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NEON-Serie, Teil 10: Jungfrau Mitte 20: "Wenn ich mit Freunden darüber sprechen will, blocken sie ab"

Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen mit Mitte zwanzig noch Jungfrau sind. Doch die wenigsten reden darüber. In der NEON-Serie erzählen junge Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten. Dieses Mal: Markus.

Von Katharina Weiß

Jungfrau mit Mitte 20

Markus würde gerne Frauen kennenlernen, aber der Anschluss fehlt (Symbolbild)

Unsplash

In einer Welt, die sich nur um Erotik dreht, kann Enthaltsamkeit wie ein Makel wirken. Im ersten Teil unserer NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20"  traf unsere Autorin drei Menschen, die mit diesem Geheimnis leben – und anderen etwas von dem Druck nehmen wollen, der mit fehlender sexueller Erfahrung einhergeht.

Inzwischen bekommt sie regelmäßig Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die ihr erzählen, warum keinen Sex zu haben eines der letzten großen Tabus ist. Einer von ihnen ist Markus. Er wäre gerne offener, selbstbewusster, bereiter, Frauen kennenzulernen. Aber irgendwie will es nichts werden. Die Hoffnung gibt er trotzdem nicht auf.

Ereignisse in der Kindheit führten bei Markus zu Versagensängsten

"Ich bin 27 Jahre alt und habe in meinem Leben drei Frauen geküsst, an die ich mich bewusst erinnern kann. Die ersten beiden Situationen ergaben sich im Rahmen einer Reise mit dem christlichen Friedensdienst. Der erste Kuss geschah damals beim Flaschendrehen in Estland, ich war 16. Das zweite Mal passierte unter ähnlichen Umständen in Island, ich war 17. Die dritte Dame habe ich online kennengelernt und einmal gedatet, das war vor sechs Monaten.

Mehr ist noch nie passiert – obwohl ich es mir sehr wünschen würde. Das belastet mich sehr. Vor allem weil es niemanden gibt, mit dem ich darüber reden kann. Und das obwohl ich glaube, dass es einigen Männern im meinem Bekanntenkreis ähnlich geht. Ich habe nicht besonders viele Freunde, ein paar kenne ich dafür schon ziemlich lange. Bei drei Männern in meinem Umfeld bin ich mir zum Beispiel sicher, dass es ihnen so geht wie mir. Eigentlich würde ich sehr gerne mit ihnen über das Thema Sex sprechen. Beziehungsweise über das Ausbleiben von Sex. Aber immer, wenn ich in der Vergangenheit das Gespräch gesucht habe, wurde es abgeblockt. Das gesellschaftliche Tabu greift eben doch.

Besonders würde mich interessieren, was sie für die Gründe dafür halten, dass sie noch nie Sex hatten. Bei mir gestaltet sich das zum Beispiel so: Mein Vater hat meine Mutter noch in der Schwangerschaft verlassen. Sie war alleinerziehend und arbeitete. Ich war trotzdem ein Mamakind, fast schon überbehütet. Ich habe sehr viel Zeit vor dem Fernseher verbracht und bin schnell zum Außenseiter geworden. In der Grundschule war ich zudem ein schlechter Schüler, das hat von Anfang an Versagensängste und Druck aufgebaut.

Die Uni lief mies, der Vater hatte kaum Interesse – dann starb der Opa

Das mit den Noten wurde auf der Realschule besser, da wurde ich allerdings oft gemobbt, besonders in der 6. und 7. Klasse. Ich habe das Abi trotzdem oder vielleicht gerade deswegen als Klassenbester abgeschlossen. Danach wusste ich nicht was ich werden soll und habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Mir gelang es nicht, ein soziales Netz aufzubauen und irgendwann kam ich nicht mehr mit den technischen Fächern zurande, ich habe nur noch alleine Filme gesehen und mich immer unwohler gefühlt.

