Modeindustrie Töchter an die Macht


Die italienische Modeindustrie steht vor einem Umbruch: In vielen Dynastien wurde der Generationswechsel eingeläutet - und immer häufiger haben nun die Töchter das Sagen. Können sie den Charakter ihrer Labels verändern?

Man könnte meinen, Mutter Natur wolle die italienische Mode unbedingt in weibliche Hände legen. So macht sich derzeit in einer Reihe renommierter Designerdynastien die Töchtergeneration daran, das Steuer zu übernehmen. Die jungen Frauen gelten als Hoffnungsträgerinnen in der italienischen Modeindustrie, die momentan nichts mehr fürchtet als kreative Auszehrung. Ob Biagiotti und Blumarine, ob La Perla und Trussardi - es sind die feinen Adressen traditioneller Familienunternehmen, in denen der weibliche Nachwuchs von sich reden macht: starke, weltläufige Frauen, die sich um das Überleben des eigenen Hauses kümmern. Aber jede auf ihre Art.

Lavinia Biagiotti, 27, zum Beispiel mag den Titel "Jungunternehmerin" überhaupt nicht. Lieber präsentiert sich die hochgewachsene Römerin mit den dunklen Augen und der schwarzen Mähne als ideensprühendes Energiebündel. Die einzige Tochter der als "Kaschmir-Königin" zu Ehren gekommenen Designerin Laura Biagiotti liebt rasante Stegreifvorträge über die "Herausforderung China" und die Bedeutung der von ihr angeleierten Unternehmensbeteiligungen in Südostasien. Sie tut das in einer Mischung aus Boss und Beauty, wie nur italienische Frauen sie ohne Peinlichkeit hinbekommen.

Seit dem Krebstod des Vaters 1996 leitet sie mit der Mutter das Haus, ein Unternehmen mit rund 250 Millionen Euro Jahresumsatz. Vom Vater habe sie das Management-Gespür geerbt, behauptet sie, von der Mutter den Hang zur Kreativität. Die Marke profitierte sehr davon, denn Lavinia hat fast spielerisch die Mode des Hauses entstaubt: Mutter Biagiottis betuliche Edelkollektionen sind lässiger und aktueller geworden; seit 2001 verantwortet Lavinia mit "Roma" eine eigene, junge Linie.

Vor allem das Geschäft mit Düften - ein Drittel des Umsatzes -, aber auch mit Taschen, Brillen und Uhren läuft wieder besser, seit Lavinia im Doppelpack mit Mamma frische Akzente bei der Wahl der Lizenznehmer setzt. "Wir brauchen keine Marktforscher, wir testen alles selbst", so ihre Ansage. "Was uns gefällt, wird gemacht - basta!"

Die Damen von Biagiotti tagen gern beim Frühstückscappuccino: "Kurze Wege, schnelle Entscheidungen - das sind die Vorteile eines Familienunternehmens", sagt Lavinia.

Beatrice Trussardi, 33,

agiert da einsamer. Auch sie haben die Launen des Schicksals früh auf den Chefsessel des Ledermoden-Clans aus Bergamo bugsiert: 1999 verlor sie Vater Nicola, das Oberhaupt des Unternehmens. Vier Jahre später starb dessen Nachfolger, Beatrices ältester Bruder Francesco - wie der Vater bei einem Autounfall. Die Familie hätte verkaufen können, stattdessen führt die älteste Tochter das Haus seither allein. "Wir sind die Besitzer. Wir tragen diesen Namen. Wir können ihn nicht einfach verscherbeln", so ihr typisch italienisches Credo.

Naturblond, eiswasserblaue Augen und für die meisten unnahbar - so herrscht Beatrice im familieneigenen Palazzo Marino alla Scala, gleich neben Mailands Opernhaus. Man spürt das Gewicht der Verantwortung an ihrem unpersönlichen Managerjargon. Da geht es um die "Verjüngung des Markenappeals", darum, wie sie "die Unternehmensstruktur flexibler und dynamischer" gestaltet hat seit ihrem Amtsantritt. Sie schloss dafür die Stammfabrik in Bergamo und entließ Menschen, die lange für die Familie gearbeitet hatten. Stattdessen hat sie 20 Exklusiv-Stores im "Zukunftsmarkt" China eröffnet, plant weitere in Indien und Korea. Anfang dieses Jahres wurde sie vom Weltwirtschaftsforum als einzige italienische Frau unter die 238 "Young Global Leaders" gewählt.

Ihren Stolz würde Beatrice Trussardi nie zeigen, ebenso wenig duldet sie Spekulationen darüber, ob ihr Engagement eine Art von Trauerarbeit ist: "Management als Therapie? Wie unprofessionell! Was für mich sprechen soll, sind allein die Fakten." Ein Anstieg auf 121 Millionen Euro Jahresumsatz im vergangenen Jahr - daran will sie gemessen werden.

