HOME

Style: Modisch längst ein Meister

Portugal macht nicht erst seit diesem Sommer die eine oder andere Welle: Die Designer in Lissabon und Porto zählen zu den kreativsten und fröhlichsten Europas.

Der Weg zu Dino Alves führt durch ein Labyrinth aus Treppenhäusern. Ein Uhr mittags, und im Bairro Alto, dem Lissaboner Movida-Quartier, ist alles mausetot. Irgendwo ganz oben in der Rua Luz Soriano Nr. 67 finden wir Alves' "Atelier": In einem winzigen Verschlag zwischen Kleiderstangen und Zeichentisch empfängt uns ein 37-jähriger Junge mit Dorian-Gray-Zügen, der huldvoll Küsschen entgegennimmt, während er entschuldigend seufzt: "Ein bisschen früh für das Bairro, meine Model-Musen sind offenbar noch unpässlich."

Fashion Shooting in Lissabon. Portugals Metropole ist zwar eine spannende Großstadt - doch Lichtjahre entfernt von professionellen Modezentren wie Mailand oder Paris. So ist Improvisation gefragt, um Dino Alves' aktuelle Sommerkollektion zu fotografieren. Da werden als Model-Ersatz die hoch gewachsenen Töchter von Freunden aufgestöbert und die Wirtinnen einer charmant-dekadenten Absteige beschwatzt, ihren Balkon mit Blick auf den Tejo zu öffnen. Als die Mädchen dort endlich posieren in Dino Alves' verspieltem Aschenputtel-Look, bekennt der "Criador" unten im Straßencafé: "Eigentlich bin ich kein Modedesigner, sondern Künstler. Ich verkaufe Styling-Konzepte, keine Kleider."

"ModaLisboa" in der Gemüse-Halle

"In Lissabon geht so was", sagt Eduarda Abbondanza, "in Mailand wärst du mit der Einstellung längst verhungert." Die energische Mittvierzigerin gehört zu den Pionieren der portugiesischen Modeszene, verpasste ihr ein Image und Sichtbarkeit. So entwickelte die Design-Dozentin an der Universität Lissabon eine eigenständige Modewoche - mit Geldern von Stadt, heimischer Industrie und internationalen Sponsoren. Seit 1996 werden unter dem Namen "ModaLisboa" regelmäßig zweimal im Jahr die Schauen von gut einem Dutzend heimischer Designer gezeigt. Schauplatz ist eine ehemalige Gemüse-Auktionshalle an den Docas de Alcantara, den trendigen Hafendocks. Für Dino Alves und die meisten seiner Kollegen sind die Schauen der ModaLisboa wichtigstes Schaufenster zur Welt.

Dass Designer wie er überleben, liegt auch an ihrem gebremsten Ehrgeiz. In Lissabon etwa gilt Alves mit seinem Stilmix aus Retro, Punk und Folklore als König der lokalen Boheme. Das reicht ihm. Wenn ihn Manuel Reis ruft, glatzköpfiger Godfather des Lissaboner Nachtlebens, weil der seinem mit Hollywood-Star John Malkovich geführten Kult-Club "Lux" am Tejo-Ufer ein neues Styling verpassen will, ist das für Alves fast so wichtig, als hätte man ihm einen Top-Termin auf den Pariser Catwalks eingeräumt.

Private Honorare und Finanzspritzen portugiesischer Textilunternehmer - ohne sie könnten viele Kreative im Land nicht arbeiten. Der Markt ist klein, und das zahlungskräftige Publikum beginnt erst jetzt, nach Luxus-Labels aus Italien und Frankreich auch Designermode eigener Provenienz als Statussymbol zu akzeptieren.

Hotpants und Babydolls

Katty Xiomara, 30, gehört zu den großen Hoffnungen von Portugals Modeszene mit ihren fröhlichen Hotpants und kindlichen Babydolls. Beim Fototermin in Lissabons Kleineleuteviertel Sao Bento, inmitten von Krämerläden und Kneipen unter Wäscheleinen, riskieren alle einen Blick. Die Männer verstohlen zwischen zwei "Sagres"-Bierchen und einem Teller frischer Schnecken, die Frauen offen und neugierig: Die Leute lieben Katty Xiomaras frischen, detailverliebten Look aus Porto.

Doch über Wasser hält sich auch die Kindfrau mit dem Bubikopf nur, weil sie nebenher etwa Dienstuniformen fürs Sheraton-Personal schneidert. "Ein bis zwei Prozent Umsatz im Ausland wiegen für uns an Bedeutung den ganzen Inlandsmarkt auf", seufzt sie - und will trotzdem nicht weg aus ihrem Land. Daran sei nicht nur "unsere nostalgische Seele" schuld, sagt Katty: "In unserem Land kennt jeder jeden, da öffnen sich auch Türen schneller."

