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Von wegen Fußball-Fest!: Warum haben wir in diesem Jahr so wenig Lust auf die WM?

So langsam lassen sich die Stunden herunterzählen, bis die Fußball-WM endlich beginnt. Wobei: endlich? Unser Autor stellt fest, dass die Vorfreude in seinem fußballverrückten Freundeskreis diesmal deutlich gedämpfter daherkommt als sonst. Woran liegt das? Ein Erklärungsversuch.

Fußball-WM

Ernste Miene bei vielen Fans: Die bevorstehende Fußball-WM in Russland löst wenig Begeisterung aus

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Jetzt sind es nur noch wenige Tage, ach was: wenige Stunden, bis es endlich losgeht. Bis die 21. Fußball-WM endlich angepfiffen wird. Moment: endlich? Die Fifa-Sause in Russland mag die 21. Austragung sein, aber bei vielen Fans in meinem fußballverrückten Freundeskreis ist es auch das erste Turnier aller Zeiten, das selbst kurz vor dem Start noch keinerlei Kribbeln verursacht.

Mein Kumpel Paul hat mir gestern gebeichtet, dass er ein ganz schlechtes Gewissen hat: Weil er doch wisse, wie kostbar, wie selten, wie besonders eine Fußball-WM doch sei, er es diesmal aber trotzdem einfach nicht schaffe, sich vorzufreuen. Warum? Das könne er sich auch nicht erklären. 

Fußball-WM: Gute Gründe gegen die Vorfreude

Paul ist kein Einzelfall: Auch mein alter Freund Henning läuft normalerweise schon Wochen vorher in seinem grünen Retro-Trikot der DFB-Elf durch die Gegend. Diesmal nicht. Denn: Wenn er an die WM in Russland denke, überkomme ihn ein komisches Gefühl. Genauer gesagt: gar kein Gefühl.

Wie Paul weiß auch Henning nicht, woran es liegt. Dabei gibt es ein paar gute Gründe, warum die WM 2018 lange nicht so große Schatten voraus wirft wie 2014. Oder 2010. Oder 2006.

1. Allgemeine Übersättigung

Der Punkt ist nicht neu, aber er wird nicht weniger aktuell. Im Gegenteil: Der gähnend langweilige Qualifikationsmodus in Europa hat die Begeisterung der Fans ebenso wenig befeuert wie die Bundesliga, die in ihrer 55-jährigen Geschichte wohl selten so unattraktiv daherkam wie in den letzten ein, zwei, drei Jahren. Ab der kommenden Saison verwässert die seltsame Nations League der Uefa den internationalen Spielplan nur noch weiter. Die Fans werden immer sensibler dafür, wie die Verbände und vor allem die ihren Fußball immer ausdauernder zum seelenlosen Business aufbläst. Auch das: nix Neues. Trotzdem muss man kein ewig Gestriger sein, um sich leicht angewidert von diesem Zirkus abzuwenden.

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2. ist Weltmeister

Wer ganz oben angekommen ist, für den gibt es nur noch eine Richtung: nach unten. Über Jahre war die deutsche Nationalmannschaft bei großen Turnieren immer knapp gescheitert, was einerseits die Leidensfähigkeit der Fans gewaltig auf die Probe stellte, andererseits auch für besonders große Identifikation sorgte mit jener Generation, die vor vier Jahren in schließlich ihren langen Weg mit dem Titel krönte: Deutschland war Weltmeister und ist es immer noch, und genau da liegt das Problem. Im Kader, der seit dem überraschenden Sieg beim reichlich bedeutungsschwachen Confed-Cup allzu stark geredet wird, treffen erfolgssatte Veteranen auf große Talente, denen die Titel zwar noch fehlen, aber womöglich auch die Erfahrung und Qualität für das allerhöchste Niveau. Vor der Mission Titelverteidigung stehen deshalb mehr Frage- als Ausrufezeichen. Jogi Löw ist der dringend notwendige Masterplan zwar absolut zuzutrauen, doch es ist kein Wunder, dass viele Fans dem deutschen WM-Projekt (noch) mit gewisser Skepsis begegnen. Die Posse um das Erdogan-Foto und die darauffolgende Kritik an Mesut Özil und Ilkay Gündogan tat ihr Übriges. Oliver Bierhoffs dünnhäutige Reaktion auf das Thema hatte deshalb auch nicht die erwünschte Wirkung eines reinigenden Gewitters. Vielmehr bestätigte sie die Zweifler. Und zeigte überdeutlich den seidenen Faden, an dem die Jagd nach dem fünften Stern für die deutsche Nationalmannschaft in diesem Sommer hängt.

