Nie wieder... ...tiefer gelegte Gürtellinien


Wie tief kann man sinken? Seit Modedesigner den Hüftknochen zur erogenen Zone erklärten, gibt es für viele Hosenbünde kein Halten mehr.

Hätte der liebe Gott uns mit einer ordentlichen Speckrolle um die Hüften herum gewollt, dann hätte er uns gleich zu Seerobben gemacht. Hat er aber nicht. Und deshalb müssen wir selbst zusehen, wie wir quellende Fleischringe um unsere Körpermitte herum vermeiden oder sie schnellstmöglich wieder loswerden. Auf gar keinen Fall, so das Gebot, sollen wir sie in aller Öffentlichkeit präsentieren!

Leider lässt uns die Mode dazu keine Chance. In den vergangenen Jahren hat sich die Höhe der Gürtellinie als sicheres Mittel der Altersbestimmung etabliert, sagen Experten aus der Modeindustrie. Motto: Zeige mir deinen Bund, und ich sage dir, welcher Generation du angehörst. Da sich aber dummerweise heute niemand über 25 noch seiner eigenen, spießigen und überalterten Generation angehörig fühlen mag, tragen wir alle nur noch Hosen, aus denen vorne ein halbes Fass Fett lustig über dem Gürtel wippt, während hinten die halbe Unterhose oder ein Viertel G-String herauslugt, die Haut dazu leider nur selten in jugendlicher Frische. Eine anständige Hose mit zivilisierter Bundhöhe zu finden, die nicht nach Altersheim aussieht, ist ziemlich kompliziert geworden.

Es ist ein Leichtes, die Buhmänner aufzuzählen: Bevor er in Latex eingeschweißte Heuschrecken auf den Laufsteg schickte, entwarf der Brite Alexander McQueen zu Beginn der 90er Jahre seine "Bumsters"-Hosen, deren Bund fünf Zentimeter tiefer lag als gewohnt. Das war modisch große Klasse, denn es sah, besonders über dem Hintern, schnittig aus und war mal was Neues nach den kastenförmig geprägten Achtzigern.

Leider erwärmte sich ein paar Jahre später auch Tom Ford für diese Ästhetik. Vielleicht sprachen den damaligen Gucci-Chefdesigner die Musikerinnen an, die auf MTV ihre Hinterbacken in Hosen à la McQueen schwenkten, um dadurch unten davon abzulenken, dass sie oben nur schlecht singen konnten. Jedenfalls erklärte der einst einflussreiche Ford die Hüftknochen zur erogenen Zone. Seither findet sich keine Jeans mehr, die nicht beim Aufpumpen des Fahrradreifens zu einem rückseitigen Dekolleté aufklafft, auf dem sich ein, sagen wir mal, komplettes Golf-Premium-Set abstellen ließe.

Wie tief kann die Hose noch sinken, ohne zu fallen? Keinen Millimeter mehr. Wenn der Bund so tief sitzt, dass die "private parts" von selbst heraushüpfen, ist es Zeit für die Gegenbewegung. Vernünftigerweise beginnt die Branche damit, Jeans in verschiedenen Schrittlängen anzubieten; und die besseren Designer (Miuccia Prada, Marc Jacobs) unternehmen vorsichtige Versuche, die Hosenlinie vom Scham- aufs Hüftbein zu hieven. Es dauert immer eine Weile, bis die Laufstegmode zum Mainstream anschwillt.

Vielleicht könnten schon in diesem Herbst die ersten Hosen auf den Straßen auftauchen, die gen Nabelhöhe streben. Bundfalten sind dann nicht mehr fern, Hosenträger bald wieder ein schickes Accessoire, und irgendwann könnte der Gürtel wieder dort hängen, wo einst Gary Cooper und James Stewart ihn trugen: knapp unter Brusthöhe. Dann aber wird es an der Zeit sein, darüber zu grübeln, ob der liebe Gott uns vielleicht als Störche gewollt hat.

Dirk van Versendaal print

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