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Sitcom im Shitstorm: Rassistisch, sexistisch, homophob – warum Millennials nicht über "Friends" lachen können

"Friends" war immer die Sitcom, auf die sich alle einigen konnten. Doch seit Netflix den vermeintlich zeitlosen TV-Klassiker im Programm hat, ärgern sich viele Erstgucker über Gags und Handlungsstränge, die nicht ihren Moralvorstellungen entsprechen. Das ist ziemlich lächerlich.

Friends

Die "Friends": Jennifer Aniston, David Schwimmer, Courteney Cox, Matt LeBlanc, Lisa Kudrow, Matthew Perry

Picture Alliance

"Friends" geht immer. Die Geschichten der sechs Twentysomethings in sind zwar optisch so was von Neunziger, gehören aber zu den wenigen wirklich virtuos geschriebenen TV-Shows ihrer Zeit. In Verbindung mit einer Besetzung aus unbedingten Sympathieträgern, die auch noch perfekt miteinander harmonieren, ergibt das einen Klassiker, an dem sich alle Beteiligten bis heute dumm und dämlich verdienen. 

Mit den "Friends" lässt es sich eigentlich immer lachen – nach einem stressigen Arbeitstag, bei Kummer jeglicher Couleur, an einem verkaterten Sonntag. Die 20-Minuten-Folgen eignen sich zudem hervorragend zum häppchenweisen Konsum ("Noch eine Folge?", "Noch eine?", etc.). Kein Wunder also, dass die Serie auch heute noch zu den zuverlässigsten -Hits gehört. Oder?

"Friends": Erstgucker machen ihrem Unmut Luft

Seit der Streamingdienst die ins Programm genommen hat, wird sie von einer ganzen Generation Spätgeborener zum ersten Mal entdeckt. Dabei tritt ein erstaunliches Phänomen zutage: Viele Millennials können offenbar überhaupt nicht über Monica, Rachel, Phoebe, Joey, Chandler und Ross lachen. Der Grund sind zahlreiche Gags und Handlungsstränge, die offenbar nicht mehr den kulturellen und sozialen Moralvorstellungen, die anno 2018 als gängig gelten, entsprechen.

In den sozialen Netzwerken machen die schockierten Erstgucker ihrem Unmut Luft. Sie schimpfen über Ross, der seinen Sohn nicht gerne mit einer Barbie spielen sieht. Sie können Chandlers Angst, für schwul gehalten zu werden, nicht nachvollziehen. Sie finden es unmöglich, dass Rachel einen heißen Typen als Assistenten einstellt – nur weil er heiß ist. Und sie können weder fassen, dass Monicas große Liebe Richard satte 21 Jahre älter ist als sie, noch dass Ross als Uni-Professor eine seiner Studentinnen datet.

Da möchte zum Beispiel eine Twitter-Userin am liebsten in den Fernseher springen, um Ross zu würgen, weil er so sexistisch und homophob sei. Ein anderer Kommentator schreibt, dass es verrückt sei, wie frauenverachtend die Show daherkomme. Eine Userin berichtet gar, dass sie damals als Teenagerin wegen der Witze über die "fette Monica" aufgehört hätte zu essen.

Aber welche TV-Show der Achtziger oder Neunziger erfüllt überhaupt die heutigen Maßstäben der politischen Korrektheit – man denke nur an Al Bundy und seine "schrecklich nette Familie" oder an die seltsam altmodisch anmutenden Ansichten der Girls aus "Sex and the City". So manches, das früher als bahnbrechend galt, ist dem übersensiblen Zuschauer unserer Zeit gleich ein Skandal.

Das ist in zweierlei Hinsicht lächerlich: Zum einen ist der aktuelle Trend, ein Werk aus dem Kontext seiner kulturellen Ära herauszureißen und zu bewerten, mehr als fragwürdig. Und davon abgesehen ist "Friends" ein denkbar schlechtes Beispiel für rückwärtsgewandte Fernsehunterhaltung. Genau genommen ist sogar das Gegenteil der Fall. Denn abgesehen vom alten und berechtigten Vorwurf, dass im Kosmos der Freunde die multikulturelle Vielfalt der Metropole nicht mal ansatzweise abgebildet wird und mit Ross' Freundin Charlie nur eine nennenswerte Nebenrolle in zehn Staffeln schwarz ist: Manchmal war die Serie für ihre Zeit sogar erstaunlich progressiv.

Die "Friends" müssen sich nicht rechtfertigen

Ein früher Hauptplot der Show dreht sich um die lesbische Hochzeit von Carol, der Ex-Frau von Ross und Mutter seiner Kinder. Keine Frage: Gleichgeschlechtliche Ehe im Jahr 1996 als Thema im amerikanischen Mainstream-TV? Das war damals schon eine klare Ansage, ebenso wie die Story rund um Chandlers Transgender-Dad. Auch die Beziehungskisten der Protagonisten wirken im Vergleich zu manchem Konkurrenzprodukt jener Tage eher fortschrittlich bis feministisch.

Aber mit diesen Beispielen gehen wir eigentlich schon zu weit. Die "Friends" müssen sich nicht rechtfertigen. Vielleicht würde die Show aus oben genannten Gründen in ihrer früheren Form heute nicht mehr produziert werden, was nicht unbedingt für das Kunstverständnis unserer Tage spricht. Aber unter handwerklichen Gesichtspunkten zählt die Serie zu Recht zu den besten aller Zeiten. Und wer hinter Joeys herrlich-dämlichem Anmachspruch "How you doin'?" ernsthaft ein feindliches Frauenbild vermutet, für den sind die "Friends" eh nichts. Für den wären sie aber auch schon in den Neunzigern nichts gewesen. Am Ende ist es nämlich, wie so oft im Leben, eine Frage des Humors.

Joko Winterscheidt steht beim Flachwitz-Freitag neben unserem jungen Redakteur
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