HOME

Rat einer Expertin: Was tun bei sexuellen Übergriffen? Ich wurde in einem Hostel zur Zeugin

Über sexuelle Belästigung zu sprechen ist das eine, Zeuge eines Übergriffs zu werden das andere. Unsere Autorin hat einen solchen in einem Londoner Hostel miterlebt – und eine Expertin gefragt, wie man sich in Momenten wie diesen am besten verhalten sollte.

Frau

Laut einer Studie der WHO wird jede dritte Frau in ihrem Leben Opfer körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt

Getty Images

Dieser Artikel erschien estmals am 19. November 2019 bei NEON. Anlässlich des  Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen spielen wir ihn heute noch einmal.

Spätestens seit #Metoo ist das Thema sexuelle Belästigung kein Tabu mehr – nahezu jede Frau kann eine Geschichte erzählen, in der sie einen absolut unpassenden Spruch zu ihren Fähigkeiten beim Kaffeekochen gehört hat oder im schlimmeren Fall angetatscht oder bedrängt wurde. Trotzdem betrifft sexuelle Belästigung (zum Glück) nicht ständig die eigene Lebensrealität. Oft ist es viel mehr ein trügerisches Gefühl von "das passiert anderen". Bis es eben nicht mehr so ist.

 

Vergangene Woche übernachtete ich mit einer Freundin in einem Londoner Hostel. Günstig und zentral gelegen, wir schliefen in einem Zehnbettzimmer mit Männern und Frauen – so wie wir es schon seit Jahren machen, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Natürlich ist mir bewusst, dass diese Art zu reisen Gefahren mit sich bringt, aber ich hatte nie Angst, in einem Hostelzimmer und in gemischten Schlafsälen zu schlafen. Doch in London hat dieses Gefühl der Sicherheit nachgelassen – denn ich wurde Zeugin eines sexuellen Übergriffs. 

"Sie wurde von ihrem Nachbarn angefasst"

Die Hochbetten in unserem Schlafsaal standen direkt nebeneinander, Privatsphäre gab es nur durch eine Trennwand, die zwischen den einzelnen Matratzen quasi einen kleinen Schlafraum abteilte. Eigentlich gar nicht so ungemütlich, denn gerade in den unteren Betten entstand dadurch eine Art Höhle. Meine Freundin und ich schliefen allerdings oben.

In unserer letzten Nacht hörte ich plötzlich Schreie. Etwas wie "Spider" oder "Fire" drang durch die Ohrstöpsel zu mir durch. Ein bisschen viel Stress für eine Spinne im Hostelbett, dachte ich noch im Halbschlaf. Doch dann wurde es hektisch: Das Licht ging an, Männer und Frauen liefen im Zimmer umher, und als ich die Ohrstöpsel rausnahm, hörte ich lautes und hektisches Schluchzen und Weinen. Eine Gestalt huschte aus dem Zimmer. "Sie wurde von ihrem Nachbarn angefasst", erklärte mir ein Mann aus dem Bett gegenüber in gebrochenem Englisch.

Die kommenden zwei Stunden gehörten zu diesen Momenten im Leben, in denen man sich einfach überfordert fühlt. Zusammen mit Monica aus Barcelona, die Opfer des vermeintlichen Übergriffes war, saß ich im Aufenthaltsraum des Hostels, wartete, sprach mit einem ebenso überforderten Officer der Londoner Polizei und half der 22-Jährigen schließlich, ihre Sachen in ein anderes Zimmer zu bringen, in dem nur Frauen schliefen.

Sie schrie laut "Feuer, Feuer"

Wie Monica mir und der Polizei später erzählte, war sie wach geworden, weil der Mann neben ihr im Bett, ihr Bein streichelte und dafür die Hand am Knöchel in ihre Schlafanzughose schob. Sie hatte ihn aufgefordert aufzuhören und die kleine Leselampe am Kopf ihres Bettes angeschaltet. Doch wenig später hatte er über die Trennwände zwischen den Betten versucht, ihren Kopf anzufassen. Aus lauter Panik und Schock hatte sie dann nur noch laut "Feuer, Feuer" geschrien, bis ihre Mitbewohner im Zimmer endlich aufgewacht waren. Der Täter hatte das Zimmer zu diesem Zeitpunkt schon verlassen.

Ich war ihr gefolgt, nachdem ich im Chaos des Zimmers einigermaßen realisiert hatte, was eigentlich los war. Ich hatte das Gefühl, sie auf gar keinen Fall allein lassen zu können. Also stellte ich mich vor, fragte, was passiert war und betonte immer wieder mantraartig, wie gut es war, dass sie geschrien hatte und dadurch alle aufgeweckt hatte.

Aber war das überhaupt richtig? Ich hatte nicht einmal gesehen, was passiert war und nun saß ich hier und gab den Seelsorger. Und was ist eigentlich das Richtige in einer solchen Situation?

