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NEON-Serie, Teil 8: Jungfrau mit Mitte 20: "Diese Unerfahrenheit macht unattraktiv"

Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen mit Mitte zwanzig noch Jungfrau sind. Doch die wenigsten reden darüber. In der NEON-Serie erzählen junge Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten. Dieses Mal: Martin.

Von Katharina Weiß

Jungfrau mit Mitte 20: "Diese Unerfahrenheit macht unattraktiv"

In der NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" erzählen Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten (Symbolbild)

Unsplash

In einer Welt, die sich nur um Erotik dreht, kann Enthaltsamkeit wie ein Makel wirken. Im ersten Teil unserer NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" traf unsere Autorin drei Menschen, die mit diesem Geheimnis leben – und anderen etwas von dem Druck nehmen wollen, der mit fehlender sexueller Erfahrung einhergeht.

Inzwischen bekommt sie regelmäßig Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die ihr erzählen, warum keinen Sex zu haben eines der letzten großen Tabus ist. Dazu gehört auch Martin. Er ist 25 Jahre alt. Das Thema Jungfräulichkeit hat ihn so sehr belastet, dass er sogar mit dem Gedanken gespielt hat, zu einem Psychologen zu gehen.

Martin hat eine "erstes Mal"-Geschichte

"Ich habe nie mit jemandem darüber geredet, dass ich keine sexuellen Erfahrungen habe. Insofern empfinde ich es durchaus als Stigma. Jetzt in der Vorweihnachtszeit, wenn wieder viele Treffen mit Verwandten anstehen, denke ich auch an den Druck, der innerhalb der Familie aufgebaut wird. Meine älteren Geschwister haben alle schon jemanden zu Hause vorgestellt. Bei manchen Fragen habe ich das Gefühl, dass meine fehlenden Partnerinnen als Defizit wahrgenommen werden.

Ich empfinde es auch als sehr anstrengend, wenn das Thema unter meinen Freunden aufkommt. Als der erste Tinder-Hype da war, haben sich die Männer – aber tatsächlich noch viel mehr die Frauen – in meinem Bekanntenkreis ständig ausgetauscht und gefragt: 'Wie läuft das bei euch?' Manchmal saß ich auch mit Menschen zusammen, mit denen ich vorher noch nie ein tieferes Gespräch gehabt hatte – und plötzlich packten da zwei oder drei in der Runde ihre intimsten Details aus. Oft war ich erschrocken, wie schnell man dazu kommt. Ich habe mich dann eher zurückgezogen.

Für den Fall, dass das Thema zum Beispiel im Rahmen eines Partyspiels aufkommt und ich aus der Sache nicht elegant rauskomme, habe ich mir schon vor Jahren eine Geschichte zurechtgelegt: Bei meinem angeblichen ersten Mal war ich 19 Jahre alt, alles verlief zwanglos. Das imaginäre Mädchen und ich hatten nach einer Party Sex. Ich war so besoffen, dass ich mich an die Details nicht mehr erinnern kann. Wie praktisch. Mit Freunden habe ich dieses Thema also nie direkt besprochen.

Allerdings wohne ich seit der Schulzeit mit meinem besten Kumpel zusammen – der hätte ja gemerkt, wenn ich mal jemanden mit nach Hause genommen hätte. Die NEON-Serie fand ich deshalb super spannend: Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Menschen in meinem Alter gibt, denen es in Bezug auf 'fehlende' sexuelle Erfahrungen ähnlich geht. Es war schon eher schwer für mich, das all die Jahre für mich zu behalten – wie ein Geheimnis. Obwohl es ansonsten gar nicht schlecht läuft, habe ich sogar ganz abstrakt mal darüber nachgedacht, ob ich mir einen Psychologen holen soll, mit dem ich darüber reden kann. Dass ich noch keinen passenden Gesprächspartner gefunden habe, liegt aber nicht daran, dass ich Schwierigkeiten damit habe, Freunde zu finden. Ich habe zwar einen Bachelor in Informatik, das heißt aber noch lange nicht, dass ich absoluter Nerd bin. Wenn ich aber auf Partys mit Leuten ins Gespräch komme und von meiner Informatikervergangenheit erzähle, sagen die trotzdem: 'Dass du das studiert hast, hätte ich nicht gedacht. Du bist ja voll offen und feierst gerne.' Es wird immer noch einmal hervorgehoben, dass ich ja dennoch ein 'ganz normales Wesen' sei.

