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Experiment: Das passiert, wenn ein Bundeswehr-Hauptmann eine chaotische WG aufräumt

Eine Sechser-WG liebt das Chaos. Bundeswehr-Hauptmann Roland Polzin nicht. Kann er die Bewohner umerziehen? Ein Versuch.

Von David Mayer

Bundeswehr, WG

Der Hauptmann ist zufrieden: Tarek, Moritz, Joshi, Sophie und Mareike trennen sich von etwas Leergut

Damit hätte Hauptmann Polzin nun doch nicht gerechnet. Schon vor der Haustür türmen sich Kästen mit Pfandflaschen, im Keller bedeckt eine schwarze Schmutzkruste die Waschmaschine, und die Wände in der Küche sind bekritzelt wie Toilettentüren in einer Hafenkneipe. Der Soldat stemmt die Fäuste in die Hüfte und sagt: "Sieht ja gar nicht so schlimm aus."

Es ist ein Dienstagabend im Münchner Winter, Hauptmann Polzin steht in der Küche einer Sechser-WG in Freising, und dass er vom wirklich Allerschlimmsten ausgegangen ist, hat folgenden Hintergrund: Im Spätsommer postete NEON einen Aufruf auf Facebook: "Wir suchen für eine Geschichte eine schön unordentliche, angenehm versiffte Studenten-WG. Aber nicht einfach nur so: Eine Fachkraft hilft euch beim Aufräumen!“ Unter den Einsendungen stach eine hervor: "(…) Wir lieben das WG-Leben und verbringen sehr viel Zeit zusammen, die wir nur selten mit Aufräumen vertrödeln. Wenn man barfuß bei uns läuft, hat man nicht nur mit Staub panierte Füße, sondern kann sich auch noch darin üben, auf Glasscherben zu laufen (…). “ Jetzt steht Sophie, die Absenderin der Nachricht, neben Hauptmann Polzin und lacht etwas unsicher. Was sie und ihre Mitbewohner nicht wussten: dass es sich bei der "Fachkraft" um einen Hauptmann von der handelt.

Das Bundeswehr-System: Fünf Tipps für die Chaos-WG

Hauptmann Polzin kann das Chaos nicht fassen

Hauptmann Polzin kann das Chaos nicht fassen

Es ist ein Experiment: Kann ein Offizier einer Chaos-WG Ordnung beibringen? Und macht das überhaupt Sinn? In der dreistöckigen Doppelhaushälfte prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite Hauptmann Polzin, 31, schwarze Stiefel, Flecktarn-Uniform, akkurater Kurzhaarschnitt. Auf der anderen die Bewohner: Sophie, 22, studiert Ernährungswissenschaften, Mareike, 23, Lebensmitteltechnologie, Samu, 20, Landschaftsarchitektur, Joshi, 24, Physik, Moritz, 29, Forstingenieurswesen, und Tarek, 24, macht eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner. Joshi trägt Badehose und läuft barfuß ("Für Socken bin ich zu faul"), Sophie zieht grundsätzlich die Ärmel ihres grauen Strickpullis über die Hände, und Moritz und Tarek haben ihre langen Haare zu kleinen Dutts gebunden.
Am Beispiel von fünf Brennpunkten in Sachen Sauberkeit zeigt Hauptmann Polzin den Bewohnern, wie sie für Ordnung sorgen können. Jede Station verknüpft er dabei mit einer Lektion.

1. Ihr braucht keinen Plan, ihr braucht ein System!

Los geht’s mit etwas Theorie: In der ersten Etage setzt sich Hauptmann Polzin an den lang gezogenen Esstisch. "Ein Putzplan funktioniert bei uns nicht“, stellt Tarek gleich fest, als der Offizier nach einem weißen Blatt Papier fragt. "Wir haben so unterschiedliche Tagesrhythmen, da können wir uns nicht nach festen Zeiten richten" , ergänzt Mareike. Hauptmann Polzin nickt: "Während ich an der Bundeswehr- studiert habe, habe ich in einer 14er-WG gelebt, dort hatten wir ein Punktesystem." Die Bewohner schweigen. Hauptmann Polzin erklärt das Prinzip. Für 45 Minuten Möbelräumen und Bodenwischen gibt es 45 Punkte, für 60 Minuten Kochen 60 Punkte und so weiter.
"Moment, da brauchen wir noch einen Ekel-Faktor!", ruft Moritz hinter seinem Weizenglas. Müll rausbringen geht schließlich in fünf Minuten, bedeutet aber wegen des Gestanks eine größere Überwindung. Nach einigem Diskutieren und Rechnen steht fest: Um alle Aufgaben zu erledigen, müsste jeder Bewohner pro Monat 700 Punkte sammeln. "Versuchen können wir’s ja mal" , murmelt Moritz.

