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Fan-Trauer: Verdammt! Die WM fängt an und ich bin Italiener

Der Ball rollt wieder, die Fußball-WM in Russland beginnt - ohne die stolze Fußballnation Italien, die sich zum ersten Mal seit 1958 nicht qualifizieren konnte. Unseren Autor hat dieses Schicksal hart getroffen. Pünktlich zum Turnierstart reißt die Wunde wieder auf.

Von David Luigi Stramaglia

Italien WM

Die Fußball-WM findet ohne Italien statt: Die Fans haben noch immer habe ich das Bild des weinenden Gianluigi Buffon vor Augen

Picture Alliance

Ich heiße David Luigi Stramaglia und bin Sohn einer Deutschen und eines , also sozusagen "Halb-Italiener". Geboren und aufgewachsen bin ich in Deutschland. Müsste ich Goethe auf Italienisch zitieren, würde ich wohl entweder meinen Vater oder GoogleTranslate bitten, mir diese Aufgabe abzunehmen. Und trotzdem, obwohl ich kaum Italienisch spreche, schlägt in mir auch ein italienisches Herz – und zwar dann, wenn es um "Calcio", also Fußball geht. 

In Sachen Sport komme ich ganz nach meinem Vater: Zum letzten Mal feuchte Augen hatte ich nicht etwa, als ich Streit mit meiner Freundin hatte, sondern als sich die "Squadra Azzurra" NICHT für die WM in qualifiziert hat. Noch immer habe ich das Bild des weinenden Gianluigi Buffon - für mich einer der besten Torhüter überhaupt - vor Augen. Der Schmerz sitzt noch immer tief. Am liebsten hätte ich mir nach dem peinlichen Playoff-Aus gegen Schweden ein Loch gebuddelt und zumindest den Kopf reingesteckt: bloß nichts mehr hören und sehen.

Italien: Hohn und Spott blieben mir nicht erspart

Die hämischen Kommentare meiner Freunde sind mir logischerweise nicht erspart geblieben. Direkt nach Spielende bekam ich eine Whatsapp von meinem besten Freund: "Jo Luigi Digga, in welcher Runde spielt Deutschland eigentlich gegen Italien?" Schön Salz in die Wunde reiben – herrlich! Ich wusste tatsächlich nicht, was ich ihm darauf hätte antworten sollen.

Verdenken kann und will ich es dem deutschen Fußballfan aber nicht, dass er oder sie sich zumindest ein bisschen gefreut hat, als das Aus der Italiener feststand. Schließlich gibt es dadurch einen Konkurrenten weniger für Neuer, Hummels, Müller und Co., wenn es um die "Mission Titelverteidigung" geht. Abgesehen davon bleiben den Fans der deutschen Nationalmannschaft so auch die intensiven Spiele gegen die Italiener, den absoluten Angstgegner, erspart. Bislang konnte die DFB-Elf genau ein Mal bei einem großen Turnier gegen die Azzurri gewinnen. Das war bei der EM 2016 und das auch erst nach Elfmeterschießen.

Während hierzulande also alle langsam in kommen, schweben gleich mehrere große, imaginäre Fragezeichen über meinem Kopf:

Eine WM ohne - geht das überhaupt?

Um es mit den Worten meines Kumpels zu sagen: "Normal Digga!" Und trotzdem kann oder will ich es mir bislang nicht vorstellen, werde es aber wohl beim Anpfiff des Eröffnungsspiels akzeptieren. Spätestens wenn Schweden und nicht Italien am Montag ins Turnier startet, wird es für mich bittere Realität sein.

Werde ich mir trotzdem alle WM-Spiele, allen voran den Eröffnungskracher zwischen Gastgeber Russland und der erfolgsverwöhnten Fußballmacht aus Saudi-Arabien, geben?

Wohl eher nicht! Erstens fallen viele Spiele in die Arbeitszeit und zweitens gibt es für meinen Geschmack kaum eine uninteressantere Spielpaarung als jene am Eröffnungstag.

Schaue ich mir zumindest die Spiele der deutschen Nationalelf an? 

Wahrscheinlich, denn in der Redaktion wird es am nächsten Tag vermutlich immer Gesprächsthema Nummer Eins sein. Da möchte man ja schon ganz gerne mitreden können. 

Bin ich dann jetzt stattdessen Deutschland-Fan? 

NEIN! Die italienische Seite meines Herzens verbietet mir das. Das wäre in etwa so, als würde ich meinem besten Kumpel die Ex-Freundin wegschnappen, obwohl er noch an ihr hängt. Ein absolutes No-Go!

Fußball-WM: Ein neues Lieblingsteam muss her

Deshalb habe ich für das WM-Turnier in Russland eine neue (Zweit-)Lieblingsmannschaft gefunden. Die kommt aus Mittelamerika und ist zum allerersten Mal bei einer Fußball-Weltmeisterschaft dabei. Gehört habe ich von dem Land schon so einiges. Speziell in Kindertagen. Damals haben sich Janosch und seine Tigerente aufgemacht in die große, weite Welt, um das Land ihrer Träume zu finden: Panama!

Die Wahrscheinlichkeit, dass Panama die WM gewinnt, ist ungefähr so groß, wie die Wahrscheinlichkeit, dass der FC Bayern München in der kommenden Bundesligasaison absteigt. Trotzdem ist mir diese Truppe irgendwie sympathisch, obwohl ich zugegebenermaßen gar keinen Spieler kenne. Zumindest noch nicht. Denn bis Montag habe ich ja noch Zeit, um den Kader meiner neuen Lieblingsmannschaft zu studieren – sodass ich hoffentlich auch noch in WM-Stimmung komme.