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Von Nordwalde nach Hamburg Die Hassliebe der Dorfkinder: Ich vermisse meine Heimat – aber ich will nie wieder zurück

Dorfkind: Ich liebe meine Heimat – aber ich will nie wieder zurück
Ein Problem der Dorfkinder: Der Bus kommt nur einmal die Stunde. Wenn überhaupt. 
© iStockphoto / Getty Images
Mit 15 dachte unsere Autorin, es gäbe keinen langweiligeren Ort als das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist: Nordwalde. Doch nun muss sie sich eingestehen, dass das Sprichwort stimmt: Du kriegst das Kind aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Kind.

Wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme, sage ich immer "aus der Nähe von Münster". Damit können die Leute wenigstens was anfangen. Nordwalde sagt eigentlich niemandem etwas – außer sie waren schon mal mit dem Zug auf dem Weg von Münster nach Enschede (Niederlande), dann sind sie an dem 9000-Seelen-Ort vorbeigefahren. Aber wieso sollte man dort auch aussteigen wollen? Wir haben keine Disko, keine Einkaufsmeile, kein Weltkulturerbe, nicht mal einen dm. Und doch: Im Gespräch mit meinen Arbeitskollegen komme ich mir oft vor wie Michelle, die Flötenspielerin aus "American Pie", deren Geschichten immer mit "Und einmal, im Ferienlager ..." anfangen. Nur, dass ich immer sage: "Also bei uns auf dem Dorf ...".

Mit 15 dachte ich, es gäbe keinen langweiligeren Ort – doch seitdem ich in Hamburg wohne, weiß ich meine Jugend auf dem Land zu schätzen. Wenn ich Geschichten von damals erzähle, bekommen die Städter große Augen. Zum Beispiel, wenn ich erzähle, dass wir unseren ersten Schnaps mit 14 immer bei einer sehr kurzsichtigen Oma gekauft haben, bei der man an der Hintertür ihres Wohnhauses klingeln musste und dann ohne Ausweis Roten (so nennt man bei uns den Kirschlikör, den man schön mit Fanta gemischt hat) bekommen hat.

Oder dass der letzte Nachtbus von der einzigen Disko im Nachbarort (dem "Memphis", das mittlerweile leider abgerissen und in einen Parkplatz umgewandelt wurde) nach Hause schon um 3 Uhr fuhr – und wir ihn natürlich ständig verpasst haben. Der einzige Weg nach Hause, um die zehn Kilometer nach Nordwalde nicht laufen zu müssen, war damals ein Taxifahrer, der – wie man munkelt – gar keinen Führerschein mehr hatte und den man statt mit Geld auch mit Holz oder Eiern bezahlen konnte. Je nachdem, was man auf dem Hof halt gerade so übrig hatte. 

Das Dorfkind wollte ganz schnell weg

Rückblickend war das alles ganz schön lustig. Mein 15-jähriges Ich würde bei dieser Aussage wahrscheinlich die Augen verdrehen. Denn schon früh wusste ich: Ich will weg aus Nordwalde. Ab in die Großstadt, weg von den Spießern, den Bauernpartys und der endlosen Langeweile. Mit 20 bin ich dann tatsächlich für mein Studium weggezogen. Erst nach Enschede, eine holländische Großstadt an der deutschen Grenze, später obligatorisch nach Münster (da haben halt alle Nordwalder irgendwann mal gewohnt) und schließlich nach Hamburg. Nach mittlerweile sieben Jahren muss ich mir eingestehen, dass das Sprichwort stimmt: Du kriegst das Kind aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Kind.

Heimat im Herzen – Werpeloh forever?! Ein"Provinz"-Besuch

Jedes Jahr am ersten Oktoberwochenende nehme ich mir Urlaub, setze mich in den Zug und fahre nach Nordwalde für DAS Event des Jahres: Kirmes! Seitdem ich mich erinnern kann, habe ich die Kirmes noch nicht einmal verpasst. Und genauso lange freue ich mich auf das Spektakel mehr als auf meinen eigenen Geburtstag. Warum? Weil für die Kirmes alle Nordwalder zurück in die Heimat kommen, egal wie weit sie weggezogen sind. Es hält sich hartnäckig die Legende, dass am Löwenbräu-Stand pro Kopf am zweitmeisten in Deutschland getrunken wird – nach dem Oktoberfest in München. Glaubt ihr nicht? Ein Jahr waren alle Bankautomaten im Dorf leer, weil die Leute während der Kirmestage zu viel Geld geholt hatten. 

Die Nordwalder haben sich erfolgreich gegen Fracking gewehrt, den Adler im Bundestag gebaut und die Bundesliga verändert, denn das Freistoßspray, das 2015 benutzt wurde, kam aus Nordwalde. Für die 9800 Einwohner gibt es acht Schützenvereine – ACHT! Wir haben einen eigenen Sekt, ein eigenes "Brandenburger Tor" (ein Restaurant in der alten Feuerwache neben einem Steinbogen, der aussieht wie ein berühmtes Tor) und ein gutbesuchtes Oktoberfest. Ich würde sogar behaupten, wir waren die ersten im Münsterland, die damit angefangen haben, die Münchner zu kopieren. Danach haben es uns alle nachgemacht.

Ich liebe Nordwalde – aber es gibt kein Zurück

Und trotzdem will ich nie wieder zurück nach Nordwalde ziehen – auch wenn sich das meine Eltern und viele meiner Freunde wünschen würden. Ich liebe es, jeden Tag etwas anderes machen zu können. Ohne Probleme von A nach B kommen zu können, weil nicht nur einmal die Stunde ein Bus fährt, der immer zu spät kommt. Im Restaurant lästern zu können, weil ich keine Angst haben muss, dass der Bruder von der Cousine meines Lästeropfers hinter mir sitzt. Dass ich mich betrunken auch mal daneben benehmen kann, ohne dass am nächsten Morgen jeder darüber spricht. 

Liebe Nordwalder, nehmt es mir nicht übel: Ich liebe unser Dorf, aber mein Gesicht werdet ihr leider erst nächstes Jahr am ersten Oktoberwochenende wiedersehen. Ich freu mich auf euch!


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