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Dokumentation: "Reiss Aus" – wie ein Burn-out zu zwei Jahren Abenteuer führte

Den Job kündigen, alles hinter sich lassen und einfach abhauen? Uli und Lena aus Hamburg haben genau das getan. Zwei Jahre sind sie mit ihrem Auto die westafrikanische Küste entlang gereist – und haben einen Film darüber gemacht. Nun kommt "Reiss Aus" in die Kinos.

Reiss Aus - Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum.

Haben wir nicht alle schon mal darüber nachgedacht, einfach abzuhauen und nicht mehr zurückzuschauen? Den Job zu kündigen und abzuwarten, wohin uns das Leben treibt? Einfach mal auszureißen? Ulrich Stirnat und Lena Wendt haben genau das getan – und einen Film darüber gedreht.

"Reiss aus – Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum." heißt der Dokumentarfilm, der in dieser Woche seinen Kinostart feiert. Er ist eine Ode an das Abenteuer, die Spontaneität und den Ausbruch aus dem Alltag.

Anfang 2014 sind Lena und Uli gerade frisch zusammengezogen. Es war "eigentlich das perfekte Leben", sagt Uli, "Hamburg Eimsbüttel, Hund, sanierte Altbauwohnung …" Doch unter der Oberfläche brodelt es. "Lena war gerade im Urlaub, als ich an einem Samstag beim Staubsaugen einfach so zusammengebrochen bin und zwei Stunden auf dem Boden gelegen und geweint habe." Diagnose: Burn-out. Mit Anfang 30. "Das war für mich ein Eye-Opener. Ich hab eine Therapie angefangen und im Zuge dessen festgestellt, dass ich in meinem Leben dringend etwas ändern muss."

Von Hamburg Eimsbüttel nach Südafrika – mit dem Auto

Was wie ein Rückschlag wirkte, stellt sich als Chance heraus – eine Chance, sich neu zu sortieren und Prioritäten abzuwägen. Und auch eine Chance, Lenas großen Traum zu realisieren: "Ich hab schon immer viel gebackpackt. Das war auch jedes Mal toll und wunderschön, aber ich hab immer gedacht, dass das mit einem eigenen Auto noch cooler wäre. Dann könnte ich einfach irgendwo anhalten und auch da bleiben. Und wenn ich dann noch mein Bett dabei hätte, könnte ich da sogar schlafen."

"Reiss aus – Der Film"

An den mangelnden Freiraum mussten sich die Ausreißer erst gewöhnen: "Du hockst 24 Stunden aufeinander", sagt Lena. "Ich war noch nie mit jemandem gereist. Und ich bin jemand, der Raum braucht – und musste auf einmal zwei Quadratmeter Auto teilen. Wir haben zwei Jahre lang auf engstem Raum und 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche aufeinandergehockt und uns permanent gegenseitig den Spiegel vorgehalten." 

Kurzerhand schmiedet das Paar einen Plan: Sie wollen von zu Hause, in Hamburg Eimsbüttel, bis nach Südafrika fahren – die Westküste Afrikas entlang. In sechs Monaten. Lena: "Wir waren gerade erst eingezogen und auch noch ziemlich frisch zusammen. Die Kisten waren noch nicht mal ausgepackt." Doch sie wollen die Reise unbedingt antreten. Uli, um das Burn-out und den Druck hinter sich zu lassen (eine Vorstellung, die er im Nachhinein "romantisch" nennen wird) und Lena, um ein für alle Mal etwas an ihrer Einstellung zu ändern: "Ich war schon häufiger länger weg und hab immer gedacht, dass sich doch dieses Mal was ändern muss – und wenn ich dann wieder in meinem Alltagstrott angekommen war, waren die guten Vorsätze wahnsinnig schnell wieder vergessen."

Also fahren sie los. Im Gepäck jede Menge Sachen, zu denen sie auf dieser Reise endlich mal kommen wollen: Hulahoop-Reifen, Surfbretter und Ulis Häkelzeug. Außerdem ein altes Dachzelt von Ulis Patentante – aus den 70ern. Darin werden sie über die nächsten zwei Jahre die meiste Zeit schlafen. Denn dass der Plan, nur sechs Monate unterwegs zu sein, illusorisch ist, stellen sie bereits sehr früh fest, als sie in Marokko allein drei Monate bleiben.

