HOME

Michael Michalsky: Die Rückkehr der dicken Hose

Er war faul, er konnte nicht zeichnen, er wollte raus: 20 Jahre später besucht Michael Michalsky wieder sein Heimatdorf - als Designer mit Auftraggebern wie Tchibo und mit großen Plänen. Heute kommt seine erste Kollektion für den Kaffee-Röster in die Läden.

Von Mareile Grimm

"So, ihr kennt mich also nicht? Ihr kennt mich besser, als ihr denkt!" Spöttisch blickt Michael Michalsky auf eine Gruppe Achtklässler herab, die unbeholfen und lustlos an Gipsblöcken herumkratzen. "Eine Skulptur entsteht aus unendlich vielen Umrissen", hat die Lehrerin an die Wandtafel geschrieben. Doch Henry Moore und sein Kunstverständnis interessiert die Schüler an diesem Montagmorgen nicht halb so sehr wie der merkwürdige Typ mit den tief sitzenden Jeans und den Brillis im Ohrläppchen. "Du da drüben, dein Sweatshirt habe ich designt", doziert der mit großer Geste und durchdringender Stimme, "und hier vorn, der Turnschuh ist von mir. Ach, und den Rucksack da hinten habe ich mir auch ausgedacht. Na ja, ich hatte schon bessere Ideen." Noch immer blicken die Schüler etwas skeptisch auf den kahl geschorenen Hünen, der sich in ihrem Zeichensaal in Mackerpose setzt. Erst als das Stichwort Adidas fällt und Michalsky erklärt, dass er elf Jahre lang für das Design des Sportartikelherstellers verantwortlich war, ist das Eis gebrochen. Die 13-Jährigen wollen alles wissen über die HipHop-Stars wie Missy Elliott, die Michalsky zu Kooperationen bewegt hat, und die Sportgrößen wie David Beckham, die er ausgestattet hat. Dass auch er früher Schüler am Theodor-Mommsen- Gymnasium in Bad Oldesloe war, wussten sie nicht. "Cool", sagt einer, "aus dem gleichen Kaff wie wir und so ’ne große Nummer."

20 Jahre ist das jetzt her. Seitdem hat den heute 39-Jährigen wenig in seine alte Heimat zurückgezogen. "Ich hasse die Provinz", sagt er, "aber sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin." Die Idee, noch einmal herzukommen, an die Orte, die ihn geprägt, zu den Menschen, die ihn begleitet haben, findet er "strange, aber auch supaa geil". Michalsky spricht tatsächlich so, ein krudes Denglisch, gespickt mit reichlich PR-Vokabeln und im Zungenschlag eines Hamburger Werftarbeiters. Er schwadroniert unaufhörlich und über mehrere Oktaven hinweg, aber so sei nun mal seine Personality, sagt er. "What you see is what you get." Als "Misfit von Meddewade" habe er sich in seiner Jugend gefühlt, als Außenseiter des 788-Seelen-Dorfes in Schleswig-Holstein. Der "ultimative Kick-off" für seine Designerkarriere sei eine Modegeschichte im stern gewesen. Surrealistische Kreationen gab es da 1983 zu sehen, Duschbrausen auf Abendkleidern, Schraubenschlüssel als Ohrgehänge. Entworfen hatte das Karl Lagerfeld. An diesem Tag hat Michalsky beschlossen, irgendwann mal das "most glamourous fashion office von Deutschland" zu führen, die heißeste Modefirma der Republik.

Nicht im Verborgenen bleiben

Seine eigene Marke hat er nun, ab Juli wird die erste "Michalsky"-Kollektion in wenigen deutschen Läden hängen. Nebenbei entwirft er mit seinem Team noch Taschen für die Münchner Koffermarke MCM, Firmenbekleidung für Audi und unter dem Namen Mitch & Co. die ersten Designerklamotten im Textilangebot von Tchibo. Ihnen wird man in diesem Sommer häufiger begegnen als der Linie, für die Michalsky mit seinem eigenen Namen steht, doch diesmal hat der Macher hinter der Massenmode dafür gesorgt, dass er mit seiner Personality nicht im Verborgenen bleibt, wie zuletzt bei Adidas.

