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WG-Leben: Warum mein Mitbewohner nervt – und ich es trotzdem liebe, mit ihm zusammenzuwohnen

Seit acht Jahren wohnt unsere Autorin in WGs. Nach vier Wohnungen in vier Städten und insgesamt 17 verschiedenen Mitbewohnern hat sie die Nase voll, und ist ständig genervt von ihrem jetzigen Mitbewohner. Ohne ihn wohnen möchte sie trotzdem nicht. Über eine Hassliebe.

Von Sara Tavakoli

Frau sitzt genervt auf ihrem Sofa

Unsere Autorin ist manchmal ziemlich genervt von ihrem Mitbewohner. Aber wenn sie krank im Bett liegt, und er sich liebevoll um sie kümmert, wird ihr wieder klar, was für ein Glück sie eigentlich hat (Symbolbild)

Pexels

Knapp zwei Jahre wohne ich nun schon mit meinem Mitbewohner zusammen. Am Anfang dachte ich: Jackpot! Beste Lage, beste Wohnung, bester Mitbewohner. Mein Gefühl blieb eine Weile, aber irgendwann ließ die anfängliche Verliebtheit nach – wie in einer Beziehung, bei der man irgendwann die rosarote Brille absetzt. Mit der Zeit schlichen sich vermehrt Dinge in unser WG-Leben, die mich regelmäßig auf die Palme bringen. Da ist zum Beispiel die Sache mit den Türen.

Warum landet die Kaffeetasse nie in der Spülmaschine?

Wenn ich abends im Bett liege und einfach nur schlafen will, erwarte ich schon genervt, dass mein Mitbewohner die Haustür aufreißt, sie laut zufallen lässt und dann seinen Schlüsselbund auf unsere dafür vorgesehene Ablage wirft. Bis er dann schlafen geht, werden noch mindestens acht Mal (und ich übertreibe wirklich nicht) die Badezimmertür und seine Zimmertür laut auf- und zugemacht, was in einer Altbauwohnung bedeutet, dass er auch einfach meine Tür acht Mal auf und zu machen könnte, und es würde vom Geräuschpegel her keinen Unterschied machen. Ein weiterer Streitpunkt unserer Mitbewohner-Beziehung: das Rauchen. Schon etliche Male haben wir darüber gesprochen, dass in der Wohnung nicht geraucht werden soll. Und trotzdem zieht regelmäßig ein Rauchgeruch, immerhin samt seinem schlechten Gewissen und einem obligatorischen "Sorry, ich höre auf zu rauchen“, in die gesamte Wohnung.

Am meisten nervt mich aber die Unordnung: Meine Schüssel, die ich drei Stunden lang liebevoll getöpfert habe, ist wochenlang verschwunden, bis sie auf mysteriöse Art und Weise wiederauftaucht. Es gibt keinen Morgen, an dem keine Brotkrümel auf dem Küchentisch verteilt sind. Und auch keinen Morgen, an dem die Kaffeetasse tatsächlich im Geschirrspüler, statt neben der Spüle, landet. Sein Gemüsecurry steht auch schon mal tagelang auf dem Herd, bis es auf meine Nachfrage hin, was mit dem schimmligen Rest eigentlich passieren soll, endlich im Mülleimer landet.

Warum ich trotzdem nicht ausziehen möchte

Warum ich nicht einfach ausziehe, wenn ich so genervt bin? Das habe ich mich auch gefragt. Dann dachte ich aber auch: Menschen sind nun mal unterschiedlich. Sie haben verschiedene Auffassungen davon, was sauber und ordentlich ist. Was laut und was leise ist. Was okay und nicht okay ist. So lange keine Böswilligkeit im Spiel ist, ist doch jeder mal genervt von seinen Mitbewohnern, oder? Sei es nun der Partner, die beste Freundin oder sogar die Eltern. Und dass auch ich meinen bisherigen 17 Mitbewohnern auf den Keks gegangen bin, ist ja wohl klar.

In einer WG kriegt man alles voneinander mit

Klar ist auch, dass wir in den fast zwei Jahren, die wir nun miteinander wohnen, viel erlebt haben. Wir haben unzählige Male mit 15 unserer Freunde in unserer Mini-Wohnung gekocht, gegessen und getrunken. Wir haben uns bei dem schlimmsten Liebeskummer aller Zeiten beigestanden, stundenlang in der Küche gesessen, Gitarre gespielt und dazu gesungen, die Wohnung gestrichen, umgestellt, neue Möbel gekauft, alte weggeschmissen. Wir erleben uns in den tiefsten Tiefpunkten, aber auch höchsten Höhepunkten – genau so, wie man jedes Auf und Zu der Türen in einem Altbau hört, hört man eben auch dramatische Telefonate und noch dramatischere Wutanfälle, selbst wenn die Tür zu ist.

Außerdem geht mein Mitbewohner extra für mich einkaufen, wenn ich krank im Bett liege. Er putzt die Küche auch drei Mal hintereinander, obwohl ich eigentlich damit dran bin – und beschwert sich nicht mal. Wenn er sich etwas kocht, fragt er immer, ob ich mitessen möchte. Als erfahrener Journalist redigiert er meine Arbeiten für die Uni – noch eine Stunde bevor ich abgeben muss. Er ruft mich an, wenn es ihm schlecht geht, und vertraut mir seine Gefühle an. Und wenn ich nach ein paar Tagen Urlaub wieder zurück komme, klopft er noch spät abends an meine Tür und sagt wie schön es ist, dass ich wieder zu Hause bin. Und dann denke ich immer wieder: Jackpot! Beste Lage, beste Wohnung, bester Mitbewohner.

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