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Madonnas Masche Vergewaltigungs-Beichte als PR-Strategie?


Madonna wurde als 19-Jährige vergewaltigt. Davon spricht sie immer dann, wenn sie ein neues Album bewerben will. Dass sie den Vorfall zudem nie der Polizei meldete, bringt Opfergruppen auf die Palme.
Von Andreas Renner, Los Angeles

Die Nachricht rauschte gestern als Schockmeldung durch alle Medienkanäle der USA: Madonna wurde als junge Frau vergewaltigt. Kommentatoren bei Radio- und Fernsehanstalten griffen das Geständnis der 56-jährigen Pop-Diva gerne auf, dass sie Radio-Moderator Howard Stern in dessen Show gab. Dabei hatte Madonna bereits 2013 in einem Interview mit dem "Harper's Bazaar" erklärt, dass sie Ende der 70er-Jahre in New York vergewaltigt worden sei.

Diesmal eröffnete sie ein paar weitere Details aus ihrer dunkelsten Stunde. "Es passierte, weil ich damals ein naives Mädchen war, das in New York jeden auf der Straße grüßte. Schuld war meine dumme Freundlichkeit und dass ich jeden anquatschte...und ich vertraute jedem", sagte die Sängerin.

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Beichte nur PR-Aktion?

Ein auf den ersten Blick hilfsbereiter Mann nutzte Madonnas Naivität demnach aus. Er habe die damals 19-Jährige auf dem Dach seines Appartement-Hauses vergewaltigt, in das er sie unter dem Vorwand gelockt habe, dass sie von dort aus ein dringendes Telefongespräch führen könne. "Ich fühlte mich, als hätte ich meine Finger in eine Steckdose gesteckt", beschreibt die Sängerin ihre Emotionen während der Vergewaltigung.

Die Aussagen der Pop-Ikone verbreiteten sich zunächst wie ein Lauffeuer. Doch es dauerte nicht lange, bis in diversen Radiostationen und Entertainment-Sendungen ein kleiner Shitstorm über Madonna hereinbrach. Bereits 2013 war der Sängerin unterstellt worden, sie habe mit ihrer Enthüllung lediglich versucht, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Damit habe sie den schleppenden Verkauf ihres Albums "MDNA" ankurbeln wollen.

Eine Anzeige wäre "zu beschämend" gewesen

Da Madonnas neue Platte "Rebel Heart" derzeit ein noch größerer Ladenhüter ist als der Vorgänger, steht die Pop-Diva nun erneut in der Kritik. Nun heißt es wieder, dass der Bericht von der Vergewaltigung lediglich Teil einer PR-Aktion sei. Bühnenstürze bei den Brit-Awards, politische Provokationen und Nazi-Vergleiche gegen Marine Le Pen - und nun sogar die alte Vergewaltigungsstory: Ist Madonna wirklich so abgebrüht, um die eigene Karriere zu pushen? Wenn dem so ist, dann tut sie es mit Erfolg. Ihre CD klettert nach den jüngsten Schlagzeilen in den weltweiten Charts weiter nach oben.

Während die einen Madonna abgeklärte PR-Intentionen unterstellen wollen, stören sich andere an der Tatsache, dass die Sängerin in demselben Interview mit Howard Stern erklärte, sie habe die Polizei nie über die brutale Vergewaltigung informiert, "weil es das einfach nicht Wert ist". Madonna erklärte: "Man ist da schon genug verletzt. Es ist zu beschämend." Organisationen wie RAINN ("Rape, Abuse and Incest, National Network") rufen Vergewaltigungsopfer hingegen dazu auf, sexuelle Übergriffe unbedingt der Polizei zu melden.

Kritik von Opfergruppen

"Auch wenn man nicht rückgängig machen kann, was geschehen ist, muss man Vergewaltiger zur Strecke bringen und verhindern, dass sie erneut einer Frau etwas antun", sagt Katherine Hull, Sprecherin der Hilfsorganisation. Madonna ist kein Einzelfall: Laut RAINN verheimlichen rund 68 Prozent aller Vergewaltigungsopfer, was ihnen angetan wurde. Dahinter stünde die Angst davor, dass man den Opfern nicht glauben oder ihnen sogar die Schuld an dem Geschehenen geben könnte.

Dass eine öffentliche Person wie Madonna mit ihren Aussagen andere Opfer nun dazu ermutigt zu schweigen, anstatt Hilfe zu suchen, stößt daher vielfach auf Unverständnis. "Wenn sie schon über ihre Vergewaltigung spricht, dann sollte sie das nutzen, um anderen Opfern Mut zuzusprechen und Hilfe anzubieten. Davon war aber kein Wort zu hören, es drehte sich bei diesem Interview alles nur um sie selbst", heißt es in einem Eintrag auf einem AOL-Blog.

Kein Sprachrohr wie Oprah

Kritiker fordern, Madonna solle ihren Status als international bekannter Star nutzen und als Sprachrohr fungieren für die rund 238.000 Frauen, die allein in den USA jährlich Opfer von sexuellen Übergriffen oder Vergewaltigungen werden. Etwa so wie die amerikanische Talkshow-Legende Oprah Winfrey, die als Neunjährige von einem Familienmitglied vergewaltigt wurde und sich heute intensiv als Fürsprecherin von Opfern von sexueller Gewalt engagiert.

Oder wie Madonnas jüngere Konkurrentin Lady Gaga: Sie wurde wie Madonna im Alter von 19 Jahren ebenfalls Opfer einer Vergewaltigung und schrieb später den Song "Swine" über die erniedrigenden Erfahrungen von damals, um anderen Opfern bei der Heilung der seelischen Wunden zu helfen.

Prominente Vorbilder

Auch "Desperate Housewives"-Star Teri Hatcher wurde als Fünfjährige vom eigenen Onkel vergewaltigt. Im Jahr 2002 brachte sie den Täter schließlich vor Gericht, wo er zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde. Kollegin Ashley Judd verarbeitete ihr Vergewaltigungs-Trauma in ihrer Biografie "All That Is Bitter and Sweet" und erntete viel Lob für ihre Vorbildfunktion.

Ob die Kritik an Madonna gerechtfertigt ist oder nicht, lässt sich am Ende wohl nicht objektiv beurteilen. Dem Opfer einer Gewalttat vorschreiben zu wollen, wie es seine Emotionen verarbeiten soll, wäre wahrscheinlich ebenso vermessen wie der Versuch, aus dem Geschehenen PR-Kapital schlagen zu wollen.


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