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Karimow-Clan aus Usbekistan Die Frau, die keine Diktatoren-Tochter sein will


Darf man das Kind des usbekischen Herrschers Islam Karimow als Diktatoren-Tochter bezeichnen? Lola Karimowa-Tilljaewa findet: Nein und hat deswegen einen Pariser Journalisten verklagt. Doch ein Blick nach Usbekistan zeigt: Das Land ist eine Diktatur.

In diesen Tagen findet in Paris ein ziemlich interessanter Prozess statt. Es geht um einen guten Namen, um Ehre, Politik und die Liebe einer Tochter zu ihrem Vater: Eine junge Frau aus dem fernen Usbekistan verklagt einen französischen Journalisten wegen Verleumdung. Denn der hatte sie in einem Artikel der Internetzeitung "Rue89" als "Tochter eines Diktators" bezeichnet.

Lola Karimowa-Tilljaewa heißt die junge Dame, sie ist Botschafterin ihres Landes bei der UN-Kulturorganisation Unesco in Paris und zufällig die Tochter des usbekischen Staatspräsidenten Islam Karimow. Dieser, seit 1989 über Usbekistan herrschende Mann, ist im eigenen Land gefürchtet und auch im Rest der Welt durchaus als Diktator bekannt. Die Organisation Amnesty International prangert seit Jahren systematische Menschenrechtsverletzungen in seinem Land an.

In kurzer Zeit Hunderte Millionen Dollar verdient

Der Karimow-Clan soll ein Milliardenvermögen angehäuft haben, es wird gemunkelt von Konten in der Schweiz. Zwei Töchter hat der Mann. Gulnara, 38, die Ältere, dient ihrem Land sowohl als Botschafterin im EU-Land Spanien und zugleich als Botschafterin bei Organisationen der Vereinten Nationen in Genf. Sie gilt, wie soll man sagen, als erfolgreiche Geschäftsfrau, die in kurzer Zeit Hunderte Millionen Dollar verdient hat. Längst verkehrt sie ganz oben: Entwarf eine Schmuckkollektion für den Schweizer Luxusjuwelier Chopard; saß noch im vergangenen Jahr im Organisations-Komitee der "Cinema against Aids Gala", dem alljährlichen Hip-Event der Filmfestspiele in Cannes. Dort tummeln sich George Clooney, Tom Ford, Naomi Campbell, Karl Lagerfeld - all die Reichen, die Schönen und sammeln Spenden im Kampf gegen Aids.

Gulnaras kleine Schwester Lola, 32, wiederum residiert als Botschafterin in Paris. Und sie will vor Gericht nun ein für allemal klären lassen, wann man einen autoritären Herrscher einen Diktator nennen darf und seine Tochter die Tochter eines Diktatoren. "Es ist doch so, als bezeichne man die Tochter von Dominique Strauss-Kahn als Tochter eines Vergewaltigers", empört sich Karimowas Anwalt und fordert 30.000 Euro Schadensersatz.

Fototermine mit Promis

Schließlich schade die Wortwahl Lolas Wohltätigkeitsfeldzug für usbekische Waisenkinder, heißt es. Prominente helfen der Tochter des mutmaßlichen Diktators dabei, ein positives Bild von Usbekistan zu zeichnen. Alain Delon ließ sich mit Lola fotografieren. Claudia Cardinale eilte im vergangenen Jahr zu einer Gala nach Paris, ebenso wie Monica Bellucci, die italienische Schönheit und Schauspielerin. 20 Minuten soll ihr Auftritt samt Foto gedauert haben, dafür soll sie nach Angaben der Verteidigung im Gerichtsprozess 230.000 Euro erhalten haben, macht 11.500 Euro pro Minute. Im fernen Usbekistan verdienen die Menschen durchschnittlich rund 1700 Euro – im Jahr.

Auch in Berlin wird es an diesem Dienstag um die richtige Wortwahl gehen. Hat sich doch der usbekische Vize-Außenminister Wladimir Norow zum Besuch angemeldet. Treffen im Außenministerium und im Kanzleramt sind vorgesehen, auch ein Besuch beim Menschenrechtsbeauftragen der Bundesregierung. Die praktiziert ja, wie es heißt, einen "Menschenrechtsdialog" mit Staaten wie Usbekistan. Es wird, so steht zu vermuten, ein diplomatischer Eiertanz.

