HOME

Prêt-à-Porter: Wo sind all die Farben hin

Die Prêt-à-Porter-Schauen in Paris boten ein durchwachsenes Abbild des gegenwärtigen Zeitgeistes, Mut und Fantasie scheint den Designern abhanden gekommen zu sein. Aber - Ausnahmen gibt immer wieder

Von Elke Reinhold

Wenn man innerhalb der Modeszene zugibt, dass man sich ganz gerne das Defilee von Jean-Charles de Castelbajac ansieht, hagelt es normalerweise sofort entrüstete Aufschreie: Was? Den? Das ist doch keine Mode, was der da macht! Da ist tatsächlich was dran. Nur: Was machen die anderen?

Die Pariser Prêt-à-Porter-Schauen für die Sommermode 2007 waren eine ärgerliche Fortsetzung der Gähn-Veranstaltung eine Woche zuvor in Mailand. Als "Mode" kann man das meiste, was während des achttägigen Schauenmarathons gezeigt wurde, einfach nicht bezeichnen. Oder vielleicht doch? Wenn man die Mode als eine vorübergehende Äußerung des Zeitgeistes betrachtet, dann wäre die Stimmung in Europa derzeit so: Fantasielosigkeit, Mutlosigkeit, Langeweile, Geldmacherei, Bequemlichkeit, Déjà-Vu-Gefühle...

All das war das Defilee von Jean-Charles de Castelbajac jedenfalls nicht, sondern das Gegenteil: Der 56-jährige Designer, der die Pariser Mode seit 1968 mit seinen schrägen Entwürfen aufmischt, schickte über seinen Laufsteg eine Kollektion voller Humor und kindlicher Unbeschwertheit: über und über mit roten Herzen bedruckte Kleidchen und Anzüge, dazu trugen die Models "Liebespfeile" durch den Kopf und farblich passende Bärchen. Andere kamen in grellen Paillettenkleidern daher, als "Miss" oder von Kopf bis Fuß in dem für Polynesien typischen Hibiskus-Stoff.

Show zur Hälfte gut

Über die Tragbarkeit einer solchen Linie lässt sich streiten, das muss sich aber auch die Kollektion von Karl Lagerfeld für Chanel sagen lassen. Suzy Menkes, die gefürchtete Modekritikerin des International Herald Tribune, drückte es so aus: "Diese Show war zur Hälfte gut." Treffender kann man es leider nicht sagen. Denn bei der Kreation seiner Sommerkollektion hatte sich Lagerfeld diesmal nahezu ausschließlich auf Oberteile beschränkt, unten rum trug das Gros seiner Models schwarze Paillettenhöschen in Liebestöterform – "Muss man wenigstens nicht mehr viel Ausziehen für die berühmte Nummer auf dem Kopierer" fällt einem da vielleicht gerade noch zum Thema Büro ein.

Wirklich schlimm ist das natürlich nicht, denn an langweiligen Kostümen und Kombinationen, mit denen man in keinem Büro der Welt was falsch machen kann, wird es im nächsten Sommer nicht mangeln. Schwierig wird es eher für die Frauen, die sich gerne besonders anziehen und für die Mode auch bedeutet, sich von der breiten Masse abzuheben, ohne halb nackt oder mit Pfeilen durch den Kopf herum zu laufen.

Ein paar Ausnahmen gab es zum Glück noch: Jean Paul Gaultiers fröhliche Kollektion zur Feier seiner 30-jährigen "Betriebszugehörigkeit" zum Fashion-Zirkus zum Beispiel, seidene Blousons und fließende Jogginghosen in einer Mischung aus Sportswear und Couture. Oder die zarten Blümchenkleider von Marc Jacobs für Louis Vuitton, eine Art Potpourri aus gerüschtem Organza, floralen Mustern, kleinen applizierten Stoffröschen und filigraner Stickerei. Die historischen Roben von Alexander McQueen und die wildromantischen Abendkleider von John Galliano, die man allerdings besser ohne die für den Catwalk kreierten XXL-Hüte in Betracht ziehen sollte.

Sex und Frivolität die Ausnahme

Sex und Frivolität waren bei diesen Schauen eher eine Ausnahme. Für Celine entwarf Ivana Omazic ein paar scharfe Kostüme, und bei Sonia Rykiel knisterte es wie immer, ob beim Kleinen Schwarzen aus Strick oder einem der unzähligen Kleidchen mit aufgedrucktem Gesicht in allen nur erdenklichen Farben ihrer berühmten Streifen. Wenn man trotz aller Langeweile der Sommermode 2007 ein Motto verpassen müsste, so wäre es wohl am besten so: "Feminin, aber unsexy" – was ganz gut zu Frauen passt, die skinny, aber nicht verhungert sind.

Themen in diesem Artikel