"Ganz ehrlich? Ich bin verblüfft, dass aus dem so ein berühmter Modemacher geworden ist", sagt Walter Kunau, 74, pensionierter Oberstudienrat am Theodor- Mommsen-Gymnasium. 1987 hatte er den Abiturienten Michalsky in Kunst geprüft und für seine gelungene Interpretation des Oskar-Schlemmer-Bildes "Bauhaustreppe" mit 15 Punkten belohnt - Eins plus. Abgesehen von dieser bemerkenswerten Einzelleistung sei Michalsky zwar ein Individualist, aber nicht sonderlich begabt gewesen. "Ein gewisses höheres Maß an Selbstvertrauen", so Kunau, "das konnte ich bei ihm allerdings schon früh ausmachen." "Ach was", sagt Michalsky später, "der fand mich doof und ich ihn auch." Erniedrigt habe er sich gefühlt, als Kunau einmal vor der versammelten Klasse seine Modezeichnungen verrissen hatte. Leute wie Kunau hätten ihn hart gemacht, sagt er. Hätten in ihm den Willen wachsen lassen, aus der Pampa abzuhauen, es allen zu zeigen. Michalsky mustert den alten Herrn. Was empfindet er bei so einer Begegnung? Mitleid? Genugtuung? Sein Blick verrät Gleichgültigkeit, während er den Arm um die Lehrerschulter legt, fürs Foto, null Problemo, immer gern. Der Hobbymaler Kunau lässt sein Buch da, "60 Bilder aus 60 Jahren" mit Widmung für den ehemaligen Schüler Michael. Es arbeitet in Michalsky, das ist deutlich zu spüren, aber eine Bemerkung verkneift er sich. Er kann das inzwischen, er hat gelernt, dass es ohne eine gewisse Diplomatie nicht geht im Geschäftsleben. Und das hier heute ist ein Geschäftstermin in Sachen Eigen-PR, Michalskys Spezialdisziplin.

Dass er es als 19- Jähriger in London überhaupt an eine Modeschule geschafft hat, sei ausschließlich seiner Fähigkeit zur Selbstdarstellung zu verdanken, gesteht er. "Ich war faul, ich konnte nicht zeichnen, hatte überhaupt kein Talent zum Modemachen. Die großen Designerschmieden haben mich alle ausgelacht für meine dilettantische Mappe." Am Londoner College of Fashion, einer Ausbildungsstätte für Modemanagement und kaufmännische Zuliefererberufe, durfte Michalsky schließlich bleiben. Seine Studien in Sachen Jugendkultur und Freizeitbekleidung betrieb er nachts als Türsteher. "Mein einziges Talent bestand lange darin, frühzeitig Trends vorauszuahnen", erinnert er sich. "Die Fummel, die ich als Teenie trug und über die sich die Dorfjugend am meisten das Maul zerrissen hat, wurden später meine größten Verkaufsschlager."

Vermarktbarkeit ist bis heute das Stichwort, das Michael Michalskys Erfolg in der Textilbranche begründet. Er kann das einfach, Nischen der Popkultur in massenkompatible Modekonzepte übersetzen. Bei seinem ersten Arbeitgeber, der Jeansmarke Levi’s, stieg er schnell zum Leiter der Designabteilung auf. Ohne Erfahrung, ohne Führungskompetenz. Mit gerade mal 27 Jahren wechselte er in die Kreativspitze von Adidas. Dort orderte er einen Porsche als Dienstwagen und verdrängte alle im Team, die ihm nicht passten. "Michalsky baute sich einen ‚inner circle‘ auf, in dessen Mittelpunkt klar er stand", erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter, "das hatte etwas von einem kleinen Monarchen."

"Wat haste gemacht in den letzten zwanzig Jahren?"