"Reiss aus" – Der Film

Wenn sich Lena und Uli die Höhen und Tiefen der Reise anschauen, zählen 40 Grad Fieber in Benin vermutlich eher zu den Tiefen

"Oma, deshalb bin ich hier"

Während Lenas Familie wenig überrascht über die Entscheidung zur Reise ist – "Ich bin immer, wenn es ging, abgehauen" –, sind Ulis Eltern skeptisch: "Ich glaube, die fanden das schon komisch. Der Junge gibt seinen Job auf und geht mit der relativ neuen Freundin auf Reisen. Aber sie haben mir natürlich alles Gute gewünscht."

Um ihren Familien ein Gefühl für all die Länder zu geben, fängt Lena, die in Hamburg als freie Journalistin gearbeitet hatte, an, über jedes Land einen kleinen Film zu machen: "Ich glaube, das war mein heimliches, nicht ausgesprochenes Ziel. Den Leuten daheim zu zeigen, wie schön es auf diesem Teil der Erde ist. Nachdem wir im Senegal gerade vier Tage mit Souvenir-Frauen verbracht und am Strand getanzt hatten, habe ich in mein Video-Tagebuch gesprochen: 'Oma, deshalb bin ich hier.' Denn in ihrer Vorstellung gibt es in Westafrika nur Ebola, HIV, Hungerbäuche …"

"Reiss aus" – Der Film

Lena, Uli und Terés – das Auto. Auf dem Dach ist das Zelt aufgebaut, in dem sie die meiste Zeit geschlafen haben. Lena: "Wir haben erst nach neun Monaten gemerkt, dass man da tatsächlich auch das Innenzelt rausnehmen und die Fenster aufmachen kann und gar nicht bei 49 Grad ersticken muss."

Stattdessen treffen sie Menschen, die sie ins Herz schließen, erleben Situationen, in denen sie über sich hinauswachsen müssen ("Zum Beispiel als wir Offroad durch Guinea gefahren sind und unser Auto auseinandergefallen ist") und lernen, dass am Ende, irgendwie, immer alles gut wird ("Nach drei Tagen sind wir im Senegal eingerollt und haben noch am Zoll nach einem Mechaniker gefragt. Die haben jemanden angerufen, der kam – schlussendlich hat das ganze vier Stunden gedauert und wir haben die Reparatur geschenkt bekommen, weil wir 'Freunde vom Zollchef' waren.").

"Reiss aus" ist ein Herzensprojekt

Aus all diesen Erfahrungen ist nun ein Film entstanden – ein "Herzensprojekt", wie Lena ihn nennt. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Videoblog für einen Kinofilm taugen würde – "Meine Objektive haben geschimmelt!" –, doch nach viel gutem Zuspruch eines Regisseurs, den sie bei ihrer Fotoausstellung kennenlernte, einer Crowdfunding-Aktion und jeder Menge Unterstützung von guten Freunden weltweit, feiert "Reiss aus" am 14. März offiziell deutschlandweiten Kinostart.

Vorläufiges Fazit? Lena: "Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder einen Traum hat. Der ist nicht für jeden eine Reise. Einer will vielleicht ein Haus bauen und ein anderer einen Käsekuchenladen aufmachen. Unsere Erfahrung ist: Lauf los und mach es. Guck, was deine Ängste sind und was dir im Weg steht, aber wenn es wirklich dein Traum ist, dann wachs darüber hinaus. Wenn wir zwei Pappnasen all das hier geschafft haben, dann kannst du das auch."

WARNUNG: Wer diesen Film schaut, wird danach das dringende Bedürfnis haben, sich auf dem Heimweg in sein Auto zu setzen und sich einfach nicht mehr umzudrehen, bis er auf irgendeiner Hochebene steht und den Sonnenaufgang in einem wunderschönen Tal beobachtet.

https://www.instagram.com/heylilahey/