3. Gastgeber

Russland ist nicht Brasilien. Das versteht sich von selbst und wird abgesehen von (sport-)politischen Gesichtspunkten schon beim Blick auf das deutsche WM-Quartier deutlich: Der abgeriegelte Hotelkomplex namens Watutinki liegt reichlich trist im Wald bei Moskau und versprüht gehobenen Gefängnischarme. Der Kontrast zum sagenumwobenen Campo Bahia von 2014 könnte nicht krasser sein. Davon abgesehen ist Russland zwar fußballhistorisch ein legitimer Austragungsort (im Gegensatz zu Katar), schickt allerdings seine wohl untalentierteste Generation seit Jahrzehnten ins Rennen. Nicht einmal das Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien dürfte für diese limitierte Truppe ein Selbstläufer werden. Und bei aller kolportierten Begeisterung der russischen Bevölkerung, sich der Welt nach Menschenrechtsdebatten und Dopingskandalen endlich im richtigen Licht zu präsentieren, dürfte ein frühes Ausscheiden der Sbornaja wie ein Bremsklotz auf das Turnier im riesigen Reich wirken. Und ob die Organisatoren das unsägliche Hooliganproblem in den Griff bekommen, bleibt ohnehin abzuwarten.

Das alles sind gute Gründe für gedämpfte Vorfreude. Aber sie sollten uns die Fußball-Stimmung nicht völlig vermiesen. Denn:

1. Allgemeine Übersättigung 

... kann den Fußball trotzdem nicht töten. Auch wenn es manchmal so scheint, als setze die Fifa wirklich alles daran, ihr Produkt zu Tode zu vermarkten, wird sie das Spiel an sich nicht komplett kaputt machen können. Abgesehen davon, dass es auf den Bolzplätzen der Welt ganz unabhängig von wirtschaftlichen Gesichtspunkten für immer weiterlebt, so wird der Fußball auch auf der größten Bühne immer noch für ausreichend legendäre Geschichten sorgen. Jeder Überdruss dürfte deshalb binnen vier Turnierwochen vergessen sein. Aktuellster Beweis für diese These: Die vergangene Champions-League-Saison, die zu den spektakulärsten der Geschichte gezählt werden muss, entschädigte den neutralen Fan aus Deutschland sogar für die lahme Bundesliga.

2. Deutschland ist Weltmeister

... und kann es wieder werden. Denn trotz aller schleppenden Vorbereitung zählt die DFB-Elf zu den Topfavoriten. Der Kader mag nicht so eine Klasse für sich sein, wie mancher Enthusiast bereits behauptet, aber er bietet dem Bundestrainer eine breite Auswahl an Alternativen. Mit der Titelverteidigung könnte Jogi Löw zur absoluten Ikone werden - und er ist klug genug, alle richtigen Maßnahmen für diesen Erfolg zu ergreifen. Der Rest hängt von den üblichen Faktoren ab: Taktik, Tagesform, Glück. In allen drei Punkten ist der deutschen Elf traditionell eine Menge zuzutrauen.

3. Gastgeber Russland

... trägt das vorläufig letzte "normale" Turnier aus. Es folgt die zerfaserte EM 2020 mit ihren über den ganzen Kontinent verstreuten Austragungsorten. Und schließlich die Winter-WM in Katar, der schlechteste Witz der Fußballgeschichte, über den zur Stunde mal wieder heftig diskutiert wird in den oberen Etagen des Fußball-Weltverbandes. Aber natürlich nicht aus moralischen Gründen. Sondern, was sonst, aus finanziellen: Womöglich soll die für 2026 angedachte Aufstockung auf 48 teilnehmende Teams schon beim Wüstenturnier in vier Jahren erfolgen. Herzlichen Glückwunsch.

Das letzte große Turnier der alten Schule

Mit anderen Worten: Wir sollten uns einfach freuen über die vielleicht letzte WM der alten Schule. Mit vielen, aber noch nicht zu vielen Teams. Mit einer erstklassig besetzten deutschen Mannschaft. Und einer großen Fußballnation als Gastgeber.

Es dauert nicht mehr lange, dann werden diese Argumente keine Selbstverständlichkeiten mehr sein. Der Fußball befindet sich im Wandel, so wie die Welt auch. Wir sollten deshalb endlich wieder lernen, den Moment zu genießen. Und für die nächsten vier Wochen wird es vor allem einen großen Moment geben: die Fußball-WM. Also lasst sie uns verdammtnochmal genießen! Schließlich bleibt uns für die Vorfreude jetzt schon kaum noch Zeit.