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Meditative Wirkung: Hippes Anti-Stress-Hobby: Warum töpfern gerade alle wie wild? Ein Selbstversuch

Die beste Freundin macht es, die hippe Kollegin auch und seit der Trennung von Angelina Jolie sogar Brad Pitt: Töpfern gilt neben Yoga und Meditation als ideal, um seine innere Mitte zu finden und hat sein Oldschool-Image weitgehend abgelegt. Ein Selbstversuch im heimischen Töpferkurs. 

Von Stephanie Morcinek

Töpfern hat etwas Meditatives - und ist gerade unter gestressten Städtern hoch im Kurs. Ich hab das auch mal ausprobiert

Töpfern hat etwas Meditatives - und ist gerade unter gestressten Städtern hoch im Kurs. Ich hab das auch mal ausprobiert

Da liegt er, mein Klumpen. Beige. Aus Porzellan. Platziert auf einer silbernen Scheibe, die ich mit meinem rechten Fuß zum Drehen bringen kann. Ich befeuchte meine Hände und den Klumpen mit Wasser, umfasse ihn fest. Dann trete ich aufs Pedal. Die Schreibe schwingt los und wird immer schneller, je stärker ich drücke. Das klobige Porzellan flutscht in meinen Händen.

Das Glitschige ist nicht eklig, sondern erinnert mich an meine Kindheit, als es eine meiner Lieblingsbeschäftigungen war, am Ufer eines kleinen Baches in meinem fränkischen Dorf nach Lehm zu graben und ihn in der Hand hin und her zu matschen. Damals war es das Größte für mich. Warum habe ich so was eigentlich die letzten 20 Jahre nicht gemacht?

Das Drehen der Scheibe, das Arbeiten mit den Händen – es hat etwas Meditatives, das gerade bei vielen stressgeplagten Millennials wieder hoch im Kurs steht. Ganz nach dem Motto: Tausche Tinder-Tohuwabohu oder Uni-Unsinn gegen eine Stunde Me-Time. Me und der Tonklumpen.

Töpfern als Geschäftsmodell

Was für Hipster eine Aus-Zeit bedeutet, ist für Annika Schüler ein Traumjob auf Lebenszeit. "Meine Mutter hat mich damals zum Kindertöpfern geschickt", erzählt die Keramikmeisterin aus München über ihre erste Erfahrung. "Dort habe ich für mich entdeckt, dass ich gerne etwas mit den Händen mache." Nach der Realschule begann Annika eine Ausbildung an der Keramikschule in Landshut und machte dann ihren Meistertitel. Dann folgten drei Monate Work-and-Travel-Trip in Neuseeland, wo sie bei einer Keramikerin arbeitete. Zurück in Deutschland holte sie ihr Abi nach, doch dann sagte die heute 36-Jährige Nein zu einem Studium und Ja zur Handwerkskunst.

Annika Schüler aus München hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. 

Annika Schüler aus München hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. 

Sie zog nach München und hat heute hier ihre eigene Werkstatt mit zwei Drehscheiben, an denen sie selbst sitzt, aber auch immer wieder Drehkurse gibt. Ihre Kunden sind meistens Frauen, die kreativ arbeiten, aber im Alltag eher ihren Kopf anstrengen als ihre Hände benutzen müssen. "Ich bekomme immer wieder das gleiche Feedback: wie beruhigend Töpfern ist", sagt Annika Schüler stolz.

So beruhigend, dass es anscheinend sogar über eine Trennung hinweghelfen kann. Kein Geringerer als Brad Pitt hat nach dem Ehe-Aus mit Angelina Jolie die Drehscheibe für sich entdeckt. Der "GQ" sagte er: "Ich kann meine Emotionen an meinen Fingerspitzen spüren. Die Handarbeit tut mir sehr gut."

Handwerkskunst kann auch sexy

Und sexy ist es noch dazu. Vielleicht kennen die Älteren von euch noch die berühmte Szene aus dem Film "Ghost – Nachricht von Sam". Dort sitzt Demi Moore nur mit einem weißen Hemd bekleidet an der Drehscheibe. Patrick Swayze kommt irgendwann oberkörperfrei dazu, setzt sich hinter sie und die beiden vollführen mit ihren Fingern einen erotischen Tanz um den Ton, der mit leidenschaftlichem Küssen und einer Sexszene endet. Dazu säuselt "Unchained Melody" aus den Speakern.

Die Töpfer- oder Pottery-Szene, wie sie auf Instagram heißt, wird immer größer und bringt sogar regelrechte Stars hervor. Eric Landon mit seinem Label Tortus zum Beispiel. Er hat fast 800.000 Follower und sieht mit seinen starken Armen hinter Schalen, Vasen oder anderen Gefäßen verdammt heiß aus.

Dass Instagram eine große Wirkung hat, bestätigt auch Annika Schüler. "Viele meiner Großaufträge bekomme ich inzwischen über die Social App." Dort stellt die Künstlerin ihre aus weißem oder schwarzem Porzellan und mit den unterschiedlichsten Farben glasierten Werke aus, die vor allem dadurch auffallen, dass man im Vergleich zu industriell gefertigter Keramik, Rillen und kleine Unebenheiten erkennen kann.

Mein Klumpen ist inzwischen zu einem schiefen zylinderförmigen Etwas geworden, das an der einen Seite viel dicker ist als an der anderen. Richtig schön sieht es nicht aus. "Du brauchst Geduld und langes Üben", muntert mich Annika auf. Perfektion darf in der Töpferei gerne vor der Tür bleiben. Es muss hier nichts perfekt sein, es geht um den Spaß, das Konzentrieren fernab eines Bildschirms. Die Belohnung ist nicht (nur) das hübsch gebrannte Tongefäß, das man nach einem Kurs mit nach Hause nehmen darf, sondern auch um das Lächeln auf dem Gesicht und die Gewissheit, dass man in einer Stunde Töpfern wirklich abschalten kann.

Hier kommt ihr zur Website von Annika Schüler. Und hier findet ihr sie auf Instagram.

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