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Interview

Schöne und peinliche Erlebnisse: Traurednerinnen berichten, was auf Hochzeiten alles schief gehen kann

Die Musiker spielen zum falschen Zeitpunkt oder die Ringe sind verschwunden  – bei einer Trauung kann so einiges schief gehen. Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die wissen, was bei einer Hochzeit alles missglücken kann.

Die Traurednerinnen Eva und Rune

Seit drei Jahren sind Eva und Rune Traurednerinnen

Die Hochzeitssaison ist in vollem Gange. Vor allem mit Ende 20, Anfang 30 kannst du dich vor mit Hochzeiten verplanten Wochenenden kaum noch retten. Ob du schon langsam genervt von den vielen Jaworten bist oder selbst ran musst – auf einen Moment warten an besagtem Tag alle: die Traurede. Frage ich meine Kollegin Denise, die gerade geheiratet hat, was sie sich von ihrer Traurede erwartet hatte, sagt sie ohne zu zögern: "Dass ich heulen muss. Und lachen". Ganz schön schwieriges Unterfangen – und sehr viel Druck für den Trauredner.

Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die wissen, wie besonders ihre Aufgabe am wichtigsten Tag im Leben eines anderen Menschen ist: Eva und Rune sind seit drei Hochzeitssaisons Traurednerinnen und haben 2018 "Eva & Rune" gegründet. Selbst ist nur eine der beiden verheiratet. Eva hat ihre erste Traurede zwei Wochen vor ihrer eigenen Hochzeit gehalten und weiß, wie viel Arbeit, Vorfreude und auch Nervosität mit der Planung eines solchen Festes einhergeht. Im Interview erzählen sie von schönen und manchmal auch peinlichen Erlebnissen als Traurednerinnen. 

Immer wieder liest man von Geschichten, in welchen den Traurednern ganz schöne Missgeschicke passiert sind. Was sind eure liebsten Fehltritte?

Eva: Ich hab mal eine Seite in der Rede überblättert, so dass nichts mehr Sinn ergeben hat. Dann musste ich schnell wieder zurückblättern. Ein anderes Mal hab ich den Musikern ein falsches Zeichen gegeben. Die haben dann gespielt, obwohl die Braut noch nicht bereitstand. Ich hab dann die Musiker schnell wieder gestoppt. Und einmal war soviel los während der Trauung, dass ich sogar den Ringtausch vergessen hab. Der Bräutigam hat mich dann erinnert.

Rune: Normalerweise arbeite ich mit Headset. Bei einer Trauung in Andalusien am Strand musste ich Handmikrophon und Rednerbuch balancieren. Dabei hatte ich den Wind nicht bedacht. Der kam von hinten, hat mir die Haare ins Gesicht geblasen und ständig die Seiten umgeblättert. Der Versuch, sie im Eifer des Gefechts mit einer Haarnadel zu fixieren ist kläglich gescheitert. Erst hinterher ist mir eingefallen, dass es für solche Fälle einen Gummizug an meinem Rednerbuch gibt...

Wie reagiert darauf das Brautpaar? Gab’s da auch Paare die richtig sauer wurden?

Eva und Rune: Nein. Richtig schlimm wäre es ja, wenn wir eine Rede halten, die dem Paar nicht gefällt. Das ist zum Glück noch nie passiert. Alles andere ist ja menschlich. Unsere größte Angst wäre, Braut oder Bräutigam beim falschen Namen zu nennen. Auch deshalb konzentrieren wir uns lieber auf wenige Paare, damit das nicht passiert.

Welche Missgeschicke von Bräutigam/Braut/Familie/Musikern etc. habt ihr schon mitbekommen?

Rune: Braut und Bräutigam sind immer nervös beim Eheversprechen. Oft machen sie sich vorher Gedanken, dass sie vielleicht kein Wort rauskriegen oder vor Rührung weinen müssen. Dann beruhige ich sie: Natürlich ist das ein sehr emotionaler Moment und dass da kein Auge trocken bleibt, ist doch das Schöne daran. Den Gästen geht es ja genauso.

