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Mainstream-Rave: Irgendwie bin ich hier falsch: Warum Techno-Partys nicht mehr wie früher sind

Seit mehr als zehn Jahren geht unser Autor auf Techno-Partys. Dabei hat er in den vergangenen Jahren einen großen Wandel beim Publikum festgestellt.

Technoparty

Gängiges Bild auf einer Technoparty: Tanzende Massen und Laser

Getty Images

Die Bässe wummern, ein Laser wabert durch die Menge, die läuft mit mindestens 127bpm und viele Tanzende halten Wasserflaschen in der Händen – das ist lange Zeit das Standardbild auf einer Technoparty gewesen. Auch für mich.

Zum ersten Mal war ich vor gut zehn Jahren auf einer solchen Veranstaltung. Damals war ich 19 Jahre jung. Len Faki, Resident-DJ aus dem Berghain, legte im Bunker ("Übel & Gefährlich") in Hamburg auf. Im Vorfeld war ich komplett ahnungslos und hatte zugegebenermaßen meine Vorurteile: "Techno, das ist doch diese stumpfe Musik, die eigentlich nur aus Lärm in extremer Lautstärke besteht", dachte ich. Als ich den Club betrat war es gerade mal halb eins. Kein Schwein war da. Auch Len Faki nicht. Der legte erst ab vier Uhr auf – zu einer Zeit, zu der ich sonst immer schon vollbreit in der Bahn zurück zu meinen Eltern saß, auf dem Heimweg aus den damals angesagten Mainstream-Clubs "Funky Pussy Cat" oder "China Lounge".

In dieser Nacht tauchte ich also ein, in eine Welt, die mich auch zehn Jahre später noch fasziniert und in ihren Bann zieht. Ich wurde direkt vom Techno-Virus angesteckt. Denn nichts ist besser als raven. Jeder bewegt sich so, wie er oder sie es will. Keiner wirft einem komische Blicke nach dem Motto "Guck’ mal da, der Körperklaus bewegt sich ja richtig schäbig" zu. Jeder ist für sich und spürt einfach nur den Beat der Musik – für mich gibt es nichts Besseres. Man befindet sich in einer anderen Welt – auch ohne . Doch das hat sich leider in den vergangenen Jahren verändert.

Der Lifestyle steht im Vordergrund

Heute werden Instagram, Snapchat und Co. nicht nur bei normalen Freizeitaktivitäten, sondern auch beim Feiern genutzt. Partypeople, die so wie auf dem "Tomorrowland"-Festival im Takt von "Seven Nation Army" lautstark mitgrölen und die permanent Fotos und Videos machen, anstatt zu tanzen sind deshalb beileibe keine Seltenheit mehr. Die letzten Male, die ich auf Technopartys war, habe ich folgendes beobachtet: Junge Erwachsene – ich kann schlecht schätzen, aber maximal 20 Jahre jung - die sich mit Drogen vollballern und dann nach Möglichkeit jeden Drop mit ihrem Smartphone filmen. Am Besten wird das Ganze direkt im Anschluss noch in eine Insta-Story geklatscht, um den Followern zu zeigen: "Seht alle her, wie ich mich verkleidet habe und jetzt die Party meines Lebens feiere". Es scheint mittlerweile mehr um Lifestyle, als um die Musik an sich zu gehen.

Die Klamottenauswahl ist dabei ähnlich individuell wie bei Hipstern. Alle sehen gleich aus. Ein Gros der weiblichen Feiergäste trägt ein schwarzes, bauchfreies Top in Lederoptik und auf dem Kopf einen zu zwei Zöpfen geflochtenen Pferdeschwanz. Ein schwarzer Turnbeuel mit raffiniertem Spruch komplettiert das Outfit. Wobei, gerne wird auch noch etwas Glitzerstaub im Gesicht verteilt – auf den Bildern will man ja auch möglichst gut aussehen. Bei den Männern ergibt sich ein ähnliches Bild: Viele tragen ein hautenges, schwarzes T- oder Muscle-Shirt, dazu eine hochgekrempelte schwarze Slim-Fit Hose, verschlissene Sneaker und eine um die Schulter gebundene Bauchtasche. Mehr Mainstream geht nicht. Früher war es noch Underground.

Der Beweis dafür, dass Techno in den vergangenen Jahren endgültig zum Mainstream wurde, mache ich gerne am Fusion Festival fest – auch wenn auf diesem Festival nicht ausschließlich Techno-Musik gespielt wird. Während dort zu Beginn der 2000er gerade mal ein paar Tausend Menschen am tanzen und feiern waren, sind es mittlerweile schon über 70.000. Auch den Veranstaltern, die das Festival einst als Gegenentwurf zur Konsumgesellschaft entworfen haben, dürfte dieser Umstand widerstreben. Nicht umsonst fand das Festival im vergangenen Jahr gar nicht statt. Seitdem ein Hype um das Festival entstanden ist, müssen sich die Interessenten in Cliquen zusammenfinden und darauf hoffen, dass die Mehrzahl der Gruppenmitglieder ein Ticket zugelost bekommt. Ist das der Fall, bekommt der Rest der Gruppe auch eins. Als ich 2009 das erste Mal auf der Fusion war, konnte man noch so viele Tickets bestellen wie man wollte. Auf dem Festival selbst sah man damals niemanden, der Fotos oder Videos machte. Dafür hätte man vermutlich einen Einlauf bekommen. Das sorgte dafür, dass der Fusion-Kosmos klein aber fein blieb. Durch die Tatsache, dass Techno einfach "in" ist, hat sich einiges verändert.

Zeiten ändern sich

Mit meinen fast 30 Jahren frage ich mich deshalb oft, ob ich zu alt für das Ganze bin, oder muss ich vielleicht einfach akzeptieren, dass die jüngere Generation eben anders feiert? Ich denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Mit der Zeit ändert sich alles. Der Mainstream ist jedenfalls endgültig auf Technopartys angekommen. Um nicht das Gefühl zu haben, der einzige Senior auf dem Dancefloor zu sein, besuche ich deshalb eher Partys, die ab 21 oder sogar erst ab 25 Jahren sind. Dort trifft man auf Menschen, die das Feiern noch so kennengelernt haben wie ich. Aber wer weiß: Vielleicht denken das alles die Leute, die bereits in Neunzigern am raven waren, auch über mich.

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