalin, Blitzlicht, Promis in der ersten Reihe. Auch wenn es nur die Lochis sind. Aber seien wir doch mal ehrlich: Die haben mehr Abonnenten als so mancher Schauspieler in der ersten Reihe auf der Fashion Week in Paris - und daran wird man doch heute gemessen, oder nicht? Und mittendrin: Schreite ich über den Laufsteg." Ich bin sicher, Sandra Hunke wird noch auf vielen für Furore sorgen. Und noch viele Kloaken-Badezimmer in Wellness-Oasen verwandeln. Nur als schnelle Eroberung eines Trittbrettfahrers der Fashion-Branche oder eines steinreichen Scheichs wird man sie nie erleben. Und das ist gut so.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie