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Roberto Cavalli Der Pate des Prunk


Seine Mode steht für den ganz großen Auftritt: Roberto Cavalli. Hausbesuch bei einem Designer, der die Frauen wirklich liebt.

Herr Cavalli, warum ist Ihre Mode so auffällig und bunt?

Wenn ich am Morgen mein Fenster öffne und in den blauen Himmel über Florenz blicke, dann will ich Frauen in Farben sehen. In sexy Kleidern. Zu sexy, fürchte ich manchmal. In meinen Kollektionen ist die Grenze zwischen sexy und vulgär nur hauchdünn.

Wie Jane Fonda schon sagte: "Wir geben uns derartig Mühe, sexy auszusehen, dass uns für Sex weder Zeit noch Kraft übrig bleibt."

Frau Fonda hätte ein anderes Leben führen sollen. Ich ziehe es vor, mehr Zeit für die Liebe aufzuwenden als fürs Aussehen. Wissen Sie, warum ich in den Siebzigern kein Versace oder Armani wurde, obwohl alles danach aussah? Weil ich nie süchtig nach Arbeit und Erfolg gewesen bin. Ich hatte meinen Spaß daran, drei Wochen am Stück in Saint-Tropez zu verbringen.

Sie besitzen Rennpferde, Weinberge und Ferraris, Hubschrauber und diese feudale Villa bei Florenz. Schämen Sie sich eigentlich nicht für Ihren Reichtum?

Gar nicht. Ich bin auch nicht so reich, wie man immer glaubt. Ich besitze diese Villa und ein Appartement in New York. Das hat 80 Quadratmeter. Manche meiner Kollegen besitzen zehn Hotels.

Dafür sind Sie zurzeit geschäftlich so erfolgreich wie kaum ein anderer Designer. Insbesondere in den USA.

Das liegt vielleicht daran, dass vor allem farbigen Sängerinnen Cavalli-Kleider großartig stehen. Dieser VIP-Faktor hat uns ein kräftiges Wachstum beschert. Dazu kommt meine Fähigkeit zur Darstellung. Mich an den richtigen Orten zu zeigen, mit den richtigen Leuten.

Die Achtziger waren modisch keine Cavalli-Zeit. Was haben Sie in jenen Jahren gemacht?

Fünf wunderbare Kinder aufgezogen. Ein zweites Mal geheiratet. Und rund um die Welt meine Pferde rennen lassen. In der Mode tat ich, was ich immer schon getan hatte.

Nach den Jahren von Glamour, Goldlamé und Tigerfell kommen nun die ersten Zeichen einer Rückkehr zur Nüchternheit in der Mode. Wird dem "King of Glitz" da bang?

Ach, solche Ängste verfolgen mich schon mein ganzes Designerleben. Heute reagiere ich gelassener auf solche Trends, das macht meine Erfahrung. Eine Rückkehr des Minimalismus wird es sowieso nicht geben. Der war schon bei seinem ersten Auftritt so unsexy, dass keine Frau mit Persönlichkeit ihn sich freiwillig anlegte.

Sie verfolgen Ihr kreatives Konzept also mit einer gewissen Sturheit.

Hätte ich mitmachen sollen, als die Japaner Anfang der Achtziger die Mode mit völlig neuen Formen umkrempelten? Selbst wenn ich es versucht hätte - was ein Selbstverrat gewesen wäre -, ich wäre gar nicht in der Lage dazu gewesen. Es gab Momente, da erwog ich, mit der Mode Schluss zu machen.

Was hat Sie davor bewahrt?

Meine Frau Eva. Die ist 20 Jahre jünger und eine perfektionistische Österreicherin. Ihr Schwung hat mich und meine Arbeit wiederbelebt.

Mittlerweile macht Ihre Frau sich daran, das Unternehmen zu dirigieren. Wie arbeitet es sich als Ehepaar?

Wir haben uns angewöhnt, tagsüber nicht zu streiten. Und verheiratet sind wir erst ab abends um acht. Dann wird über Arbeit nicht mehr geredet.

Sie betätigen sich neuerdings als Filmproduzent. Was reizt Sie an diesem Geschäft?

Jetzt mal alle Bescheidenheit beiseite: Ich halte mich für sehr intelligent, sonst wäre ich nicht dort, wo ich bin. Und warum sollte ich meine Intelligenz nicht auch auf anderen Gebiete verwenden? Dass ich jetzt Koproduzent des Films "The Decameron" bin, habe ich indirekt Anthony Hopkins zu verdanken. Als der vor fünf Jahren "Hannibal" in Florenz drehte, verbrachte er zwei Wochen in meinem Fitnessstudio, weil er ein paar Kilo für seine Rolle abnehmen musste. Durch ihn lernte ich den Produzenten Dino de Laurentiis kennen.

Eine lebende Legende.

Anfangs dachte ich: Was für ein mürrischer Typ, mit dem stimmt doch was nicht. Nach ein paar Abenden begriff ich aber, dass er bloß eifersüchtig war. Er fürchtete, dass ich mich an seine junge Frau ranmachen wollte. Heute ist Dino für mich wie ein älterer Bruder. Er fragte mich, ob ich die Kostüme für "Decameron" entwerfen wollte. Klar, antwortete ich, und Produzent will ich auch sein.

Sie sind einer der wenigen Heteromänner in der Mode. Hat das Ihre Karriere beeinflusst?

Meine italienischen Kollegen haben mich nie vollständig akzeptiert. Und besonders sympathisch bin ich ihnen wohl auch nicht. Vielleicht sind sie verunsichert. Vielleicht beneiden sie mich um meine junge Frau, um meine Kinder. Es gibt da ja einige Kollegen, die haben den Anspruch, Kinder haben zu wollen. Das scheint mir für zwei Männer doch ein recht anstrengendes Unterfangen.

Sind schwule Modemacher die besseren Modemacher?

Manchmal wünsche ich, ich hätte die Sensibilität vieler schwuler Designer. Andererseits bin ich überzeugt davon, dass man die Frauen lieben muss, um schöne Kleider für sie entwerfen zu können. Ich bin ja kein klassischer Designer. Ich bin zur Mode gekommen, weil ich schöne Frauen kennen lernen wollte.

Sie sind 64. Verstehen Sie die Frauen mittlerweile?

Noch immer nicht. Und das ist gut so. Ich selber wollte immer ein Rätsel für die Frauen bleiben. Die Liebe ist ein immer währender Kampf darum, sich nicht durchschauen zu lassen.

"Vom modischen Standpunkt aus betrachtet", sagten Sie einmal, "ist der Feminismus eine schreckliche Sache."

Ach, ich habe schon jede Menge Idiotien von mir gegeben. Trotzdem war ich vor kurzem eingeladen, vor 300 Studenten der Universität von Rom über die "femme fatale" zu sprechen. Ich habe erklärt, dass es die seit den Sechzigern nicht mehr gibt. Und damals war sie zwar eine glamouröse Erscheinung, elegant, fantastisch - aber nie sexy. Also nichts für mich.

Ein kurzer, prägnanter Vortrag.

Er ging trotzdem noch zwei Stunden weiter. Wir haben über Träume gesprochen. Ich habe den jungen Leuten erklärt, dass ich eifersüchtig auf sie bin, auf ihre Jugend, ihre Träume. Auch wenn ihr es nicht wisst, habe ich gesagt, ihr lebt gerade die schönste Zeit in eurem Leben. Träumt so viele Träume wie möglich!

Was ist mit Ihren Träumen?

Ich träume davon, noch einmal etwas Revolutionäres zu liefern. Leider sind wir heute alle gefesselt an die Verkäuflichkeit unserer Entwürfe. Es kommt nichts Neues, stattdessen wird schrecklich viel kopiert. Es wäre zum Beispiel schön, wenn die Konzernspitze der deutschen Marke Escada ihren Designern riete, nicht so eklatant bei Cavalli abzugucken.

Wie altert es sich in der Mode?

Schon das Wort Alter gefällt mir nicht. Ich ziehe die Nicht-Jugend vor. Ich umgebe mich fast ausschließlich mit jungen Leuten, will reden, denken, leben wie sie. Mit Gleichaltrigen treffe ich mich eigentlich nur, wenn ich es aus geschäftlichen Gründen muss. Leute in meinem Alter sind oft unglaublich langweilig.

Sie sind ein klassischer Fall von Altersangst.

Stimmt, es ist mein größter Fehler, dass ich mich nicht aufs Älterwerden verstehe. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Wer sein Leben auf herkömmliche Weise gelebt hat, der wird seine Jugend vielleicht nicht so sehr vermissen. Wer aber wie ich ein aufregendes Leben geführt hat, der leidet. Früher habe ich mich in jedes Abenteuer geschmissen. Heute kann ich mir das leider nur noch in begrenztem Umfang erlauben.

Dirk van Versendaal print

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