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NEON-Serie, Teil 11: Jungfrau Mitte 20: "Das Spiel 'Ich hab noch nie' ist mein größter Horror"

Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen mit Mitte zwanzig noch Jungfrau sind. Doch die wenigsten reden darüber. In der NEON-Serie erzählen junge Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten. Dieses Mal: Julia.

Jungfrau mit Mitte 20 – Die NEON-Serie

Julia ist Anfang 20 und immer noch Jungfrau. Aber der Moment wird kommen, an dem sich alles richtig anfühlt – da ist sie sicher. (Symbolbild)

Unsplash

In einer Welt, die sich nur um Erotik dreht, kann Enthaltsamkeit wie ein Makel wirken. Im ersten Teil unserer NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20"  traf unsere Autorin drei Menschen, die mit diesem Geheimnis leben – und anderen etwas von dem Druck nehmen wollen, der mit fehlender sexueller Erfahrung einhergeht.

Inzwischen bekommt sie regelmäßig Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die ihr erzählen, warum keinen Sex zu haben eines der letzten großen Tabus ist. So auch von Julia. Irgendwie dachte sie immer wieder, dass der Moment bald kommen wird – und dann kam er nie. Trotzdem gibt sie die Hoffnung noch lange nicht auf und träumt weiter von der großen Liebe.

Julia hatte schon viele Momente, in denen endlich "alles anders werden" sollte

"Ich bin zwar erst Anfang 20, trotzdem nehme ich das Thema genau so wahr wie viele andere auch – noch Jungfrau zu sein, ist ein Tabu.

Ich war in der Schule in einer sehr stabilen Mädels-Freundesgruppe, in der viele mit dem ersten Mal und dem ganzen Beziehungsthema sehr spät dran waren und in der es auch nie Druck gab, es 'abhaken' zu müssen. 

Ich war schon immer schüchtern, beim Flaschendrehen auf Klassenfahrt habe ich nicht mitgemacht, ich fand nie wirklich irgendwelche Jungs süß und habe auch nie Alkohol getrunken. Deswegen war ich nicht nur Jungfrau, sondern auch noch ungeküsst.

Nach dem Abi war ich alleine auf Reisen und dachte, jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, es anzugehen. Ich wollte Jungs treffen, küssen, ein paar romantische Momente am Strand verbringen – wie man sich das halt so ausmalt. Allerdings waren alle Leute, die ich besser kennenlernte, Frauen – wie eigentlich immer in meinem Leben. Also kam ich immer noch ungeküsst wieder nach Hause.

Nach dem Reisen habe ich angefangen zu studieren. Der nächste Zeitpunkt, an dem ich dachte, jetzt wird alles anders! Neue Stadt, neue Leute, neues Ich. Das Studentenleben wird auch mich packen, ich werde Alkohol trinken, ich werde feiern, knutschen, Sex haben. 

Jetzt bin ich mitten im Studium und der Plan ist wieder nicht aufgegangen. 

So langsam verspüre ich den Wunsch, Sex und alles was dazugehört, mal zu erleben

Hier merke ich so extrem wie nie zuvor, dass der Druck, Sex zu haben, vor allem von außen kommt. Eigentlich geht jeder davon aus, dass man mit Anfang 20 schon Sex gehabt hat. Das Spiel 'Ich hab noch nie' ist mein größter Horror und wenn das Thema Sex im Gespräch aufkommt, halte ich mich ans Lächeln, Nicken und Schweigen.

Und so langsam verspüre auch ich den Wunsch, Sex und alles was dazugehört, mal zu erleben – Jahre, nachdem er bei meinen Freunden kam. Das hängt aber, glaube ich, viel mehr mit dem starken Wunsch zusammen, mich mal zu verlieben. Denn auch das war ich noch nie richtig. Und Sex hängt für mich einfach untrennbar mit Liebe zusammen, was ein wesentlicher Grund dafür ist, dass ich noch Jungfrau bin: Ohne Liebe kein Sex.

Vor Kurzem habe ich mir trotzdem Tinder runtergeladen – der dritte große Jetzt-wird-alles-anders-Moment. Aber auch das habe ich nach einigen Chats gar nicht mehr genutzt, weil ich einfach merke, dass ich kein Interesse an diesen fremden Männern habe, sondern ganz oldschool jemanden im echten Leben treffen möchte, mit dem es klickt.

Ich habe es jetzt aufgegeben, das erste Mal an ein neues Ereignis zu knüpfen. 

Ich spüre zwar weiterhin den Druck von außen, aber möchte erst die Liebe kennenlernen, bevor ich den Sex kennenlerne. Bestenfalls lerne ich beides zusammen mit der gleichen Person kennen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dann trotz allem Druck froh sein werde, gewartet zu haben. Denn ich finde, es ist nichts Verwerfliches dabei, seine Jungfräulichkeit nicht einfach wegzuschmeißen, nur weil das zum gesellschaftlichen Bild der 'coolen' Jugend dazugehört. Zumindest ist das meine Meinung und dank der anderen Geschichten dieser Kolumne merke ich, dass es noch andere gibt, die so denken wie ich."

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