Eva: Das Beruhigende: Wir sehen auch andere Dienstleister, die immer mal wieder ins Schleudern kommen. Fotografen verpassen  einen einzigartigen Moment, Musiker treffen den Ton nicht, Mikrophone fallen im Wind um, Kellnern schwappt der Sekt über, Floristen vertrocknen die Blumen in der Sommerhitze.

Was waren eure schönsten Momente?

Rune: Wir begleiten auch internationale Paare und halten die Rede dann zweisprachig mit Englisch, Portugiesisch oder Spanisch. Mich berührt es immer, wenn Verwandte und Freunde weit angereist sind und wir es ermöglichen, dass in der Trauung alle Gäste wirklich alles verstehen. Das hat etwas sehr Verbindendes. Außerdem mag ich Überraschungsmomente, wenn einer von beiden nur in Absprache mit mir etwas für den anderen vorbereitet hat. Einmal hat die Braut sogar mich überrascht und ist beim Lied "How long will I love you" plötzlich auf die Seite der Sängerinnen gewechselt. Das war Gänsehaut pur.

Eva: Wunderschön ist auch, wenn die Vorzüge einer Freien Trauung zu tragen kommen. Einmal habe ich bei einer deutsch-iranischen Hochzeit mit einem Imam zusammengearbeitet. Ich habe die Rede gehalten und er hat einen persischen Hochzeitssegen gesprochen. Ein anderes Mal haben wir in die Trauung ein jüdisches Hochzeitsritual eingebaut. Wir begleiten auch homosexuelle Paare, die in der Kirche nicht heiraten können.

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Seid ihr selbst noch zu Tränen gerührt? Wann besonders?

Eva: Wir sind ja dafür da, Paar und Gäste routiniert durch die Trauung zu führen und die Ruhe zu bewahren, wenn alle aufgeregt sind. Da treten wir schon vor allem professionell auf. Aber wenn ein Paar eine schwierige Geschichte hat, schon mal eine Trennung zusammen durchgestanden hat, oder wenn einer der beiden Krankheit oder Tod in der Familie erlebt hat und vom Partner unterstützt wurde, dann muss ich mich sehr konzentrieren, dass mir bei der Rede nicht auch die Tränen kommen.

Rune: Einmal habe ich ein homosexuelles Paar getraut. Der streng katholischen Familie des einen Bräutigams aus Lateinamerika war es nicht leicht gefallen, Jahre zuvor überhaupt das Outing zu akzeptieren. Zur Hochzeit haben dann aber alle die vielen Tausend Kilometer Reise nach Deutschland auf sich genommen, um dabei zu sein, wenn die zwei sich das Ja-Wort geben. Als in der Trauung enge Verwandte Wünsche für das Paar vorgetragen haben, war das so emotional, dass selbst dem Musiker die Tränen gekommen sind, obwohl er kein Wort Spanisch verstand. Das war so schön, da konnte ich auch nicht mehr.

Über welchen Moment musstet ihr selbst besonders lachen?

Eva: Einmal habe ich in der Rede hochgeschaut und voller Inbrunst gesagt: "Wie schön, dass ihr zwei euch immer auf eure Schwächen konzentriert und nicht auf eure Stärken. Nein, andersrum!“ Da musste ich schon lachen, die Gäste und das Paar aber auch.

Rune: Nach einer Trauung im Hochsommer am Strand hat sich die Hälfte der Gäste zur Abkühlung ins Meer gestürzt. Das war schon ein lustiger Anblick, wie die eben noch schick angezogenen Männer plötzlich mit aufblasbaren rosa Flamingos in den Wellen gespielt haben.

Was ist das Beste an eurem Beruf?

Eva und Rune: Dass wir so viele unterschiedliche Menschen kennenlernen dürfen. Dass uns ein eigentlich fremdes Pärchen tiefe Einblicke in sein Beziehungsleben gibt und wir alle Fragen stellen dürfen. Am Hochzeitstag lässt sich das Paar dann von unserer Rede überraschen. Für dieses Vertrauen sind wir sehr dankbar und fühlen uns sehr geehrt. Und natürlich genießen wir es auch, dass wir die schönsten Hochzeitsorte kennenlernen und die leckersten Torten probieren dürfen.

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