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Beziehungsstatus: kompliziert: Meine Nachbarn hassen mich, weil ich lebe

Nach außen sind meine Nachbarn sehr coole Großstadtmenschen, aber wenn ich mir die endlosen Beschwerde-Whatsapps von ihnen ansehe, sollten sie besser in den Wald ziehen.

Screenshot einer Beschwerde-Nachricht

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Meine Nachbarn sind Großstadt- . Sie lieben schräge Klamotten und haben stets ihr winzig kleines Hündchen auf dem Arm. So wie Paris Hilton, falls das noch lebt. Er trägt Dutt, sie kurz geschorenes Wasserstoffblond. Mindestens einmal im Jahr fliegt das Ehepaar samt Hund nach Ibiza, oder so, und kehrt intensiv gebräunt zurück. Die beiden könnten ein gechilltes Leben führen und wenn sie nicht über mir wohnen würden, täten sie das vielleicht auch.

Doch meine Nachbarn hassen mich. Sie würden wahrscheinlich durchdrehen vor , wenn ich auszöge oder besser noch tot umfiele. Wir sind einfach zu unterschiedlich, vermute ich. Jedenfalls deute ich das aus der intensiven Beschwerdekultur, die sie pflegen.

Musik

Es fing damit an, dass ihnen meine zu laut war. Ich gebe zu, dass ich früher gern als Erstes Musik aufgelegt habe, wenn ich nach Hause gekommen bin, aber damit ist schon lange Schluss. Denn meinen Nachbarn ist auch Zimmerlautstärke zu laut. Das mag daran liegen, dass ihre Wohnung früher einmal der Dachboden war und die Isolierung zwischen den Stockwerken deshalb nicht so gut ist. Abends um sieben sind sie runtergekommen und haben geklingelt und gesagt, ich solle meine Musik leiser machen, sie könnten ihren Fernseher nicht verstehen. Also habe ich die Lautstärke runtergedreht.

Irgendwann haben sie nicht mehr geklingelt, sondern einfach auf den Boden geklopft. Mit einem Besenstil, nehme ich an. Ich habe jedes Mal fast einen Herzinfarkt gekriegt. Als das zur Routine geworden ist, habe ich sie angesprochen und gefragt, ob wir nicht eine andere Lösung finden könnten. Ich habe ihnen meine Handynummer gegeben, damit sie mir eine Whatsapp schreiben können, wenn's zu laut ist. Seitdem klopfen sie nicht mehr, sondern schreiben.

Gäste

Ich habe noch nie mitbekommen, dass meine Nachbarn Besuch haben. Wenn ich Besuch habe, kriegen sie das immer mit. Besonders im Sommer, wenn sie über mir auf dem Balkon sitzen. Inzwischen spüre ich schon, wie sie mit den Augen rollen, wenn ich draußen sitze und mich unterhalte. Aber ich ignoriere das, sonst müsste ich meine Freunde bitten, nicht zu lachen. Und zu flüstern. Egal ob es acht Uhr abends oder zwei Uhr nachts ist. Unser "Gelaber" ist nämlich für sie unerträglich.

Es ist nicht so, dass ich jeden Tag Besuch hätte. Es reicht nämlich schon, dass ich ab und zu auf dem Balkon telefoniere. Wer will schon drinnen sitzen, wenn die Abendsonne scheint? Alle meine anderen Nachbarn machen das auch. Aber die über mir nervt's. Als würde ich mein Telefon anschreien.

Rauchen

Ja, das ist ein sensibles Thema, ich weiß. Ich rauche draußen. Auf dem Balkon. Der geht nach hinten raus, so wie das Schlafzimmer meiner Nachbarn. Wenn der Wind ungünstig steht, zieht der Rauch genau zu ihnen rein. Und der Wind steht immer ungünstig. Sie können auch nicht ausweichen, denn ihre Wohnung ist ein einziges riesiges Zimmer. In dem Punkt könnte ich vielleicht an mir arbeiten und auf E-Zigaretten oder sowas umsteigen. Aber mittlerweile ist mir das auch schon egal. Ich entschuldige mich einfach nach jeder Beschwerde.

Wir wohnen in einer Großstadt. Mitten im turbulentesten Viertel. Ich habe das Gefühl, meine Nachbarn sind hier falsch. Sie bräuchten Ruhe und Waldluft. Ich würde mich für sie freuen. Ich ziehe jedenfalls nicht aus.

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Kristiane N. Harten