"Ein Putzplan funktioniert bei uns nicht", findet die Chaos-WG

"Ein Putzplan funktioniert bei uns nicht", findet die Chaos-WG


2. Trennt euch!
Als Nächstes steigt Hauptmann Polzin die Treppen hinab in den Keller und nimmt Kurs auf den Schuhschrank, über den die WG schon seit Längerem die Kontrolle verloren hat. Die Regalbretter quellen förmlich über, ein dreckiger Stiefel steht auf einem blauen Chuck, vor dem Schrank liegen weitere Schuhe, ein Rucksack, eine einzelne Sohle. Hauptmann Polzin legt die Stirn in Falten: "Ihr solltet die Schuhe klar voneinander trennen am besten nach Besitzer." Tarek holt Krepppapier, klebt Streifen an die Regalbretter und schreibt je einen Namen darauf. "Meinen ganz oben, weil ich am größten bin" , schlägt er vor. Hauptmann Polzin schaut beinahe gerührt. "Hey, das sind doch die Schuhe von Philipp", ruft Sophie. Problem: Philipp ist seit Jahren ausgezogen. "Wow!" , sagt Sophie, als sie das Ergebnis von knapp 15 Minuten Räumen sieht. Alle Schuhe stehen in Reih und Glied.

IGITT.

IGITT.

Wenn so wenig Arbeit für so einen großen Effekt reicht, warum machen sie es dann nicht einfach öfter? Antwort Tarek: "Weil wir hier die Freiheit genießen, es eben nicht machen zu müssen und dafür mehr Zeit zusammen verbringen können.“ Was alle Bewohner gemeinsam haben: Sie suchen gerade noch nach ihrem Platz im Leben. Tarek überlegt, ob er in die Gartenbaufirma seines Vaters einsteigt, Moritz, was genau er eigentlich mit seinem Abschluss in Forstingenieurswesen anfangen soll. Die Doppelhaushälfte ist eben wie das Leben ihrer Bewohner: unordentlich. Und geht das wiederum in dieser Phase nicht völlig in Ordnung?
3. Ehret die Flächen!
WG-Chaos schön und gut: "Aber die Waschküche nervt wirklich", hatte Mareike schon beim Kennenlernen angemeldet. Das Problem: Man kommt gar nicht erst hinein, weil sie so zugestellt ist mit Kisten, Musikboxen, Wäscheständern … Hauptmann Polzin lässt seinen Blick über das Schlachtfeld wandern. "Je kleiner der Raum, desto wichtiger die Flächen“ , sagt er. "Samu, hol schon mal den Lappen", sagt Mareike, die jetzt der Ehrgeiz packt.
Schnell wischen die beiden die verschmutzten Oberflächen der Waschmaschinen ab. Dann ordnen sie sämtliche Waschmittel auf der einen an, auf der anderen stapeln sie Boxen mit Wolldecken. Die Lautsprecher und Kisten kommen raus, auf den so frei gewordenen Platz auf dem kleinen Podest stellt Polzin den Wäscheständer. "Endlich Platz!" , ruft Mareike.
Eigentlich ist ihr Unordnung fremd. Zu Hause in Cuxhaven hat ihr ihre Mutter genau beigebracht, wie man das Badezimmer reinigt ("Von oben nach unten, und Steckdosen wischen nicht vergessen“). Trotzdem fühlt sie sich in der WG wohl. "Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse", sagt sie. Als Jugendliche war sie oft alleine zu Hause, jetzt genießt sie den Trubel. Ob sie später mit ihrer eigenen Familie auch so leben könnte? "Auf gar keinen Fall!" Dass manch einer in der WG nie gelernt hat zu putzen, findet sie schon komisch. Und irgendwie hat sie ja recht. Wohl jeder in unserer Generation kennt jemanden, der nach dem Auszug zu Hause nicht in der Lage ist, eine Waschmaschine zu bedienen. Merke: Die Grenzen zwischen coolem Chaos und peinlicher Alltagsunfähigkeit sind fließend.

