HOME

Mietrechtler klärt auf: Eine Familie verliert ihre Wohnung, weil die Tochter zu laut war – ist das eigentlich rechtens?

In Dortmund wurde einer Familie die Wohnung gekündigt, weil die zweijährige Tochter angeblich zu laut war. Darf der Vermieter so handeln? Und ist so etwas auch in Hamburg möglich? Der stern fragte einen Mietrechtsexperten.

Zoff mit dem Vermieter: So verhalten Sie sich im Streitfall richtig

Es ist kein Geheimnis: Kinder machen Lärm. Und kleine Kinder machen großen Lärm. Der kann gerade in einem Mietshaus für Nachbarn (wie auch die Eltern) schnell zur Nervenprobe werden. In Dortmund fühlten sich die Mieter eines Mehrfamilienhauses durch die Geräusche eines mittlerweile zweijährigen Mädchens so belästigt, dass sie einen gemeinsamen Beschwerdebrief an den Vermieter, ein großes Wohnungsunternehmen, schrieben. Der mahnte die Eltern daraufhin zunächst ab, schickte nun die fristlose Kündigung. Wie der WDR berichtet, soll die Familie bis zum 6. Februar ihre Wohnung räumen. Ein Schock. Ist dieses harte Vorgehen wirklich rechtens? Wäre so etwas auch in Hamburg möglich?

"Man muss da eine Trennung vornehmen zwischen dem Lärm von Erwachsenen oder Jugendlichen und dem Lärm, den ein zweijähriges Kind verursacht", sagt Siegmund Chychla, Rechtsanwalt und Vorstandsvorsitzender des "Mieterverein zu Hamburg" zum stern. Grundsätzlich könne altersgerechter Lärm, den ein zweijähriges Kind verursacht, etwa durch Weinen, Spielen oder auch Schreien, nicht zu einer Kündigung führen. 

Mietrecht

Ein kleines Kind fährt mit einem Rutschauto durch eine Wohnung. In Dortmund erhielt eine Familie die Kündigung, weil ihre zweijährige Tochter angeblich zu laut war (Symbolbild)

Picture Alliance

Die Hürden für eine derartige Kündigung sind hoch

"Unter normalen Umständen wird sich der Vermieter in so einem Fall nicht durchsetzen", sagt der Jurist. Ausnahmen gebe es etwa, wenn Eltern ihrer Fürsorge- oder Erziehungspflicht nachweislich nicht nachkommen würden und die lauten Geräusche im schlimmsten Fall von vernachlässigten oder misshandelten Kindern stammten. Insgesamt lägen die Hürden für eine Kündigung aber sehr hoch. Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern gibt es nicht. Mietrecht ist Bundesrecht. 

Im Dortmunder Fall schlug der Vermieter in eine ähnliche Kerbe: Eine Sprecherin des Unternehmens sagte dem Bericht zufolge, es hätte vermehrt Beschwerden über die Familie gegeben. Sie mutmaßte weiterhin, dass die Eltern womöglich ihrer Erziehungspflicht nicht nachkommen würden und das Kind im Gegenteil gar dazu ermuntert hätten, laut zu sein. Die betroffene Mutter gab hingegen an, ihre Tochter verursache nur die Geräusche, die ein Kind in dem Alter eben verursache. Die Familie will die Wohnung nicht kampflos aufgeben – zumindest so lange, bis adäquater Ersatz gefunden ist.  

Familien sind meist in der Minderheit

Das Unternehmen im geschilderten Fall hat mit der Kündigung die laut Chychla "härteste Karte" gezogen. Geht der Fall vors Gericht, muss das vermeintlich vertragswidrige Verhalten der Eltern erst einmal vom Vermieter nachgewiesen werden - etwa durch eine Befragung der Nachbarn. 

Das zeigt das nächste potentielle Problem: "Haushalte mit kleinen Kindern sind wie in vielen Ballungsräumen auch in Hamburg längst in der Unterzahl", sagt Chychla. Rund eine Million Haushalte gibt es in Hamburg. Laut Statistikamt Nord leben in knapp 18 Prozent davon – also nicht mal einem Fünftel – Kinder unter 18 Jahren. Die Mehrheit in der Hansestadt stellen mit 54 Prozent Einpersonenhaushalte.  Sprich: Familien mit Kindern sind in den Mietshäusern nicht selten in der Minderheit. "Wenn sich die Nachbarschaft dann nicht grün ist", so Chychla, und sich andere Menschen belästigt fühlen, könne es zu Problemen kommen.

Quellen: WDR (1) (2), Statistik Nord

Zoff mit dem Vermieter: So verhalten Sie sich im Streitfall richtig
Themen in diesem Artikel