Frischblut für die inzestuöse Modewelt

Die Fashion-Szene ist entsprechend familiär, bei den Schauen herrscht eine Stimmung wie beim Klassentreffen. ModaLisboa-Chefin Eduarda sagt: "Die meisten wollen eben nicht die Welt erobern, sondern nur in Portugal ihre Pirouetten drehen." Sie findet die nationale Selbstbescheidung falsch, ist stolz, dass jedes Jahr 80 Prozent ihrer Studienabsolventen zum Lernen ins Ausland gehen. Um ihnen Mut zu machen, haben die ModaLisboa-Gründer von Anfang an den Jahrgangsbesten den Laufsteg für eigene Schauen geöffnet: "Sangue Novo" heißt das Programm, das Frischblut liefern soll für die inzestuöse Modewelt am Tejo. Seither wuchs nicht nur die Zahl der Modeschulen im Land. Auch das Potenzial heimischer Talente wird plötzlich sichtbar.

Bruno Abreu und Cristina Pedro etwa assistieren derzeit für ein halbes Jahr bei Alexander McQueen und Hussein Chalaya in London. Studienfreunde springen deshalb beim Fototermin ein, um ihre Kreationen vorzuführen, Motto: "Fußball-Wahn 2004", passend zur derzeit laufenden Europameisterschaft. Und so rekeln sich Priscila, Patricia und Tania in Bruno Abreus schrägen Soccer-Outfits auf einer der Traumterrassen im Palácio Belmonte über dem Alfama-Viertel. Den Palast aus dem 15. Jahrhundert ließ ein französischer Unternehmer eben mit 16,5 Millionen Dollar von Lissaboner Spitzen-Architekten zu einem Designerhotel umgestalten, das so spektakulär ausgefallen ist wie der Blick über die Altstadtdächer hinunter auf den mächtigen Strom.

"Luz de Lisboa"

In Cristina Pedros eiskremfarbenen Folienkleidern mit ihren klaren Schnitten und Starkicker Figos Silhouette als ironischer Muster-Ikone tollen die Studentinnen für den Fotografen im Garten des ebenso geradlinigen "Centro Cultural de Belém": Der kubistische Kalkstein-Tempel am Tejo strahlt genau diese gleißende Aura aus, die sie hier "Luz de Lisboa" nennen. "Es ist dieses Licht", sagen die beiden jungen Designer, "das uns nie mehr loslässt."

Zurück im Bairro Alto, Besuch in Fátima Lopes' Atelier in der Rua Atalaia. Blaurote Dämmerstunde, eben wacht das Viertel auf, "in dem das Herz des alten und jungen Lissabon schlägt", wie die 37-Jährige mit der Kleopatra-Frisur schwärmt. Die einstige Reiseführerin stellte vor zwölf Jahren ihre erste Kollektion vor, heute ist sie Portugals erfolgreichste Modeschöpferin - und die einzige mit internationaler Resonanz: Seit 1994 ist sie bei den Pariser Schauen vertreten.

Portugals Donatella Versace

Mit ihrer knalligen Pin-up-Mode, in der sie mitunter selbst halbnackt über den Laufsteg stolziert, betört Portugals Donatella Versace Frauen wie Ivana Trump und Portugals aufstrebende Schickeria, als deren Zeremonienmeisterin sie gilt. "Schauen Sie sich um im Bairro", ruft sie, während die Mädchen ihrer eigenen Model-Agentur letzte Hand anlegen, da ein Trägerchen rutschen, dort einen Saum steigen lassen: "Sie werden sehen: Portugal ist heiß auf Mode!"

Dann stöckeln die Lopes - "belezas" vor der Linse des Fotografen mittenhinein in die Movida, auf Domina-tauglichen Riemen-Stilettos unter bronzefarbenen Lederkleidchen und transparenten Flatterfummeln in Bonbonfarben, die nicht mehr bedecken als ein Geschirrtuch. Doch im Gedränge der Gassen, die sich nach Mitternacht in eine einzige Freiluftbar verwandeln, fallen Fátimas Geschöpfe kaum auf. Da flanieren schwarze Beauties aus den afrikanischen Exkolonien neben milchkaffeebraunen Immigranten aus Brasilien und weißen Lisboetas in einem an jeder Ecke wie neu kreierten Multi-Ethno-Look. Gemeinsam schunkeln sie zum kapverdischen Funana, tanzen den Timbalada aus Bahia, heulen in vergilbten Fado-Kneipen, wo junge Frauen mit großen Stimmen den traurigen Liedern neue Leidenschaft einhauchen - sinnlich gekleidet und hinreißend schick. Aller Saudade zum Trotz.

Daniela Horvath / print