In der Waschküche erinnert Mareike den Rat ihrer Mutter: "Immer von oben nach unten wischen“

In der Waschküche erinnert Mareike den Rat ihrer Mutter: "Immer von oben nach unten wischen“


4. Denkt in Baustellen!
Die Einrichtung des nächsten Brennpunkts, das Zimmer von Joshi, ist, nun ja: funktional. Der Topf der einzigen Pflanze dient als Aschenbecher, auf der Fensterbank steht eine Kiste mit Infusionen gegen den nächsten Kater, die einzigen Möbelstücke sind ein Bett, ein Schreibtisch, ein Schrank. "Ich bin hier nur zum Schlafen und Vögeln" , erläutert Joshi sein Wohnkonzept.

Auf dem Zimmerboden liegen T-Shirts, Hosen und eine benutzte Müslischale, auf dem Schreibtisch türmen sich weitere Klamotten und Kisten, darunter steht ein Gasgrill. Hauptmann Polzin kratzt sich am Kopf. "In so einem Fall hilft nur, in kleinen Baustellen zu denken" , sagt er. Also, erst alle Kleider aufs Bett, dann zusammenlegen und ab in den Schrank. Dann den Boden aufräumen, dann den Schreibtisch.
Auch hier wirkt das Zimmer wie ein Spiegel seines Bewohners. Aktuell ist Joshi offiziell "für Physik eingeschrieben" , davor hat er schon Mathe, Bioprozesstechnik und Lebensmitteltechnik versucht. Vor der Sechser-WG hat er in einer schlagenden Verbindung in München gelebt, die Narben in seinem Gesicht erzählen davon. Überhaupt scheint sich Joshi gerade vom Leben etwas erschlagen zu fühlen. "Als Erstes brauch ich jetzt ein Studium, das ich durchziehe", benennt er seine nächste Baustelle.
Das Gute am Leben in der WG in Freising: Mag das Chaos noch so groß sein, wenn es drauf ankommt, stehen alle zusammen. In Joshis Zimmer packt die komplette WG mit an, Mareike faltet T-Shirts, Tarek ordnet Kisten, Joshi grinst.
5. Macht euer Bett!

Mittlerweile ist Hauptmann Polzin an seiner letzten Station angekommen, unterm Dach. Hier hat sich das dienstälteste Mitglied der WG, Moritz, in seinem Zimmer eingerichtet. An Ordnung mangelt es bei ihm nicht, nur eines ist Polzin ein Dorn im Auge: Das Bett ist nicht gemacht. Vor der johlenden WG zeigt der Offizier Moritz, wie das beim Bund funktioniert. "Auf die Symmetrie kommt es an" , erklärt er, während er die Kissen glatt streicht und die Decke erst ausschüttelt und dann zu einem akkuraten Rechteck faltet. Als alles beinahe spiegelglatt auf dem Bett liegt, applaudieren die Bewohner.
In der WG macht nur Samu, der neueste und jüngste Mitbewohner, jeden Morgen sein Bett, was ihm natürlich einigen Spott beschert. Aber neulich haben sich die Bewohner über die Vorteile unterhalten. "Man hat sich gleich am Morgen etwas bewegt und man legt sich auch nicht so schnell zurück" , sagt Sophie.
Wer weiß, vielleicht wird sich die WG noch öfter an die Tipps von Hauptmann Polzin erinnern, als anfangs gedacht. Aber auch der Soldat wird seinen Besuch in der WG nicht so schnell vergessen. "Ich finde es toll, dass für euch die Gemeinschaft im Vordergrund steht", sagt er, als alle zum Abschied in der Sofaecke zusammensitzen.
Und dann verrät Hauptmann Polzin noch etwas. Nächsten Sommer enden seine zwölf Jahre Dienstzeit bei der Bundeswehr, und er wird nicht verlängern. Aus Hauptmann Polzin wird wieder Roland. Er träumt von einem Studium in den USA. Gut möglich also, dass auch sein Leben demnächst etwas chaotischer wird. Und es wirkt nicht, als würde ihn das schrecken.

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