HOME

Reise-Strapazen: Warum die Schlafräume in Hostels der Vorhof zur Hölle sind

Hostels erfreuen sich bei Backpackern schon seit vielen Jahren besonderer Beliebtheit. Auch unser Autor war lange Zeit ein großer Fan der Lockerheit und Nähe, die diese Orte ausstrahlen. Bis er ein Mehrbettzimmer in Berlin buchte.

Von Jannik Wilk

Hostel

Hostel-Gast in Buenos Aires: Für unseren Autor sind die Hotspots alles andere als beliebt (Symbolbild)

Im Sommer letzten Jahres sollte sich mein Enthusiasmus gegenüber Hostels in Luft auflösen. Ich bewarb mich mit einer Reportage auf einer Journalistenschule und wurde kurz darauf tatsächlich zur Aufnahmeprüfung nach Berlin eingeladen. Da der Test früh am Morgen stattfinden sollte, brauchte ich natürlich eine Unterkunft. Was lag also näher als ein preisgünstiges Hostel?

Ich hatte in den Jahren zuvor gute Erfahrungen gemacht, war überdies ein armer Student – und musste auch nur eine Nacht dort schlafen. Ich buchte mir also einen Platz im Mehrbettzimmer.

Es sollte meine letzte Nacht im Schlafraum eines Hostels werden.

Schon bei der Ankunft war ich nicht mehr so begeistert, wie ich es von vorherigen Hostel-Besuchen in Erinnerung hatte. Das könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass ich auf meine Prüfung fixiert war und deshalb keine große Lust hatte, mich mit anderen Reisenden zu unterhalten.

Hostels: Plötzlich empfand ich alles als störend

Alles, was ich an Hostels zuvor als großartig empfunden hatte, erschien mir nun als störend, schließlich wollte ich doch bloß meine Ruhe zum Lernen und einen Platz zum Schlafen. War ich etwa aus meinem Hostel-Ideal rausgewachsen? Oder waren es nur die besonderen Umständen, die meinen Blick trübten?

Ich richtete mich also ein, setzte mich zum Arbeiten in den Gemeinschaftsraum und wehrte die gut gemeinten Gesprächsversuche eines Inders gekonnt ab. Relativ früh zog ich mich zurück, doch mit dem Schlafen sollte es nichts werden.

Die Nacht entwickelte sich unangenehm. Ich begann mich zu fragen, warum zum Teufel ich es für eine gute Idee gehalten hatte, mit acht fremden Leuten in einen Schlafraum gepfercht zu sein und trotzdem meine Ruhe finden zu wollen? Wie zur gerechten Strafe zeigte sich das System "Hostel" von seiner unangenehmsten Seite, denn meine zahlreichen Zimmergenossen pflegten ihre ganz eigene Art zu schlafen.

Es war, als hätte jede Person im Zimmer eine ganz persönliche Macke, die sie mir nun unbedingt um die Ohren hauen musste. Es wurde gefurzt, gewälzt, im Schlaf gesprochen, im Zimmer ein- und ausgegangen. Bis sehr spät in diese Nacht fand ich keinen Schlaf.

Dabei hatte ich das alles ganz anders in Erinnerung. Meine Beziehung zu dieser neuzeitlichen Art des Reisens hatte ursprünglich ausgesprochen enthusiastisch angefangen. Drei Jahre zuvor hatte es mich erstmals in ein Hostel verschlagen. Ich war damals neunzehn Jahre alt und mit einer Handvoll Freunden in Panama unterwegs.

Wir waren jung und hatten wenig Geld

Nachdem wir für die Dauer eines internationalen Treffens in Panama-Stadt in einem edlen Marriott-Hotel gewohnt hatten, einem Luxustempel aus teurem Essen und gutem Service, entschieden wir uns spontan, unseren Aufenthalt in Zentralamerika auf eigene Kosten um eine Woche zu verlängern. Also übernachteten wir in den nächsten Tagen in Backpacker-Hostels.

In den Erzählungen über diese Hostels, die mittlerweile längst weltweit in Massen aus dem Boden schießen, hatte immer die Begeisterung darüber mitgeschwungen, wie jung, zwanglos, international und gesellig es dort zuginge. Wir waren jung und hatten wenig Geld, also störte uns auch nicht, die Nächte in Mehrbettzimmern à acht Leuten zu verbringen – abgesehen davon, dass unsere Gruppe den Schlafraum sowieso zum Großteil selbst füllte.

So wurde ich schnell zum Hostel-Enthusiasten. Alles war tatsächlich so wie in den Erzählungen: ein Eingangsbereich mit Kickertisch, an dem sich Reisende aus aller Welt messen konnten; eine Rezeption mit Mac, eine Lobby mit lässigen Sofas, Playstation und Reisesprüchen an den Wänden; eine Küche, in der gemeinsam gekocht wurde; sogar ein großzügiger Außenbereich mit Pool war vorhanden. Und natürlich waren die Mitarbeiter allesamt jung, hilfsbereit, freundlich und unkompliziert.

Die ganze Nacht am Pool plaudern

Besonders gut gefiel mir, dass man in Backpacker-Hostels interessante Freundschaften schließen konnte: Ich traf John, einen "Professional Hunter" (einem professionellen Jäger, aber er selbst sprach gerne von einem "PH") aus Südafrika, der nebenbei reichen Leuten in aller Welt das Segeln beibringt; ich begegnete einem Kanadier asiatischer Abstammung, der ein 24-Stunden-Fitnessstudio gegründet und seitdem viel Zeit zum Reisen und zum Auflegen in Klubs hatte; und ich hing ab mit Malcolm, einem unscheinbaren US-Amerikaner, der sich selbst für einen Loser hielt, aber einen kiffenden T-Rex auf dem Rücken tätowiert hatte, was wir wiederum ziemlich cool fanden.

Mit diesen Menschen plauderte ich die ganze Nacht am Pool, während im Hintergrund "All Around The World" von Oasis lief. Ich bestieg mit ihnen tropische Berge und trank auf panamaischen Dachterrassen über den Lichtern der Stadt. Ich war so angetan, dass ich später für ein Uni-Magazin ausgerechnet die Reportage schrieb, mit der ich mich später auf der Journalistenschule bewerben sollte – und die mich schließlich in das eingangs beschriebene Berliner Hostel brachte.

Den Ort, an dem sich meine Leidenschaft für Hostel-Mehrbettzimmer ins Gegenteil verkehrte. Seit dieser Nacht in Berlin ist mir klar geworden: Das gemeine Hostel-Mehrbettzimmer ist der Vorhof zur Hölle. Nie mehr möchte ich in so einem Raum übernachten, erst recht nicht vor einer wichtigen Prüfung. Klar, mein Fehler, war eine dumme Idee. Aber diese Lektion habe ich gelernt. Genau wie die Tatsache, dass es außer einem knappen Budget keinen einzigen Grund gibt, sich einen dieser Schlafräume anzutun.

Urlaub mal anders!: Megan reist nackt um die Welt – um ihre Ex-Freunde eifersüchtig zu machen
Themen in diesem Artikel