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Modewoche Madrid Models bitte auf die Waage


Um Mager-Models von der Madrider Modewoche auszuschließen, wird jede Teilnehmerin auf die Waage gestellt. Wer zu dünn ist, fliegt. Und das könnte nur der Anfang eines Kreuzzugs gegen die Modeindustrie sein.
Von Nora von Westphalen

Während auf der Modewoche in New York wie immer zerbrechlich zarte Mädchen über die Laufstege schwebten, kommen aus Madrid neue Töne: Zu dünne Models werden dieses Jahr vom Catwalk verbannt. Über 30 Prozent der Models, die im vergangenen Jahr noch auf der "Pasarela Cibeles" die neusten Modekreationen vorstellten, dürfen nicht mehr auf den Laufsteg.

Die Direktorin der Madrider Modewoche, Cuca Solana, tut am Telefon, als erstaune sie das weltweite Medienecho. Die Entscheidung, zu dünne Models von den Shows auszuschließen, habe rein gar nichts mit Vorgaben der spanischen Regierung zu tun. Die Entscheidung kam von der Modewoche selbst. Ihre Hauptkriterien bei der Modelauswahl seien immer noch große, schlanke und hübsche Mädchen. Nur Skelette würde man eben ablehnen - auch aus ästhetischen Gründen.

"80 Prozent müssten wir ausschließen"

Nun ist auch Italien auf den Zug aufgesprungen. Letizia Moratti, die Bürgermeisterin von Mailand brachte in den italienischen Medien nun auch ein "Laufstegverbot" für Hungerhaken ins Gespräch. Riccardo Gay, Chef der Modelagentur, die in Mailand auch Naomi Campbell vertritt, sagte dazu: "Mit derartigen Regeln müssten wir 80 Prozent der Models vom Laufsteg schicken. Es gibt Agenturen, die superdünne Models heranzüchten. Wir gehören nicht dazu." Seiner Meinung nach werde das Thema übertrieben. "Mir geht es gut. Ich bin gesund. Ich esse", beteuert auch das erfolgreiche britische Model Lilly Cole (18). Auf der Londoner Fashion Week, die am 18. September begonnen hat, ist sie dabei.

In der Mode- und Modelwelt scheint einiges in Bewegung zu geraten: Schon im April sagte Spaniens Gesundheitsministerin Elena Salgado der schlankheitsfanatischen Modeindustrie den Kampf an. Salgado ist als Gegnerin ernst zu nehmen: Sie zwang in den vergangenen Jahren die mächtige spanische Tabakindustrie in die Knie, als sie im ganzen Land strenge Rauchverbote durchsetzte. Vielleicht sind die Verantwortlichen der spanischen Modehäuser zu dem Krisen-Treffen Ende April deshalb so artig erschienen: Pablo Isla, Generaldirektor der Inditex, zur der die weltweit erfolgreichen High Street-Ketten Zara and Massimo Dutti gehören; Ignacio Sierra, den Chef der Kaufhauskette El Corte Inglés; Juan Hermoso, Direktor der Modekette Cortefiel und Judith Ventura, Chefdesignerin von Mango.

"Die Models auf den Laufstegen und die kleinen Größen in den Geschäften begünstigen die Mode der extrem dünnen Figuren", ärgert sich die zierliche blonde Gesundheitsministerin Salgado. "Dabei kann die Mehrheit der Frauen dies nie erreichen, sie schaden nur ihrer Gesundheit." Das spanische Gesundheitsministerium schätzt, dass bereits über eine Million Spanierinnen magersüchtig sind. Schuld seien eben auch die falschen Vorbilder. Wenn die Durchschnitts-Spanierin Größe 40 bis 42 trägt, warum muss man sie dann täglich mit mageren Schaufensterpuppen in Größe 36 konfrontieren. Der zusammen mit der Modebranche ausgearbeitete Richtlinienkodex für die Anpassung der "Konfektionsgrößen an die Realität" soll nun auch gesetzlich verankert werden.

Keine Schritte gegen deutsche Modeindustrie geplant

In Deutschland liegen die Dinge anders: Obwohl eine Studie der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung ergeben hat, dass 56 Prozent aller 13- bis 14jährigen schon den Wunsch haben, abzunehmen, plant das Gesundheitsministerium keine Schritte gegen die Modeindustrie. "Erstens gibt es keine deutschen Modeunternehmen, die so kleine Konfektionsgrößen als Schönheitsideal vorgeben, und zweitens setzen wir beim Kampf gegen die Magersucht eher auf die Mitarbeit von Ärzten, Lehrern, der Kirche und vor allem der Medien", sagt Annelies Ilona Klug vom Bundesgesundheitsministerium.

Auf die Selbstheilungskräfte der Branche ist aber nicht zu hoffen: "Werbung, Magazine und Agenturen liefern das Bild, das die Kunden sehen wollen", sagt etwa ein Sprecher der Model-Agentur Premier. "Statistiken haben mehrmals bewiesen, dass ein hübsches schlankes Mädchen auf dem Titel die Auflagen steigert." Hollywood-Stars, Models und Sängerinnen leben es täglich vor. Erfolgreich ist wer schlank ist. Superschlank. Auf den Klatschseiten tummeln sich weiter die "Skeletor Sisters" wie Nicolie Richie und Lindsay Lohan. Size Zero gilt in Hollywood als chic. Selbst das ehemalige und sehr erfolgreiche Mollig-Model Sophie Dahl hat sich ihre Rundungen abgehungert. Die resolute Señora Salgado hat also noch viel zu tun.


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