Usbekistan hat vor allem: Gas und Öl

Denn Usbekistan ist ein wichtiges Land für Deutschland, für die EU. "Deutschland und Usbekistan unterhalten seit der Unabhängigkeit des Landes enge und vertrauensvolle Beziehungen" heißt es auf der Website des Auswärtigen Amtes. Schließlich liegen in der Region Zentralasien eine Menge wichtiger Rohstoffe, vor allem Gas und Öl.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die EU verhält sich gegenüber Usbekistan handzahm - denn die dortige "Sicherheit und Stabilität berühren die Sicherheit in Europa"

Usbekistan auf der Liste der "Rendition"-Staaten

Keinesfalls will der Westen das Gebiet, die Ressourcen, die Pipelines dem Einfluss des mächtigen Nachbarn China überlassen. "Stabilität und Sicherheit sind für die EU die obersten Prioritäten in Zentralasien", heißt es unmissverständlich beim Auswärtigen Amtes zur EU-Zentralasienstrategie. "Sicherheit und Stabilität in Zentralasien berühren auch ganz unmittelbar die Sicherheit in Europa." Im Januar war Karimow in Brüssel zu Gast - er wurde von Kommissionspräsident José Manuel Barroso empfangen. Im Nachhinein wollte sich niemand mehr recht erinnern, wer den Mann eigentlich eingeladen hatte.

Seit fast 20 Jahren ist die ehemalige Sowjetrepublik nun unabhängig, geschickt agiert Islam Karimow, laviert zwischen Ost und West. Die CIA soll Usbekistan als Station im geheimen "Rendition"-Programm genutzt haben, der Auslieferung Terror-Verdächtiger in die Foltergefängnisse von Drittstaaten. Der usbekische Luftwaffenstützpunkt Termes wiederum dient der Nato als wichtige Basis für den Einsatz in Afghanistan. Für die Nutzung des Flughafens zahlte die Bundesrepublik in den vergangenen Jahren rund 90 Millionen Euro. Die usbekische Armee erhielt von den Deutschen humanitäres Sanitätsmaterial im Wert von 250.000 Euro. Und die Bundeswehr soll die Ausbildung usbekischer Offiziere unterstützt haben.

Flüsterstaat Usbekistan

Dabei prangern Menschenrechtsorganisationen und die UN seit Jahren Menschenrechtsverletzungen, Folter sowie willkürliche Inhaftierungen an. Im März 2005 erschossen usbekische Sicherheitskräfte Hunderte friedlicher Demonstranten in der Stadt Andischan. Journalisten, die über das Massaker berichteten, mussten unter Lebensgefahr fliehen. Die usbekische Regierung macht Terroristen für das Blutvergießen verantwortlich. Doch entsprechende Geständnisse sollen nach Angaben von Human Rights Watch erfoltert worden sein. Eine unabhängige Untersuchung fand bis heute nicht statt.

Längst ist Usbekistan zu einem Land der Angst geworden, ein Flüsterstaat. Wer sich kritisch äußert über die Allmacht der Familie Karimow, über ihre Geschäfte, über islamistische Gruppen oder über erzwungene Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern, der wird ins Gefängnis geworfen oder muss das Land verlassen. So saß der usbekische Poet Jusuf Dschuma jahrelang im berüchtigten Straflager Yasilik am Aralsee – auf Druck der amerikanischen Behörden kam er Anfang dieser Woche frei, konnte ins Exil in die USA ausreisen. Er hatte Spottgedichte auf Karimow verfasst. Nur ein Fall unter vielen.

Unterwegs zwischen Botschaft und Außenministerium

Der Journalist Salijon Abdurakhmanov, 60, von der unabhängigen Nachrichten-Website "Uznews" wurde zu zehn Jahren Straflager wegen angeblichen Drogenbesitzes verurteilt. Er hatte über Umweltskandale und Korruption berichtet. Mit einer kleinen Aktion in Berlin macht "Uznews" in diesen Tagen auf sein Schicksal aufmerksam machen: Ein Auto wird zwischen Außenministerium und der usbekischen Botschaft pendeln, mit Plakaten bestückt. Ob Guido Westerwelle mal aus dem Fenster guckt?

Ein Bericht aus dem Berliner <em>stern</em>-Büro

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