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Flut in Bangkok: Feng Shui, Gummistiefel und stockender Biernachschub

Trotz der Überflutung mehrerer Viertel der thailändischen Hauptstadt Bangkok, nehmen die Bewohner der Metropole die Situation gelassen hin. Die ganz große Katastrophe ist ausgeblieben.

Von Michael Lenz, Bangkok

Wasser ist in den Königspalast und den Tempel mit dem Jadebuddha eingedrungen.“ Mit dieser Meldung schreckten die Thaimedien am Samstagmorgen Bangkoks Bürger auf, zumindest jene, die nicht vor den drohenden Wassermassen aus der thailändischen Hauptstadt flüchten konnten oder wollten. Zwar stellte sich die Meldung kurz später als ein wenig übertrieben raus. Aber sie macht den Ernst der Lage deutlich.

Was lange befürchtet wurde, ist eingetreten. Das Hochwasser ist nach Bangkok gekommen. Waren die den vergangenen Tagen schon die Stadtteile am nördlichen Rand der Metropole in den Fluten versunken, frisst sich das Wasser jetzt auch langsam weiter in die Innenstadt vor.

In China Town stehen ganze Straßen und Sois (Gassen) unter Wasser. Verzweifelt schöpft Somnuek Rungkuang mit einer Kehrschaufel braune Brühe aus seinem Eisenwarenladen. Der alte Mann schaut grimmig als er sagt: „Ich weiß gar nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe gebe. Der Wasserstand des Chao Phraya steigt unaufhörlich. Wahrscheinlich kommt schon heute Abend die nächste Überschwemmung.“

In den Sois von China Town sind die letzten Geschäftsinhaber dabei ihr Hab und Gut zu retten. Sandsäcke werden zu Wällen aufgeschichtet, Mauern aus Betonplatten hochgezogen, Waren in die oberen Stockwerke geschleppt. Im Wat (Tempel) Traimit Witthayaram reparieren einige buddhistische Mönche fieberhaft eine defekte Wasserpumpe. „Das Wasser drückt aus der Kanalisation herauf. Wenn wir das nicht mehr abpumpen können, wird der Tempel überschwemmt“, erklärt einer der frommen Männer in gebrochenem Englisch.

Gummistiefel sind der Hit der Hochwassersaison

China Town ist menschenleer. Die meisten Bewohner des sonst so geschäftigen Viertels sind geflohen, nach Pattaya, nach Hua Hin, zu Verwandten aufs Land. Nur ein paar Unentwegte halten noch ihre Geschäfte offen und verkaufen, was in diesem Tagen in Bangkok gebraucht wird: Gummistiefel. Die gibt es in allen Größen und Farben, manche sind schwarz, andere blau, rot oder gelb. Die einen sind ganz gewöhnliche Arbeitsgummistiefel, während so mancher Thai es lieber seiner Premierministerin Yinluck nachmacht und sich edle Markengaloschen zulegt.

Thais sind geschäftstüchtige Menschen und so wundert es sich, dass so ziemlich jeder mit einem Straßenstand für was auch immer auch flugs Gummistiefel ins Sortiment genommen hat. So wie die Dame mit der Garküche auf der Silom Straße, die gewöhnlich Kekse und frische, geschälte Mangos feilbietet.

Der andere Hit der Hochwassersaison sind große, bauchige rote Plastiktonnen für die Bunkerung von Wasser. Zwar sagen es die Behörden nur im dritten Nebensatz bei ihren regelmäßigen Updates zur Hochwasserlage, dass die Stromversorgung und die Wasserversorgung des 12-Millionen-Großstadtmolochs kollabieren könnten. Zum Beispiel, wenn Dämme brechen und Millionen Kubikmeter Wasser aus den riesigen Überschwemmungsgebieten im Norden Bangkoks unkontrolliert über die Stadt hereinbrechen. Hotels sind Großabnehmer der Wassertonnen, die sie vorsorglich bis zum Rand mit Wasser gefüllt in die Duschen auf den Zimmern der Gäste stellen.

Trinkwasser und Bier werden allmählich knapp

Bei Grundnahrungsmitteln ist die Versorgungslage schon problematisch geworden. Auch hapert es zunehmend an Trinkwasser in Flaschen. Eine Nachricht aber ist besonders betrüblich: Bier wird knapp. Die Brauereien sind dem Vernehmen nach nicht untergegangen, wohl aber eine Reihe von Produzenten von Flaschen und Dosen in den überschwemmten Industrieparks. Bier kann nicht mehr abgefüllt werden. In den Supermärkten und den allgegenwärtigen 7-Eleven-Kiosken werden schon die ersten Hamsterkäufe von Bier gemeldet.

Dreizehn Stadtbezirke entlang des Chao Phraya müssen mit Überschwemmungen rechnen - mindestens. Behörden, Tempel und Kirchen haben bereits Notlager für Tausende Betroffene eingerichtet. Aber auch weit entfernte Provinzen wie Kanchanaburi, Phetchaburi und gar Chiang Mai hoch im Norden Thailands zeigen sich solidarisch und bieten den Flutflüchtlingen aus der Hauptstadt temporäres Obdach.

Thailand lacht über das Krisenmanagement der Regierung

Herr Titipat Veera handelt mit Vasen und Götterstatuen aus chinesischem Porzellan, auch Schmuck und heilige Amulette aus Jade sind Angebot. Zudem hat er in einer Ecke seines Ladens in China Town noch eine kleine Kaffeebar eingerichtet. Chinesen sind eben geschäftsinnige Zeitgenossen. Titipat verzichtet auf Sandsäcke als Schutz gegen das Hochwasser. Er vertraut auf Feng Shui, der uralten chinesischen Philosophie über die Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung.

„Ich habe mein ganzes Geschäft nach dem Prinzipien des Feng Shui ausgerichtet“, erklärt er und zeigt dabei auf eine dickbauchige, gut ein Meter hohe Teekanne aus weißblauem chinesischen Porzellan. „Sehen Sie hier zum Beispiel. Der Ausguss der Kanne zeigt in meinen Laden. Das bedeutet Glück, Wohlstand und Schutz vor Übel.“ Nachdem das Hochwasser an diesem Samstagmorgen sein Geschäft verschont hat, ist er mehr denn je von seiner der spirituellen Hochwasserprävention überzeugt. Lächelnd sagt er: „Das Wasser ist einem halben Meter vor meinem Geschäft stehengeblieben.“

Vielleicht hätte Thailands Regierung vor der Einrichtung des Hochwasserkrisenzentrums FROC im alten Flughafen Don Muang Feng-Shui-Meister wie Herr Titipat zu Rate ziehen sollen. Dann wären ihr vielleicht die Kosten und vor allem die Peinlichkeit, wegen der Überschwemmung des FROC am Samstag auf dem Höhepunkt des Hochwasserdramas den sofortigen Umzug des Krisenzentrums anordnen zu müssen. Aber so lacht ganz Thailand über das Hochwassermanagement einer Regierung, die ihr eigenes Krisenzentrum nicht schützen kann.

Von Michael Lenz, Bangkok