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Deutsche Netflix-Serie: "Dogs of Berlin" ist gar nicht so schlecht, wie alle sagen – mal abgesehen von einer Szene

Die deutsche Netflix-Produktion "Dogs of Berlin" handelt sich gerade einen Verriss nach dem anderen ein. Allerdings ist die Kritik zumindest teilweise überzogen: Immerhin ist die Serie besser als jeder "Tatort".

Dogs of Berlin

Christian Alvart hat es bestimmt geahnt. Schließlich hat der Autor und Regisseur von "Dogs of Berlin", der zweiten deutschen Netflix-Serie nach "Dark", bereits den Tschiller-"Tatort" mit Til Schweiger zu verantworten. Er weiß also aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie die Deutschen auf derartige Unterhaltung reagieren.

Und trotzdem versucht er mit der zweiten deutschen Netflix Serie überhaupt (nach "Dark") abermals, seinen überlebensgroßen Popcornkino-Entwurf im Land der Dichter und Denker (haha!) zu etablieren. "Dogs of Berlin" erzählt von kriminellen Clans, Neonazis und sozialem Elend in der deutschen Hauptstadt.

"Dogs of Berlin": vernichtende Reaktionen

Die Reaktionen im Feuilleton und in den sozialen Medien sind eindeutig, nämlich ziemlich vernichtend. "Spiegel Online" findet's "peinlich", der Deutschlandfunk bezeichnet "Dogs of Berlin" als "Trash-TV für Halbstarke", "Bento" listet gar "24 Menschen, die dir erklären, wie schlecht 'Dogs of Berlin' wirklich ist". Nur die "Taz" findet die Serie "unauthentisch und deshalb gut" – und das bringt es ziemlich gut auf den Punkt!

Ja, klar, "Dogs of Berlin" ist krawallig und klischeebeladen und kommt bisweilen mit der komödiantisch anmutenden Coolness eines Actionfilms aus den 80ern daher. Das alles muss in Zeiten politischer Überkorrektheit aber nichts Schlechtes heißen – im Gegenteil: Es ist kein Verbrechen, sich manchmal lieber von Bang-Boom-Bang-Blockbustern in der Tradition von "Stirb langsam" oder "Lethal Weapon" unterhalten zu lassen als von verkopftem Kunstkino.

Außerdem ist der Ansatz von Alvart ein ziemlich ehrlicher: Es ist vollkommen utopisch, die Qualität von Shows wie "Die Sopranos" oder "Breaking Bad" mit ihrer genialen Vermengung von Action und Anspruch zu erreichen – aber dicke Hose mit wenig Hirn, aber viel Halligalli, können wir in Deutschland auch. Das zumindest beweist "Dogs of Berlin" eindrucksvoll, denn spektakuläre Unterhaltung bietet diese Serie allemal.

Dafür ist in den sozialen Medien naturgemäß nicht jeder zu haben. Mit seinen drastischen Szenen lockt Alvart das kritisch-konservative Publikum erwartungsgemäß aus der sonntagabendlichen "Tatort"-Komfortzone. Wie prüde Amerikaner echauffieren sie sich über Nacktszenen, finden die Nazis irgendwie nicht akkurat dargestellt und beschweren sich über die vermeintlich verwirrende Anzahl an Charakteren. Immer wieder wird auch der Vergleich mit teilweise übertrieben-abgefeierten Produktionen wie "4 Blocks" und "Babylon Berlin" bemüht.

Dass es allerdings ernsthaft User gibt, die ungefiltert in die Welt hinausmeinen, dass "jeder schlimme Ulk-Tatort aus Münster" weniger peinlich sei, lässt schon ziemlich schmunzeln. Dass der Krimiklassiker seit Jahren von einer nachwachsenden Spießergeneration abgekultet wird: geschenkt. Aber eine ambitionierte Produktion wie "Dogs of Berlin" muss sich deshalb noch lange nicht mit dem verklemmten ARD-Wochenaufguss messen lassen.

Spuren von Schminanski und "Goodfellas"

Nur in einem Fall müssen wir den Kritikern uneingeschränkt zustimmen: Die Fußballspiel-Szene ist wirklich wahnsinnig missraten und mutet eher wie eine Chipswerbung mit Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski im Greenscreen-Stadion an.

Trotzdem ist diese Serie längst nicht so schlecht, wie alle sagen. Und Alvart hat den aktuellen Shitstorm bestimmt geahnt, er wird seine Crew gewarnt haben. Für die einen ist so ein Spektakel reaktionär und unterkomplex, für die anderen einfach nostalgische Unterhaltung. Für "Spiegel Online" finden sich Spuren von Schimanski und "Goodfellas" in "Dogs of Berlin", und das soll negativ gemeint sein. Aber mal ehrlich: Wo ist da der Diss?

Video: "Dogs of Berlin" feiert Kulturen und Subkulturen