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Ewig ausgebeulte Hosentaschen: Liebe Männer, ich habe eine Frage: Wieso tragt ihr eigentlich keine Handtasche?

Viele Männer im Umkreis unserer Autorin scheinen ohne Handtasche ein ziemlich entspanntes Leben zu führen. Sie selbst muss dafür oft als Lastentier herhalten. Wieso eigentlich?

Eine Frau öffnet ihre Handtasche, die auf ihrem Schoß liegt

Den ganzen Hausrat griffbereit: Eine Handtasche kann helfen, auf alles vorbereitet zu sein.

Getty Images

Es war Sommer. Hamburg, 18 Uhr, Feierabend. Mein Kollege verlässt in Shorts und T-Shirt die Redaktion, das Smartphone in der Hand: "Schönen Feierabend!" Ein bisschen sieht es so aus, als würde er gleich wiederkommen – eine Tasche hat er zumindest nicht dabei. Die Tür zum Redaktionsraum fällt zu, die Kollegin neben mir schaut ihm nur fassungslos hinterher. "Der hat doch tatsächlich nichts dabei. NICHTS! Nur Geldbeutel in der Hosentasche und Smartphone."

Ihr Kommentar tritt innerhalb weniger Sekunden eine Diskussion los, um ein Thema, das womöglich so alt ist wie die Menschheit selbst: Männer, wieso habt ihr niemals eine Tasche für euren Kram dabei? Oder habt ihr etwa keinen Kram? Und wie könnt ihr so durchs Leben gehen? Wie überlebt ihr? Und: Wie fühlt sich diese Freiheit an, einfach durch die Straßen zu laufen – ohne schmerzende Schulter, die von der Hälfte des Hausrats nach unten gezerrt wird?

Die Frau mit Handtasche – mobiler Kiosk und Packesel 

Ich fühle mich manchmal wie ein mobiler Kiosk.

  • "Hast du eine Schmerztablette dabei?"
  • "Kann ich Tempos haben?"
  • "Kann ich deinen Stift leihen?"

Oder schlimmer noch: Ich fühle mich wie eine menschliche Version des Lastentiers. Hochentwickelter Packesel, sozusagen.

  • "Kannst du mal meinen Geldbeutel einstecken?"
  • "Könntest du meine Fahrradpumpe nehmen? Die wird sonst geklaut."
  • "Passt meine Jacke noch in deine Tasche?"

Jede "Handtaschen-Frau" kennt diese Fragen von Freunden oder vom Partner. Ich beantworte sie alle durchgängig mit "Ja". Ich bin ja kein Unmensch. Doch angestoßen von der Diskussion in der Redaktion beginne ich, genau das zu hinterfragen. Denn dort fliegen die Erfahrungen der Kolleginnen nur so durch den Raum. Und alle befeuern meine Zweifel an diesem gesellschaftlich anerkannten Taschen-System: "Mein Mann fragt immer, wenn wir irgendwo unterwegs sind: 'Kannst du mal mein Leben einpacken?' Er hat nie eine Tasche dabei."

Irgendwie nehmen sich Männer, die zu unabhängig für das Tragen von Taschen sind, auch einfach das, was sie brauchen. Und nutzen uns Taschenträgerinnen für ihre Zwecke. Ich bewunderte es insgeheim. Denn es gehört eine gewisse Portion Verwegenheit dazu, so durchs Leben zu gehen: Frau mit Tasche wird es schon richten. Und alle meine Kolleginnen und ich waren der Beweis dafür, dass es funktionierte. Das System: erfolgreich implementiert.

Mir stellten sich gleich mehrere Fragen: Nutzten Männer ohne Handtaschen Frauen mit Handtaschen etwa seit Jahrhunderten aus – und es wurde einfach so hingenommen? Waren Frauen schlicht besser organisiert, weil sie immer und überall das Wichtigste zur Hand hatten? Waren Handtaschen-Menschen freier, weil sie vorbereiteter waren, oder waren Anti-Handtaschen-Menschen freier, weil sie unabhängiger von Konsumgütern waren?

Wer immer alles dabei hat, ist stets für alle Eventualitäten gerüstet. Spröde Lippen? Labello. Sonne knallt? Sonnenbrille. Akku leer? Buch. Und so geht es weiter: Kuli, Kalender, Medikamente, Wechsel-Schuhe, ein Schal, Handcreme, Haarklammern, eine Bürste, Deo, Lesebrille, Handy-Ladekabel, Sicherheitsnadeln, Nagelfeile. Die Welt geht unter? Macht nichts, ich bin bereit, denn ich habe mein Glätteisen dabei.

Wäre das nicht auch etwas für euch, liebe Männer? Immerhin sind in Zeiten des städtisch anerkannten Hipstertums Jutebeutel oder Bauchtaschen doch inzwischen eine ganz passable Möglichkeit für euch, auch zur Tasche zu greifen. Stichwort ewig ausgebeulte Hosentaschen. Passé! Schadet ja angeblich auch der Potenz, wenn man sein Handy ständig in der Hosentasche trägt. Doch das scheint euch natürlich egal zu sein. Living on the edge. Ich hatte mal einen Kollegen, der hat sein iPhone verbogen (!), weil er es beim Fahrradfahren in der hinteren Tasche seiner zugegeben engen Jeans trug – und danach machte er schnaubend Apple dafür verantwortlich.

Was bedeutet denn nun absolute Freiheit?

Doch woraus ergibt sich nun die größere Freiheit: Immer für alle Eventualitäten gerüstet zu sein? Alles dabei zu haben? Nicht noch einmal nach Hause zu müssen, wenn man nach der Arbeit noch spontan auf einen anderen Kontinent reisen möchte? Oder macht es freier, nie etwas dabei zu haben? Einfach das Haus zu verlassen in dem Wissen: "Ich habe zumindest den Schlüssel und meine EC-Karte und vielleicht mein Handy dabei. Aber der Akku ist eh gleich leer." Vielleicht konnte ich einem Kontrollzwang geschuldet auch nicht besonders gut loslassen. An dieser Stelle wird auch klar: Es ist eine Typfrage – und nicht zwangsläufig eine Frage des Geschlechts.

Während ich mir all diese hochkomplexen Gedanken mache, kommt mein Freund nach Hause. Noch immer davon überzeugt, eines der letzten Menschheitsrätsel zu lösen, frage ich also direkt an der Quelle nach: "Wieso hast du eigentlich nie eine Tasche dabei?" Er zuckt die Schultern: "Ich brauche ja nichts".

Ich seufze. Es kann doch alles so einfach sein. Auf meine Handtasche werde ich trotzdem nicht verzichten. Trotz schmerzender Schulter. Denn wer weiß, wann ich mal spontan eine Weltreise machen will.