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Möbelmesse Köln: Der Lack ist ab

Statt fulminanter Neuigkeiten gibt es auf der Kölner Möbelmesse leere Ausstellungsflächen zu sehen. Den Veranstaltern mangelt es an Ausstellern, denn die halten ihre Entwürfe für wichtigere Messen zurück. Und präsentieren am Rhein lieber Sofas für "best Ager".

Von Oliver Creutz, Köln

Es sollte alles jung und neu werden, am Ende aber ging es um Sitztiefen bei Sofas und Möbel für die Frau ab 55. Die Kölner Möbelmesse ist an einem Tiefpunkt angekommen, der durch das neue Teppich-Leitsystem in den Hallen widergespiegelt wurde. "Sie wollten etwas verändern", sagte dazu ein deutscher Möbeldesigner, "und sie haben halt ganz unten angefangen - beim Teppich".

Eine bittere Bilanz. Dabei hatte sich die Messeleitung, die seit Jahren mit Relevanzproblemen zu kämpfen hat, einiges vorgenommen. Im Herbst präsentierte man geladenen Journalisten in Palma de Mallorca das aufgefrischte Konzept, da ging es um das neue Leitsystem, eine bessere Auswahl der Aussteller, um eine Werkschau des italienischen Designs, eine Werkschau des deutschen Designs, eine Werkschau des niederländischen Designs. Beim Betreten der Halle 11, dem Zentrum der Möbelmoderne in Köln, lässt sich sagen: Die bessere Auswahl der Aussteller hat Wirkung gezeigt. Einige Gänge sind leer, viele Flächen haben keinen Abnehmer gefunden. Hersteller wie Elmar Flötotto und Thonet haben es vorgezogen, in diesem Jahr gar nicht zu erscheinen. War ihnen wohl nicht so wichtig.

Dafür sind viele Italiener da, Cassina, Zanotta, Minotti, die brav ihre Neuheiten aus dem vergangenen Jahr präsentieren. Wirklich Neues gibt's dann im April - auf dem Möbelsalon in Mailand. Die deutschen Möbler wurden als Belohnung dafür, dass immerhin sie Neuheiten im Gepäck hatten, von der Messeleitung dadurch entlohnt, dass sie beim Presserundgang weitgehend ausgespart blieben.

Sofas für die besten Jahre

Überhaupt: die Neuheiten. Sind irgendwie auch nicht so wichtig in diesem Jahr. Walter Knoll führt ein Sofa vor, das sich in alle Himmelsrichtungen ausfahren, umstellen, ausrichten lässt: "Wer den Blick aufs Meer genießen will, dreht die Sitzfläche zum Fenster", sagte eine Mitarbeiterin. Ähm: aufs Meer? Bei Rolf Benz reagiert man auf die Absatzschwäche im vergangenen Geschäftsjahr mit Einstiegsmodellen, etwa einem Sofa für unter 2000 Euro. Der Geschäftsführer Frieder Löhrer hatte sich in einem Interview selbst ein Bein gestellt: Bei Rolf Benz achte man nun verstärkt auf die Frau ab 55. Diese (geschieden, solvent, statusbewusst) will schöner wohnen, sich aber nicht mehr so gern in die Sofatiefen fallen lassen, da das Aufstehen immer schwieriger werde. Das gilt übrigens auch für Männer in den besten Jahren: Für sie hat Peter Maly das Sofaprogramm "Semper" bei Cor entworfen. Schwere Clubsitzer, aus denen der betagte Herr auch wieder hochkommt. Wesentlich jünger und gegenwärtiger erscheint das Cor-Modell "Cuvert" von den Designern Jehs & Laub, in das man sich ungefähr so setzt, wie man einen Brief in einen Umschlag steckt: gefaltet.

Gegenüber bei Interlübke, der großen Schwester von Cor, ist ein Haus gebaut worden, und von Raum zu Raum wird der Besucher Zeuge davon, dass man mit Interlübke-Stücke jede Lebenslage bemöbeln kann: Da wird etwa der Schlafzimmerschrank durch eine Glasfront und mehrere Einlegeböden zum Küchenschrank. Das sieht alles überaus schick und einrichtenswert aus, verdeckt aber nur mühsam die Tatsache, dass es bis auf eine paar Systemergänzungen (das Erfolgsprogramm Cube bietet nun auch einen Schreibtisch) und Gadgets (die Unterbett-Beleuchtung) nichts Neues zu zeigen gab. Es war wohl an der Zeit, mal Luft zu holen. Und zu schauen, dass sich die bereits eingeführten Möbel auch ordentlich verkaufen.

Kopierte Designermöbel aus China

Ähnliches bei Vitra: Bis auf ein paar neue Sofa-Größen viel Altbekanntes. Die Designer durften sich also mal ausruhen für Köln. Dafür bekamen die Zollbeamten was zu tun: Am ersten Messetag beschlagnahmten bewaffnete Uniformierte bei mehreren Anbietern aus Fernasien dreiste Kopien von Eames- und Panton-Stühlen. Weitere Informationen zu diesem Thema erwarten den Besucher an einem Stand mit Namen "No Copy", an dem ein Mitarbeiter den Interessierten darauf hinweist, dass er mangels Kompetenz die Nachfrage an einen Kollegen/Vorgesetzten weiterleiten werde.

Was noch? E 15, die junge Firma aus Hessen, die vor ein paar Jahren die massive Eiche zurück in den Wohnraum holte, verdeckt dieses Holz nun mit grauen Überzügen und bunten Kissen. B+B Italia zeigt im Passagen-Programm außerhalb der Messe ein Gartenmöbelprogramm von der überfleißigen Designerin Patricia Urquiola, das so aussieht wie Dedon-Möbel mit breiterem Geflecht. Kartell stellt bunte Möbel von Piero Lissoni aus - mit dem wertvollen Hinweis versehen: "In Mailand vorgestellt, jetzt in Serie". Was von Bedeutung ist, denn nicht alles, was auf der wichtigsten Möbelmesse der Welt zu sehen ist, kommt später in die Geschäfte. In Köln, und das ist ein echter Standortvorteil, sieht man nur, was es schon in die Geschäfte geschafft hat. Für Journalisten mag das langweilig sein, für die Abgesandten der Möbelhändler aber ergibt das Sinn. "Köln ist eine Ordermesse", heißt das bei Möbelprofis.

Das Passagen-Programm in Köln funktioniert übrigens ohne Leitsystem: Man lässt sich durch die Stadt treiben und kommt zu später Stunde im Belgischen Viertel an, bei dem Möbelgaleristen Ulrich Fiedler, der seit mehr als 20 Jahren mit Vintage-Möbeln handelt und der erlebt hat, wie die Preise für gesuchte Stücke explodiert sind. In seinen Räumen hängen zurzeit rare, wunderbare Leuchten. In ein paar Wochen schließt Fiedler seine Galerei. Er zieht nach Berlin. "In Köln ist nichts mehr los", sagt er.

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