Richtig verhalten bei einem sexuellen Übergriff – das rät die Expertin

"Sollte man Zeuge oder Zeugin eines Vorfalles werde, ist es wichtig, Nein zu sagen", sagt Psychiaterin Gisela Eichfelder, die sich als Expertin für die Frauenrechtsorganisation Zonta International seit über 40 Jahren mit dem Thema sexualisierte Gewalt bei Frauen und Mädchen beschäftigt. Wer als Beobachter noch mit dem Täter in Kontakt kommt, solle selbst keine Gewalt anwenden, sondern eine abwehrende, klare Position einnehmen (zum Bespiel deutlich die Hand heben) und laut klar machen, dass eine Grenze überschritten wurde und polizeiliche Hilfe angefordert wird.

Das war nun bei mir nicht der Fall. Ich hatte den Mann nicht gesehen und konnte den Vorfall nur aus ihren Schilderungen beurteilen. Meine Erlebnisse fallen unter das, was die Psychiaterin als "fürsorglichen Teil" bezeichnet. "Wichtig ist, Sicherheit zu schaffen und der Betroffenen zu zeigen, dass man für sie da ist", rät Eichfelder. In einer Krisensituation sei Nähe besonders wichtig. Ob man nun jemanden in den Arm nehme oder die Hand halte, hänge am Ende von der Person ab. "Das Gegenüber zeigt uns meist, was er oder sie in dieser Situation möchte und was nicht."

Eine Standard-Lösung gibt es also nicht. Augenkontakt mit der Person suchen, nachfragen, zuhören und keine Meinung einnehmen sind Dinge, die man tun kann. Auch ist es laut der Psychiaterin wichtig, nicht über den Kopf der Betroffenen zu entscheiden. "Die Frau muss am Ende der Begegnung, soweit sie psychisch dazu in der Lage ist, selbst entscheiden, ob sie die Polizei rufen möchte oder nicht", sagt sie.

Weibliche Unterstützung anfordern

Für ein Gefühl der Sicherheit sorgten in London zum Glück auch die Hostel-Angestellten. Der Mitarbeiter an der Rezeption stellte Monicas Geschichte gar nicht in Zweifel, sondern rief direkt die Polizei. Schließlich wurde der Mann, der das Bett gemietet hatte, des Hostels verwiesen.

Gisela Eichfelder rät, in solchen Fällen bei der Polizei immer nach einer weiblichen Mitarbeiterin zu fragen. Warum, wurde mir in London sehr deutlich bewusst: Der junge Officer, der Monica befragte, war zwar sehr nett und bemüht, wirkte aber genauso überfordert wie ich. Er traute sich nicht, genau nachzufragen, was passiert war, und auch für die junge Spanierin war es sichtlich unangenehm, einem Mann von dem Vorfall zu erzählen.

Auch die anderen Männer im Hostelzimmer hatten schon sehr unsicher im Umgang mit der jungen Frau gewirkt. Für die Psychiaterin nur logisch: "Männer tun sich oft schwerer, da sie natürlich keine weiteren Missverständnisse hervorrufen wollen oder sogar Schuldgefühle haben, weil ein anderer Mann so etwas getan hat."

Überfordert sein ist okay

Überfordernd war die Situation wohl für alle Beteiligten an diesem Abend. Das ist aber laut Gisela Eichfelder völlig verständlich, denn solche Erlebnisse gehören eben nicht in den Alltag der meisten Menschen. Wichtig sei, sich bewusst zu machen, dass die Frau mitmenschliche Hilfe in einer geschützten Umgebung bekommen habe, nun aber ihr Leben weitergehen muss. Mehr könne man als Laie in dieser Situation nicht tun.

Auch meine größte Angst kann die Expertin entkräften: Auch wenn Monica sehr geschockt wirkte, führen solche Vorfälle meist erst einmal nicht zu einem tiefgreifenden Trauma, weiß sie. "Es hängt natürlich von der Vorerfahrung der Betroffenen ab, vielleicht hatte sie ja schon sexuelle oder andere körperliche Gewalt erlebt; doch so ein Vorfall führt immer zu einer Irritation, nicht unbedingt zu einem Trauma", sagt Eichfelder. Man könne der Betroffenen aber raten, das Gespräch mit einer Freundin, dem Freund oder den Eltern zu suchen und sich, bei weiterer psychischer Belastung, auch professionelle Hilfe zu holen.

Respekt gegenüber dem anderen Geschlecht

Am nächsten Morgen kam mir das Erlebte ein bisschen vor wie aus einem Traum, als ich mit meiner Freundin darüber sprach. Für mich persönlich war der größte Schock eigentlich, wie sehr mich der Vorfall verunsichert hatte, obwohl ich selbst nicht direkt betroffen war. Nachdem Monica in ein anderes Zimmer gezogen war, hatte ich mich wieder ins Bett gelegt, aber kein Auge mehr zugemacht. Jede Bewegung und jedes Geräusch im Zimmer ließen mich aufschrecken. Und ehrlich gesagt war ich sehr froh, am nächsten Tag nicht mehr in einem Hostelschlafsaal übernachten zu müssen.

Zukünftig wird mich das Ganze sicher nicht davon abhalten, in Hostels zu übernachten. Aber es hat mir sehr deutlich gemacht, wie sehr die eigene Wahrnehmung des anderen Geschlechts und von Sexualität mit den eigenen positiven oder auch negativen Erfahrungen zusammenhängt und wie wichtig es ist, dass Frauen und Männer sich für respektvolles Verhalten sensibilisieren und sich gegenseitig bestärken.