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Pariser Modewoche Traumfabrik Chanel: Eine kurze Flucht aus der Corona-Tristesse

Das Abschluss-Défilé von Chanel bei der Pariser Modewoche
Das Abschluss-Défilé von Chanel bei der Pariser Modewoche
© Olivier Saillant/Chanel
Obwohl in Paris die Corona-Zahlen steigen, finden viele Designerschauen vor echtem Publikum statt. So wie die Show von Chanel, das Highlight der Pariser Modewoche. Auch wenn sich viele Marken vom Homeoffice-Look inspirieren ließen: Die Jogginghose feiert bei Chanel kein Comeback.
Von Cathrin Wißmann

Es ist wahrscheinlich die erste Chanel-Show, die so pünktlich beginnt: Um 10.38 Uhr, mit nur acht Minuten Verzögerung, startet die Schau des französischen Modehauses. Tatsächlich läuft nichts so ab, wie man es kennt: Kaum jemand trödelt auf den Treppen des Grand Palais, um sich von Streetstyle-Fotografen knipsen zu lassen. Es gibt keine ohrenbetäubende Geräuschkulisse, weil über tausend Besucher aus aller Welt durcheinander plappern. Stattdessen herrscht Stille. Die etwa 500 Gäste, fast alles Franzosen, sitzen pünktlich auf ihren separierten Plätzen. Die Show, immerhin eines der Highlights der Pariser Schauenwoche, lässt sich niemand entgehen. Nur eine Sache ist so, wie man sie traditionell kennt: die Kulisse.

Was Karl Lagerfeld einst mit seinen opulenten Szenerien – einem Supermarkt, einer Rakete oder einer Eislandschaft – schuf, führt seine Nachfolgerin Virginie Viard in weniger spektakulärer, aber immer noch imposanter Art fort: Für die Show ließ sie die sechs Chanel-Buchstaben als meterhohe, weiße Letter in der Halle des Grand Palais errichten. Die Kulisse erinnert an den berühmten Hollywood-Schriftzug in den Bergen von Los Angeles. Dass Chanel eine lange Tradition mit dem amerikanischen und französischen Kino verbindet, zeigte bereits ein Kurzfilm am Vortag der Show, der online ging. Er zeigte Ausschnitte mit Romy Schneider, Jeanne Moreau und Anna Karina, mit denen Coco Chanel einst befreundet war. "Die Kollektion ist eine Hommage an die Musen des Hauses", sagte Viard nach der Show. "Coco Chanel und Karl Lagerfeld haben viele von ihnen im Film und im echten Leben eingekleidet. Ich habe an die gedacht, die uns stets zum Träumen angeregt haben."

Die Chanel-Show als kurze Auszeit vom realen Leben

Viele sahen in dem Setting aber nicht nur eine Hommage an die Musen, sondern verstanden es auch als Einladung Viards, den Alltag zu vergessen. Die Show als Auszeit vom realen Leben. Wenn auch nur für kurze Zeit. Denn draußen, auf der Straße, bestimmt das Coronavirus seit Wochen das Leben vieler Franzosen. Die Menschen gehen nicht ohne Mundschutz aus dem Haus, Bars und Cafés sind geschlossen. Die Infektionszahlen steigen dramatisch.

Für Viard Grund genug, ihre Gäste für einen kurzen Moment zu entführen. Die Einladung galt auch für Millionen Fans der Marke, die die Show live und online verfolgen konnten. Zwar ging es nicht in die Traumfabrik Hollywood, dafür aber in die Traumfabrik Chanel. Und dort stellte die Designerin eine Kollektion vor, die zumindest Lust machte auf den kommenden Sommer. Wie dieser ablaufen wird – ob man verreisen kann oder zu Hause bleiben muss – weiß keiner, aber dennoch waren Viards farbenfrohe Looks ein Stimmungsaufheller.

Man sah Bouclé-Anzüge mit Westen und knielangen Shorts, Shirts und Blazer mit Logoprints. Zwar entwarf Viard ihre Kollektion während der Zeit des Lockdowns, aber die von Lagerfeld mal verteufelte, mal hochgelobte Jogginghose feierte dennoch kein Comeback auf dem Chanel-Laufsteg. Stattdessen spielte die Designerin nur andeutungsweise mit Homeoffice-Einflüssen und entwarf etwa Kleider aus weißer Spitze und Bra-Tops. Was vor der Corona-Zeit noch drunter getragen wurde, wird nun selbstbewusst nach außen gekehrt. Zu den Models gehörte erneut das niederländische Plus Size-Model Jill Kortleve. Sie lief zum zweiten Mal für Chanel über den Laufsteg und trug eine weit geschnittene Hose mit hoher Taille in knalligem Rosa, einer wichtigen Sommerfarbe für das Modehaus.

Die Schauen sind auch ein Wirtschaftsfaktor für Paris

Chanel gehört wie Hermès, Louis Vuitton und Chloé zu den wenigen französischen Luxushäusern, die ihre Mode vor echtem Publikum zeigen. "Die oberste Priorität bleibt es, den Traum am Leben zu erhalten", sagte man bei Chanel im Juni, kurz nach der letzten Cruise-Collection-Show. Und daran hält die Marke auch weiterhin fest. Die Show abzusagen – diese Überlegung stand wohl nie zur Diskussion. Das Schauenspektakel – so fehlplatziert es auch auf manche wirken mag – ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Paris. Er bringt der Stadt jährlich 1,2 Milliarden Euro.

Dennoch setzen in dieser Saison viele Marken auf digitale Events oder sagten ihre Shows komplett ab. So wie der Kering Konzern, zu dem Saint Laurent, Balenciaga, wie auch die italienische Marke Gucci gehören. Auch ohne Laufstegshow sorgten sie für Aufsehen. Für seine aktuelle Gucci-Kampagne engagierte Kreativchef Alessandro Michele etwa die Superstars A$AP Rocky, Iggy Pop und Tyler, the Creator. Er inszenierte sie wie Freunde, die in Corona-Zeiten zusammen in einer Wohnung abhängen. Drei Superstars allein zu Haus – die Bilder sind bei Instagram längst ein viraler Hit.

Auf einen Erfolg in den sozialen Medien kann auch Chanel hoffen. Kurz nach der 20-minütigen Show im Grand Palais, als die Gäste wieder hinaustreten in den grauen Pariser Alltag, bestimmen die Bilder und Videos der Show bereits das Online-Geschehen. Und das ist in der Modewelt längst die wichtigste Währung.


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