Anna Masotti, 31, kann noch keine große unternehmerische Leistung aufbieten. Dafür sind Vater Alberto, 69, und Mutter Olga noch zu präsent im Bologneser Edeldessous-Haus La Perla. Allerdings hat das zarte Einzelkind bei "Papá" eine Menge bewirkt, was dem Unternehmen gut tat. Anna hat die Image-kampagnen betreut, die Firma des pressescheuen Vaters für die Medien geöffnet und selbst für das Lingerie-Label posiert: als elfenhafte "ragazza-donna", Idealtyp der jungen La-Perla-Kundin. Den Besuch empfängt Anna am liebsten in der elterlichen Stadtwohnung über den Dächern der Bologneser Altstadt. Zu ihren Goldriemchen-Stilettos trägt sie eine zarte Tunika, unter der das hauseigene Spitzenmieder aufblitzt.

Vor zwei Jahren hat ihr Vater sie in die Geschäftsleitung berufen, im selben Jahr lancierte Anna die erste Prêt-à-porter-Linie von La Perla, sinnliche Zwittermode, halb Kleid, halb Korsage, entworfen vom italienischen Erotik-Designer Alessandro dell' Acqua. Anna hat keine Mühe zuzugeben, dass sie ihre Rolle im Familienunternehmen mit 2600 Mitarbeitern und 230 Millionen Euro Jahresumsatz noch nicht gefunden hat: "Ich bin keine Vollblutdesignerin wie meine Mutter - und auch kein Topmanager wie mein Vater", bekennt sie, "aber ich weiß, wie die nächste Generation unserer Käuferinnen tickt." Am Ende heftiger Diskussionen mit dem Vater sorgt meist der Eisbrecherblick aus Tochters Augen für die Entscheidung.

Rossella Tarabini, 37,

hat nie auf den familiären Schmusekurs vertraut, war lieber der Punk unter den Mode-Erbinnen. Während sich ihre Kolleginnen ausnahmslos in der eigenen Couture präsentieren, kauert sie in Jeansrock und Seidentop kettenrauchend auf einigen Liegekissen im Familienpalais. Die Tarabinis zählen zum Industrieadel der emilianischen Textilstadt Carpi.

Offen erzählt Rossella Tarabini von den Abnabelungskämpfen, welche sie umtreiben, seit sie vor zehn Jahren ihre erste eigene Linie unter dem Namen der Mutter entwarf. Mit ihrer verwegenen Mischung aus szeniger Streetwear und ironisch gebrochener Romantik hat sie Mutters Label Blumarine mit seiner femininen Strick-Couture geschickt konterkariert - als junge, freche Ergänzung zur Hauptlinie. Hinter den Glitzerfassaden der Showrooms aber sah die Lage anders aus: "Da lief viel Eifersüchtelei zwischen Mamma und mir", sagt Rossella.

Längst ist in der Modeszene unbestritten, dass die widerborstige Tochter den ganzen Laden stilistisch inspiriert - und zu den wichtigsten Vertretern Italiens neuer Designergeneration gehört. "Die Familie beschützt dich", so Rossellas Erfahrung, "aber sie kastriert auch deine Schaffenskraft." Ihre Kollektionen machen heute bereits 30 Prozent der 135 Millionen Euro aus, die das Familienunternehmen Blufin im vergangenen Jahr umsetzte, Tendenz steigend.

Noch stehen im Hintergrund von Italiens Töchter-Unternehmen starke Männer: Väter, Onkel, Freunde der Familie. Dabei sah keine der "ragazze" ihre berufliche Zukunft von Anfang an im eigenen Haus. Lavinia Biagiotti wollte eigentlich Ärztin werden, Rossella Tarabini Schriftstellerin, Anna Masotti Film- und Theaterproduzentin. Am Ende schmissen fast alle das Studium, um sich in der Familienfirma hochzuarbeiten. Nur Beatrice Trussardi legte einen Abschluss in "Art Business and Administration" in New York hin.

Was die reichen Mode-Töchter prägte, war ihre Kindheit zwischen Laufsteg und Atelier, zwischen Kunstausstellungen und Reisen um die Welt. Lavinia etwa begleitete den Vater auf Kunstauktionen und räumte bei den Modeschauen die Kleiderbügel weg zwischen Naomi Campbell und Claudia Schiffer. Auch Rossella fummelte schon als 13-Jährige an den Kreationen ihrer Mutter herum. "Verwöhnt sind sie alle", sagt Giusi Ferré, einflussreiche Mailänder Modejournalistin, "aber nicht alle haben das Zeug, ihr Haus im Zeitalter globaler Märkte vor dem Zugriff gieriger Luxuskonzerne zu schützen."

Die Härte des Geschäfts hat alle im Zeitraffer reifen lassen. "Ein Modejahr ist wie ein Hundejahr", sagt Lavinia Biagiotti, "eines zählt wie sieben." Doch kaum eine von Italiens Designertöchtern kann sich ein Leben jenseits des Modegeschäftes vorstellen. Nur die Rebellin Rossella Tarabini denkt da anders. "Ich bin ein Kamikaze", sagt sie, "wer weiß, vielleicht mache ich morgen Schluss und eröffne einfach eine Bar." Zuzutrauen wäre es ihr.

Daniela Horvath print

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