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Toleranz in der Familie: Meine Mutter ist Zeugin Jehovas. Na und?!

Sie steht in einer Einkaufspassage, trägt einen Rock, der etwas über die Knie reicht, Stewardessen-Pumps mit leichtem Absatz und eine Steppjacke. Sie hält bunte Prospekte in der Hand, die sie an Passanten verteilt. Sie ist Zeugin Jehovas und meine Mutter.

Von Miriam Rath

Glaubensgemeinschaft: Zeugen Jehovas: Fünf Dinge, die Sie wissen sollten

Es ist immer aufregend, wenn ich neuen Menschen in meinem Leben von meiner Familie erzähle. Ich weiß nie, wie mein Gegenüber reagieren wird, wenn ich erwähne, dass sowohl meine Mutter als auch mein Stiefvater Zeugen Jehovas sind. Was für mich Normalität ist, sorgt bei anderen für erstaunte Gesichter, neugierige Fragen oder ablehnende Reaktionen. Wenn ich also wissen will, wie offen und tolerant ein Mensch ist, lasse ich die Bombe platzen. Zeugen Jehovas. Peng!

Als meine Mutter zu einer Zeugin Jehovas wurde, war ich 14 Jahre alt und meine Eltern bereits geschieden. Meine Vorstellung von dem, was sich in unserem Alltag nun ändern würde, war sehr vage. Bis dato waren mir Zeugen Jehovas nur in Bahnhöfen und Fußgängerzone begegnet, wo sie skurril-fröhlich versuchen, ihre Heftchen zu verteilen. Auch die hartnäckigen Missionarstätigkeiten vor nahezu jeder Haustür waren mir mit dem Satz "Wir würden mit ihnen gerne über Gott reden" in Erinnerung geblieben.

Zeugen Jehovas – Religion oder Sekte?

"Zeugen Jehovas, das sind doch die, die weder Weihnachten noch Geburtstag feiern! Das sind diese weltfremden Bibelforscher, die Bluttransfusionen ablehnen und bei denen es keinen Sex vor der Ehe gibt, oder? Ist das eine Religion, eine Sekte, oder sind Zeugen Jehovas lediglich scheinheilige Weltverbesserer?" Diese Fragen betrafen mich nun plötzlich ganz persönlich. 

Entgegen den Befürchtungen meines Vaters versuchte meine Mutter nicht, mich zu ihrem Glauben zu drängen, und akzeptierte meine eigenen Einstellungen. Auch als sie meinen jetzigen Stiefvater bei den Zeugen Jehovas kennenlernte änderte sich daran nichts. 

Friede, Freude, Eierkuchen? Naja, Übung macht bekanntlich den Meister! Einfach war es nicht, alle Veränderungen ohne weiteres anzunehmen. Obwohl ich in meiner persönlichen Entwicklung nie durch meine Mutter eingeschränkt wurde, gab es immer wieder Momente, in denen ich mich mit der Andersartigkeit unserer Familie schwer tat. 

Mal war es der eigene Geburtstag, der ohne Feier irgendwie fehlte, oder das ausbleibende Weihnachtsfest, das durch nostalgische Erinnerungen an meine Kindheit vor allem Melancholie in mir hervorrief. Ohne Frage ist mir hier ein Stück gelernte Normalität genommen worden. Weihnachten verbringe ich seither sehr unterschiedlich, mal bei meinem Freund und seiner Familie, mal bei Freunden oder bei meinem leiblichen Vater.

Langweilig wird es dadurch nie, doch weil der Mensch nun mal ein Gewohnheitstier ist, sind derart einschneidende Veränderungen per se erstmal doof.  Egal, ob es sich dabei um die Trennung der Eltern oder die neue Religion der Mutter handelt. So wie ich mich als Kind an traditionelle Feiertage gewöhnte und meine Eltern stets in einer nie endenden Beziehung sah, so ist es heute der etwas andere Umgang mit den besagten Tagen und der Gewissheit, dass selten alles bleibt, wie es ist, und das das auch okay ist. 

Der "Wachturm" neben der "Frau im Spiegel"

Ich musste lernen, solchen aufkeimenden Gefühlen eher rational als emotional zu begegnen. Zum einen, weil die Umstände es eben erfordern, zum anderen, weil es Schwachsinn ist, sein Herz allein an Geburtstags- und Weihnachtstraditionen zu hängen und Veränderung auf Dauer mit Ablehnung zu begegnen. Ich habe mich mit dem Glauben weitgehend arrangiert. Und so halte ich inne, während meine Eltern am Mittagstisch beten, ohne vorher gierig über das Essen her zu fallen, und schmunzele, wenn zwischen "Gala" und "Frau im Spiegel" auch das ein oder andere "Wachturm"-Heftchen als Klolektüre herumliegt. Alles halb so wild – es gibt andere Eigenheiten des Glaubens, die ich als weit kritischer wahrnehme.

