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Nie wieder...: ...Feng Shui

Ihr Liebesleben schwächelt? Sie brauchen Geld? Kein Problem, lehrt diese fernöstliche Einrichtungsphilosophie - Sie müssen nur ein paar Möbel verrücken. Na klar...

Von Sebastian Hammelehle

Es gab in den 90er Jahren einige Luxussorgen, die man heute gern wieder hätte: Wie gefährlich ist Monica Lewinsky? Wie grässlich sind Plateauturnschuhe? Die allerluxuriöseste Sorge aber war: Wie schlecht ist mein Feng Shui? Ein Problem, von dem man nicht einmal wusste, ob es überhaupt existierte. Schlechtes Feng Shui lässt sich objektiv nicht nachweisen. Es basiert auf den Lehren einer chinesischen Raumeinrichtungsphilosophie, die zu Deutsch "Wind und Wasser" heißt. Dass die Sachbuchautoren, in deren Händen die Auslegung von Feng Shui bei uns ruhte, mitunter ebenso windig waren, lag also nur in der Natur der Sache: In anderen Büchern beschäftigten diese Fachleute sich beispielsweise mit "Texten für den Anrufbeantworter".

Trotzdem sah man plötzlich bei grundvernünftigen Menschen kleine Kristallkugeln im Fenster hängen: "Damit das Chi nicht entweicht." Andere stellten Zimmerspringbrunnen auf: "Damit das Chi im Fluss bleibt." Oder sie hängten einen Spiegel an den Eingang: "Damit das Chi nicht verprellt wird."

Paris Hilton der spirituellen Welt

Das Chi ist der Heilige Geist des Feng Shui. Und offensichtlich der launischste unter den Lebensgeistern - vermutlich ein verzogener Millionenerbe, eine Art Paris Hilton der spirituellen Welt. Dort, wo man das Chi vermutet, besteht Hoffnung auf viel Geld. Feng-Shui-Führer verwenden ein Gutteil ihrer Seiten darauf, wo man in Läden und Restaurants am besten die Kasse aufstellt (bloß nicht in der Nähe einer Treppe), in welcher Farbe man seine Büroräume streicht (bloß nicht zu hell), an welchem Ort man sich geschäftlich niederlassen sollte (dort, wo das Gras schön grün ist) und an welchem nicht (dort, wo Leichenwagen parken, und sei es auch nur, weil der Fahrer ausgestiegen ist, um sich - so wörtlich - ein Brötchen zu holen).

Wer sicher gehen wollte, betonte noch die Reichtumsecke im traditionellen Feng-Shui-Achteck - das lässt sich auf jeden Raum übertragen: eine Ecke für die Kinder, eine für den Ruhm, eine für die Familie und so weiter. Klappt es mit dem Liebesleben nicht, stellt man ein Goldfischglas ins Ehe-Eck; ist man ungebildet und vergesslich, sollte man einen Bonsai im Wissens-Eck aufstellen.

Flöten und Windspiele fürs Raumklima

Zu Beginn der Feng-Shui-Welle war all dies noch halbwissenschaftlich bemäntelt: Wer kannte nicht das Beispiel mit dem falsch stehenden Schreibtisch? Niemals mit dem Rücken zur Tür; denn wer mit dem Rücken zur Tür sitzt, rechnet unterbewusst damit, dass sich jemand unbemerkt nähert, kann sich deshalb schlechter konzentrieren, macht Fehler, die Karriere gerät ins Stocken, bis irgendwann der Leichenwagen vor der Tür steht - und sei es, weil der Fahrer ausgestiegen ist, um sich ein Brötchen zu holen

Wäre es doch bei derart pragmatischen Ratschlägen geblieben! Aber bald sollten auch asiatische Figuren, Flöten und Windspiele das Raumklima verbessern. Es mag stilbewusste Asienfahrer schmerzen - aber: Übersinnlichkeit und Design vertragen sich schlecht. Man schaut ja Katholiken auch schief an, wenn sie wächserne Körperteile aus Santiago de Compostela in einem Regal von Nils Holger Moormann lagern.

Feng Shui: Gerümpel des Alltags

Feng Shui musste schließlich für gänzlich Einrichtungsfernes herhalten: "Feng Shui im Pferdestall" oder "Mit Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags". Spätestens da war Feng Shui selbst zum Gerümpel des Alltags geworden, vom Problemlöser zum Problem, zum Lieferanten esoterischen Brimboriums.

Nur in einem Fall hat es unser Leben wirklich angenehmer gemacht: Mehr Menschen schließen heute den Toilettendeckel. Denn offene Toiletten haben schlechtes Feng Shui - und sind außerdem eklig.

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