Ich hatte da schon manchmal Sehnsucht nach dem Tod und als mein Großvater starb ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Er war ein absoluter Vaterersatz. Das Studium war zwar der Horror, doch meine Angst vor dem Scheitern mindestens genau so groß. Irgendwann traute ich mich trotzdem und schmiss hin.

In der Orientierungsphase danach wurde mir geraten, mehr über meinen Vater herauszufinden. Wir hatten nur sehr seltenen Schriftkontakt bezüglich der Unterhaltszahlungen. Ich habe erst mit 20 erfahren, dass ich drei Halbschwestern habe – er hat nach meiner Geburt eine neue Familie gegründet. Wirklichen Kontakt zu mir hat er immer noch nicht, obwohl wir uns einmal getroffen haben. 

"Ich verpasse den Punkt, dazuzugehören"

Jedenfalls habe ich mich dann nochmal auf dem Studienmarkt umgeschaut und entschied mich irgendwann für BWL. Nach meinem Bachelor musste ich nochmal umziehen, für einen dualen Master. Dieser Job gefällt mir bis jetzt ganz gut. Mit dem sozialen Umfeld habe ich aber immer noch Probleme. 

Generell habe ich hier seit dem Umzug noch keine wirklichen Freunde gefunden. Die letzte weibliche Freundin war meine Nachbarin in der Kindheit, mit der ich später immer gemeinsam zum Kommunionsunterricht gelaufen bin. In der Klasse hieß es immer, sie würde auf mich stehen. Das ist die einzige Frau, bei der das je über mich gesagt wurde. In der Realschule bekam ich mal einen anonymen Liebesbrief, eines dieser Herzen mit einem Lolli, die man in Baden-Württemberg zum Valentinstag versendet.

Bei Gruppenbildung schaffe ich es nie, am Anfang mit dabei zu sein. Ich verpasse den Punkt, dazuzugehören. Ich arbeite 40 Stunden die Woche, unsere Unistunden sind Blockseminare, für die wir nach Berlin oder Stuttgart fahren. Es gibt also keine Fakultätspartys oder ähnliches, bei denen ich neue Freunde finden oder Frauen kennenlernen könnte. Immerhin: In der Arbeit klappt es jetzt ganz selten mal, sich mit neuen Kollegen zum Mittagessen zu verabreden. Aber wir sind viele Leute. Bei so einer großen Firma geht man als zurückhaltendes Individuum schell unter.

"Dieser Artikel ist wie eine Art Brief, der das Tabu brechen soll"

Ich habe mir aber fest vorgenommen, mein Leben selber in die Hand zu nehmen und etwas zu ändern. So hatte ich vor Weihnachten zum Beispiel ein Online-Date. Das lief leider nicht so gut, aber immerhin denke ich nicht immer nur ans Aufgeben. Eine ganze Zeit lang war das nämlich so. Ich dachte, ich finde in diesem Leben nie eine Freundin und habe die Suche quasi aufgegeben. Aber man muss weitermachen. Vielleicht bringt das ganze Suchen auch gar nicht so viel. Vielleicht muss ich ja gefunden werden. Das ist ein bisschen wie bei SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence). Wenn alle nur senden aber nicht zuhören – und zwar richtig – ist keine Unterhaltung und erst recht kein Verständnis möglich.

Eventuell lasse ich meinen Freunden den Artikel auch mal auf die ein oder andere Art und Weise zukommen. Wie eine Art Brief, der das Tabu brechen soll. Ich hoffe außerdem, dass die Serie und vielleicht auch mein Artikel anderen Mut macht, ebenfalls nicht aufzugeben. Für einen Moment hatte ich auch die absurde Hoffnung, dass wir eine Selbsthilfegruppe gründen könnten. Ich lebe in der Region Köln/Bonn, da könnte man sich mal treffen, aber ich freue mich auch auf andere Zuschriften. Für diesen Zweck habe ich extra folgende Mailadresse eingerichtet: angst.markus@gmx.de .

Denn wenn man die vielen Zuschriften bedenkt, die der erste Teil dieser NEON-Serie bekommen hat, dann wird eines ganz deutlich: Wir sind nicht allein.

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