So ist mir die ständige Präsenz der Zeugen Jehovas im Alltag meiner Mutter zeitweise einfach zu viel. Kongresse, Bibelstudien, Predigtdienste, wöchentliche Zusammenkünfte – die Termine und Aktivitäten der Glaubensgemeinschaft beanspruchen viel Zeit. Bevor ich an das andere Ende Deutschlands zog, war mir das durch meine direkte Nähe zum Elternhaus nicht weiter aufgefallen. Heute bleibt wenig Zeit sich zu sehen, und meine Besuche beschränken sich auf wenige Male im Jahr. Durch den vollen Terminkalender meiner Mutter als Zeugin Jehovas, muss ich auch während meiner Besuche zeitweise auf ihre Anwesenheit verzichten. Die Priorität liegt, trotz Entfernung und der Seltenheit unseres Sehens, stets auf ihrem Glauben und lässt nur wenig Flexibilität zu. Wenn Jehova ruft, muss sich das normale Familienleben unterordnen. Für mich als Außenstehende ist diese Tatsache oft gewöhnungsbedürftig, manchmal nervig und gelegentlich auch schmerzhaft. Wer ist schon gerne Nummer zwei? 

Viel zu kämpfen habe ich mit der Thematik um das Ablehnen von Bluttransfusionen. Anders als beim fehlenden Geburtstag bzw. Weihnachtsfest geht es hier um viel mehr als nur das eigene Ego oder ein paar Geschenke weniger. Als mein Stiefvater vor einem Jahr am Herzen operiert werden sollte, kam das Gespräch um den Umgang mit der lebenserhaltenden Maßnahme erstmals real auf den Tisch. Neben dem Risiko für meinen Stiefvater beschäftigte mich nun auch der Gedanke, meine Mutter nach einem plötzlichen Unfall ohne Transfusion einfach sterben lassen zu müssen. Ein unvorstellbarer Gedanke.

Obwohl ich weiß, dass Zeugen Jehovas über die alternativen, medizinischen Behandlungsmöglichkeiten gut informiert sind, bleibt ein Restrisiko. Als nichtgläubiges Familienmitglied ist es ein Gefühl der Hilflosigkeit zu wissen, dass dieser Fall eintreffen kann und mir die Hände über der Entscheidung meiner Mutter gebunden wären. Das Akzeptieren des Glaubens ist an dieser Stelle so schwer wie in keinem anderen Zusammenhang, und trotzdem scheint es für mich keine Lösung zu sein, den Willen meiner Mutter zu missachten. Ich habe keine Ahnung, wie ich im Fall der Fälle tatsächlich reagieren würde – wer weiß das schon?! Für mich bleibt nur zu hoffen, dass es erst gar nicht so weit kommt. Für die Behandlung meines Stiefvaters fand man letztendlich einen Arzt, der Erfahrung in bluttransfusionsfreien Operationen vorweisen konnte. Es verlief alles reibungslos. Glück oder medizinischer Fortschritt? Ich weiß es nicht, aber mein Verständnis wurde mit diesem Ereignis ziemlich auf die Probe gestellt. 

Glaubensregeln haben sie alle

Egal ob Juden, Katholiken oder Moslems – Glaubensregeln haben sie alle. Und so gibt es auch in der Religion der Zeugen Jehovas Ansichten und Einschränkungen, nach denen ich persönlich nicht leben möchte. Ich habe schon Probleme mich an die Richtlinien der Straßenverkehrsordnung zu halten – da wären weitere Regeln der Super-GAU. Ich bin gerne mein eigener Herr, ganz ohne Konfession, aber ich verurteile niemanden für seinen Glauben, solange ausreichend Toleranz für andere Ansichten besteht und man sich im Guten begegnen kann. 

Abschließend lässt sich sagen, dass ein Zusammenleben in dieser Konstellation sehr viel Verständnis und Akzeptanz erfordert. Mein leiblicher Vater, meine Mutter und ich leben in einer friedlichen und harmonischen Koexistenz. Glaubensfreiheit und gegenseitige Toleranz funktionieren bei uns sehr gut, aber bedeuten auch, gewisse Einbußen in Kauf zu nehmen und eigene Bedürfnisse unter Umständen mal hintanzustellen. Meine Familie ist definitiv anders als der Durchschnitt, von stylishen Hipstern weit entfernt, kontrovers, nicht immer einfach, sie sind Zeugen Jehovas – und trotz allem irgendwie cool.

Glauben und glauben lassen? Ja, aber das bedeutet auch immer ein Stück Arbeit!

Glaubensgemeinschaft: Zeugen Jehovas: Fünf Dinge, die Sie wissen sollten
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