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Superlative-Uhren: Manometer! Chronometer

Zeigt her eure Zeiger: Der stern setzt sieben aktuelle Uhren in Szene, die eigentlich ins Buch der Rekorde gehören - und stern-Mitarbeiter Jochen Siemens erklärt, warum selbst modernste Technik die Zeit nicht aufhalten kann.

Neulich mit der Armbanduhr zum Reparieren gewesen, sie brauchte eine neue Batterie. Und weil man die Uhr nur mit so einer seltsamen Spezialzange aufschrauben kann, muss man zum Uhrmacher, einem freundlichen Mann mit Bart und grauem Kittel in einem Geschäft in der Hamburger Innenstadt. Es ist immer ein komisches Gefühl, wenn fremde Menschen an der eigenen Uhr operieren, man glaubt, sie schraubten auch an der eigenen Zeit herum, und man überlegt, ob man langsamer oder schneller ginge, wenn der Mann sich jetzt verschraubte. Oder ob die Parkuhr aufhörte zu laufen, weil der eigene Zeitmesser gerade nicht voranschreitet. Man schaut ihm zu, wie er den Uhrendeckel öffnet, und wagt eine Frage: Ob es, philosophisch gesehen, nicht eine völlig unnütze Arbeit sei, Uhren zu reparieren? Der Mann lächelt.

Ja, sagt er, selbstverständlich, und schaut durch die Lupe hoch. "Es ist faszinierend, wie sehr sich die Menschen damit beschäftigen, etwas zu messen, das sie nicht ändern können: die Zeit. Hängt bei Ihnen zu Hause ein Thermometer?" Ja. "Und was machen Sie, wenn es kalt oder heiß ist? Sie verändern die Temperatur, drehen die Heizung hoch oder öffnen das Fenster. Aber was machen Sie, wenn es für irgendetwas zu spät ist?

Wenn der Zug schon weg ist

oder der Film schon angefangen hat? Nichts. Sie können die Zeit ja nicht verändern." Der Mann schaut wieder auf die Uhr und dreht mit einem Schraubendreher, so klein wie eine Nähnadel, die Batteriesicherung heraus. Aber warum besitzen dann fast alle Menschen Armbanduhren, wenn sie doch sinnlos sind? "Weil uns jeder Blick darauf versichert, wie machtlos wir gegen die Zeit sind. Sie läuft ab, sie rinnt uns weg, sie verfliegt, oder sie schleicht. Eigentlich ist jeder Blick auf die Uhr, philosophisch gesehen, nur eine Vergewisserung, dass wir irgendwann sterben." Mit einer Pinzette hebt der Mann nun eine mikroskopisch kleine Batterie in den winzigen Schacht in der Uhr, eine Operation wie am offenen Herzen.

Gut, aber wenn ich um drei Uhr verabredet bin und meine Armbanduhr sagt, es ist zehn vor drei, dann weiß ich doch, dass ich mich beeilen muss. Von der Pinzette entlassen, plumpst die Batterie geräuschlos in den Bauch meiner Uhr. "Ja, aber wenn ein Stau ist, und Sie kommen um fünf nach drei? Ist die Verabredung dann weg? Nein. Und gehen Sie weg, wenn um fünf nach drei noch keiner da ist? Auch nein. Ist schon irgendein Unglück in der Weltgeschichte geschehen, weil jemand unpünktlich war? Nein. Napoleon übrigens verabredete die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 für den Sonnenaufgang, den konnte jeder sehen. Stellen Sie sich vor, er und Wellington hätten eine Uhrzeit ausgemacht - bei den Uhren, die sie damals hatten ..."

Wenn die Uhrzeit nun aber so zweitrangig ist, warum binden sich dann manche Menschen 10 000 Euro teure Rolex-Uhren um den Arm, und warum kauft jemand die Breguet Perpetuelle 5, eine Taschenuhr für 1,370 Millionen Euro? Warum gibt es Uhren wie den 6,6 Millimeter flachen Skin Chrono von Swatch, wenn sie uns doch alle nur erzählen, das Leben sei irgendwann zu Ende? Dafür reicht eine Kinderuhr.

Der Mann lächelt und beugt sich über den Tresen, seine Stimme wird leise. "Wissen Sie, Menschen mit den teuersten Uhren interessieren sich am wenigsten für die Zeit. Nehmen sie Thomas Gottschalk. Überzieht seine Sendungen jedes Mal und nennt eine Omega Tourbillon für rund 70 000 Euro sein Eigen! Ich glaube, eine teure Uhr soll sagen, dass Zeit dem Träger egal ist - es richten sich sowieso alle nach ihm. Und...", seine Stimme wird noch leiser, "...wir haben hier auch Kunden aus der Rotlichtszene, Zuhälter. Manche von denen können eine Uhr gar nicht lesen, aber sie haben eine diamantbesetzte Rolex Oyster.

Und warum? Lebensversicherung!

Wenn die mal schnell türmen müssen, bedeutet die Uhr Bargeld. Wird in jedem Puff der Welt eingetauscht, es gibt richtig eine Rolex-Währung. Neulich war mal einer hier, eine nagelneue Rolex hat er gekauft, und ich hab ihn gefragt, ob ich ihm die Komplikationen zeigen soll. Da hat er böse geschaut und 'Willst Ärger, Alter?' durch den Laden gerufen. Komplikationen, Sie wissen das, nennt man die Zusatzfunktionen einer Uhr." Der Mann schraubt den Deckel auf meine Uhr und fragt: "Soll ich die Uhrzeit einstellen?"

Welche Uhrzeit? "Gute Frage. Eine genaue Zeit existiert nicht, die Zeit ist eine Verabredung, den Tag zu teilen, die Mitte ist, wenn die Sonne am höchsten steht. Aber sie hat, wie Einstein sagte, die Bedeutung einer - wenn auch hartnäckigen - Illusion." Der Mann schaut auf eine große Digitaluhr vor sich, "aber ich kann Ihnen die Illusion bis auf 15 Stellen hinter dem Komma einstellen, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig misst so was." Draußen steht mein Auto, es ist genau 15 Uhr, 26 Minuten und 11,3976642 Sekunden, als ich den Laden verlasse. Ein Strafzettel klebt unter meiner Windschutzscheibe. Zu lange geparkt. Egal wie genau, egal wie teuer - die Zeit ist ein Teufel.

Jochen Siemens
Mitarbeit: Gisbert L. Brunner

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