HOME

Mode 2003: Der Schneider ist wieder König

2003 hatten in der Modebranche Marken mit "Kopf" Erfolg. Woran liegt's? Der Kunde will neben edlen Stoffen auch Engagement und Begeisterung eines Designers hinter der Mode spüren.

Zur "eindrucksvollsten Frau des Jahres" hat die Zeitschrift 'Bunte' Jil Sander gerade gekürt. Eine derart im Superlativ schwelgende Würdigung eines einzelnen Designers gilt inzwischen als Rarität. Heute spricht man stattdessen eher von Marken, und die sind meistens in großen Luxuskonzernen versammelt. Dort bestimmt meist ein Top-Manager die Firmenpolitik. Und doch machen die beiden wohl wichtigsten modischen Ereignisse 2003 den Schneider wieder zum König. Jil Sanders Rückkehr zu der von ihr gegründeten Marke im vergangenen Mai sowie Tom Fords Weggang von Gucci im November zeigen: Der Strukturwandel in der Mode - die Wandlung des Designers vom einstigen Inhaber einer Marke hin zum Angestellten in einem Luxuskonzern - hat dessen Macht nur scheinbar beschnitten.

Nach Jil Sanders Ausstieg bei ihrer an Prada verkauften Marke ging es mit dem Label bergab. Erst jetzt kann man wieder hoffen. Bei Gucci sieht es nun ähnlich wie in der Post-Sander-Ära aus: Nach Tom Fords Weggang gilt die Marke erst einmal als Problemfall. "Das Image einer Modelinie steht und fällt mit dem Kopf, der dahinter steckt", heißt es heute bei Jil Sander. Der Kunde müsse Engagement und Begeisterung eines Designers spüren. "Tut er das nicht, ist er verstimmt", sagt eine Unternehmenssprecherin der dpa.

Labels müssen Eigenständigkeit zeigen

"Prinzipiell ist Mode immer an einen Menschen gebunden", sagt auch Albert Kriemler. Stark sei ein Label nur durch Eigenständigkeit. Kriemler ist Chefdesigner und Mitinhaber des Couture-Labels Akris. Akris kann auf ein äußerst erfolgreiches Jahr zurückblicken. In den USA wird die Schweizer Designermarke mittlerweile in einem Atemzug mit Chanel und Armani genannt. Zugeschrieben wird dies vor allem den Kriemler-Brüdern Peter und Albert, die allen Trends zu allumfassenden Lifestyle-Konzepten zum Trotz sich auf die Fertigung luxuriöser und anspruchsvoller Mode konzentriert haben.

Sicherlich war die langfristig angelegte Firmenpolitik von Akris dadurch möglich, dass die Schweizer Designermarke inhabergeführt ist. "Man kann nicht in kurzer Zeit ein Unternehmen aufbauen", erläutert der Modemacher, der in den Vereinigten Staaten über Jahre das Netz von Akris sowie der Linie Akris Punto beständig aufgebaut hat. "Wir sind zurück in der Realität", meint er. Will heißen: Der Hype ist vorbei, was zählt ist das Produkt.

Kontinuität im Design-Team hilft

Ein anderes Beispiel für eine langfristige Firmenpolitik ist die italienische Marke Moschino. Moschino hat es trotz des Todes seines "Kopfes", des genialischen italienischen Designers Franco Moschino geschafft, eine eigene Handschrift zu behalten. Laut Moschino-Chef Marco Gobbetti sei dies dem schon seit vielen Jahren für die Marke arbeitendem Team zu verdanken.

Eigenständigkeit und Kontinuität, das scheinen die Erfolgsthemen der Mode 2003 zu sein. Und damit verbunden ist noch eine anderes Element: eine Hinwendung zu einem neuen Individualismus. "Bekannte, namhafte Labels wie zum Beispiel insbesondere Prada sind nach Jahren des intensiven 'Pushens' ein wenig abgegriffen, und da lässt sich schon seit längerem feststellen, dass die Kundin nach neuen Marken sucht". Das meint Albert Eickhoff, der als Deutschlands "Spürnase" unter den Einzelhändlern im Top-Genre gilt.

Keine modische Kopie auf der nächsten Party

Eickhoff hat zum Herbst 2004 individuelle, eher intellektuell geprägte Kollektionen wie etwa Martin Margiela oder Adam Jones aufgenommen. Und: Auch die vertretbaren Preise solcher Designer spielten eine Rolle. "Wir sind fest davon überzeugt, dass opulente Mode nicht mehr zeitgemäß ist", sagt der Düsseldorfer Modekenner. Mit 2003 scheint die Epoche der großen Markenmaschinen endgültig beendet zu sein. Niemand möchte mehr Geld ausgeben, um auf der nächsten Party neben seiner modischen Kopie zu stehen.

Stefanie Schütte, dpa / DPA
Themen in diesem Artikel