Wie Michalsky nun so dasteht, an der Überland-Bushaltestelle, an der er vor einem Vierteljahrhundert seinen Ausbruch in eine tolerantere Welt herbeiträumte, sieht er noch nicht richtig aus wie der Mittelpunkt, das Aushängeschild seiner eigenen Marke. Zu Turnschuhen im Golfer- Stil trägt er ein Damenjackett von Chanel, japanische Jeans und eine überdimensionale "Birkin Bag" von Hermès. Eine "Michalsky"-Werbekampagne kann er sich noch nicht leisten. Er finanziert sein Unternehmen über Kredite und durch die Kooperationen mit MCM, Tchibo und Audi. Doch Michalsky denkt schon weiter, führt Gespräche, um die Markteinführung in England und Italien für das kommende Jahr vorzubereiten. Noch sind seine Stückzahlen in den Hunderten, noch kann er kleine, deutsche Handwerksbetriebe damit beauftragen, Hüte, Gürtel und Schuhe für ihn herzustellen.

Er liebt die Arbeit im kleinen, vertrauten Kreis. Zwei seiner engsten Mitarbeiter sind alte Freunde aus Schultagen, am liebsten hätte er sie rund um die Uhr um sich. "Meine Ersatzfamilie" nennt Michalsky sie. "Ohne sie wäre ich nicht halb so selbstbewusst. Und wohl auch weniger laut." Im Eiscafé San Remo in Bad Oldesloe ist Michalsky als Nächstes mit Timo Erbs verabredet. Das sei jetzt wirklich krass, sagt er, "mehr memory lane geht nicht". Hier hätten sie früher immer abgehangen, die Coolen, die Vespa-Fahrer, die Mod-Kuttenträger. Und Timo Erbs, ja, das sei immer der Hübscheste, best Gestylte unter ihnen gewesen. Heute ist Erbs Schornsteinfeger, hat Frau und Kind in Rethwischdorf. Er will Michalsky umarmen, Kumpelgeste, ehrliche Freude. Doch der streckt die Hand aus, Sicherheitsabstand. Küsschen links und rechts, das geht in Modekreisen, aber doch nicht hier, zu Hause. "Mensch Micha, wat haste gemacht in den letzten zwanzig Jahren?", will Erbs wissen. Man bekommt nicht viel mit auf dem Land, doch von der Tchibo- Kollektion habe er gehört. Zum Abschied schenkt er Michalsky einen Knopf mit dem heiligen St. Florian, als Glücksbringer. Michalsky ist stiller geworden. Das hier ist nicht cool, das ist einfach nur rührend. Ja, er freue sich auch, wenn man sich mal wiedersähe. Vielleicht bei seinen Eltern, da fege er ja auch den Schornstein.

In Rümpel, wenige Kilometer von Bad Oldesloe entfernt, haben Roswitha und Siegfried Michalsky an diesem Tag sicherheitshalber den Bürgersteig vor ihrem Haus mit Klebeband abgesperrt. Nicht, dass es im Roten Hahn zwischen der Rentenberatung von Martin Münstermann, dem "Märklin Modellbahnfreund An- und Verkauf" und dem Spargelhof Baden in letzter Zeit zu größeren Menschenansammlungen gekommen wäre, aber man könne ja nie wissen, was passiert, wenn erst mal die Presse samt Fototeam anrückt. "Mami, du musst dich wirklich nicht so aufbrezeln", sagt Michael Michalsky, "wir fotografieren ja nicht zu Hause bei Joan Collins!"

Nachdem der Fernsehsender Pro Sieben Michalsky junior Anfang des Jahres als "Germany’s Next Modepapst" gefeiert hatte, ist das Ehepaar Michalsky von vielen Bekannten zur Karriere ihres Sohnes beglückwünscht worden. Auch von denen, die für den homosexuellen Einzelgänger in der Vergangenheit wenig übrig hatten. Roswitha Michalsky schert die ganze Aufregung nicht. Seitdem ihr Sohn so viel durch die Weltgeschichte reist, kümmert sie sich nicht nur um ihre beiden Möpse, sondern auch um Michaels Dackeldame Dolly. Zu seiner nächsten Modenschau wird sie wieder mit ihrem Rümpler Frauenclub anreisen, so viel steht fest. Diesmal natürlich tiptop gewandet in Michalsky: Eine Tasche in "hot coral pink" hat sie sich schon ausgesucht, dazu einen Gürtel, in den sie vorn ihren Lippenstift verstauen kann, und dazu die "Rosi", eine Basic Jeans. Die hat ihr "Michi" nach ihr benannt.

Mitarbeit: Karolina Burbach / print