"Emotional bin ich immer noch Jungfrau"

Dass ich noch keinen Sex hatte, liegt nicht an meinem Aussehen. Ich würde mich jetzt nicht als Schönheit bezeichnen. Wer würde das schon? Dennoch habe ich keine Zweifel an meinem Körper. Das mit dem 'kein Sex' ist auch ein wenig Definitionssache: Anfang des Jahres hatte ich technisch gesehen dann doch Sex. Es war ein bisschen so wie in meiner fiktiven Geschichte. Ich war betrunken und habe mich nach einer Party von einem Mädel mitnehmen lassen. Es war aber eher seltsam. Aufgrund des Alkohols hat auch nicht durchgehend alles funktioniert und überhaupt hat es sich nicht richtig angefühlt. Klar, dieses Erlebnis hat ein bisschen Druck weggenommen, man weiß ja jetzt, wie es ungefähr ist. Der Erkenntnisgewinn war jedoch deutlich: Jemanden Wildfremden abzuschleppen und Sex zu haben, damit man es hinter sich hat, ist auch nicht das Wahre.

Emotional bin ich immer noch Jungfrau. Klar, ich hätte gerne guten Sex – aber was mir am meisten fehlt, ist der emotionale Part: Im Bett liegen, kuscheln, über etwas reden, das mich oder meine Freundin belastet. Ich wünsche mir, dass da später mal eine intelligente Person mit mir im Bett liegt. Eine Frau, mit der ich Spaß am Diskutieren habe. Eine, die mich vielleicht auch von Sachen überzeugen kann, an die ich vorher nicht geglaubt habe – und zumindest ein bisschen Taktgefühl sollte sie haben. Ich habe drei Jahre lang mit Partnerin im Verein getanzt und würde diese Leidenschaft gerne teilen.

Ich sehe um mich herum, wie gut es meinen Freunden in ihren Beziehungen geht – und hätte das auch gerne. Aber es ist natürlich nicht so einfach, jemanden zu finden, mit dem es wirklich passt. In der Schulzeit hatte ich für eineinhalb Monate mal eine Freundin. Da habe ich aber schnell Schluss gemacht, weil ich gemerkt habe: Ich mag diesen Menschen eigentlich gar nicht so sehr, dass ich eine Beziehung führen möchte. Seitdem bin ich Single.

"Stehe ich vielleicht auf Männer?"

Das kann einen manchmal schon irritieren, wenn man so lange seinen Weg alleine finden muss. Nachdem ich ein Mädchen ganz toll fand, ich bei ihr aber in der Friendzone gelandet war, hatte ich mal ganz kurz Zweifel. Ich fragte mich: Bin ich falsch ausgerichtet? Stehe ich vielleicht auf Männer und strahle das unterbewusst aus? Ich bin dann mal mit schwulen Bekannten in eine Gaybar gegangen, habe da mit Männern getanzt und mit einem Mann geknutscht. Danach habe ich mich sogar nochmal mit ihm auf einen Kaffee getroffen. Doch da habe ich sehr schnell gemerkt: Ich hatte absolut kein Interesse an Sex mit ihm – oder mit einem anderen Mann.

Ein weiterer Punkt, der mich all die Jahre beschäftigt hat, ist das Thema Selbstbefriedigung. Ich habe mir öfter vorgenommen, das nicht mehr zu machen. Der Gedanke dahinter war sozusagen unterbewusste Selbstmotivation: Du baust den sexuellen Druck in dir stärker auf und wirst dazu gezwungen, mal aktiv zu werden. Ich habe das als technischen Hebel gesehen, um öfter mal den ersten Schritt zu machen. Durchgehalten habe ich das aber nie – und inzwischen kenne ich mich gut genug, um zu wissen: Nach der schnellen Nummer suche ich gar nicht.

Ich verliebe mich auch eher auf den zweiten Blick. Ich lerne jemanden kennen, man freundet sich an und irgendwann entdecke ich: Wow, das ist ja ein wahnsinnig spannender Mensch. Leider läuft man so Gefahr, wie erwähnt, in der Friendzone zu landen. Bei mir im Wohnheim gab es zum Beispiel mal dieses tolle Mädchen, mit dem ich viel unternommen habe. Kurz bevor ich für ein Studentenpraktikum mehrere Monate ins Ausland musste, waren wir zusammen auf einer Feier – und wir machten rum. All die Wochen in England hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Doch als ich zurückkam meinte sie: 'Ich will unsere Freundschaft nicht gefährden.'

Danach habe ich mich durchaus gefragt, ob es auch daran lag, dass sie gespürt hat, dass ich nicht so viele sexuelle und partnerschaftliche Erfahrungen habe. Wenn mir jetzt jemand begegnet, der mich umhaut, dann würde ich auf jeden Fall nicht offen kommunizieren, dass ich mich als Jungfrau bezeichnen würde. Erst später, wenn das zwischen uns gefestigt ist, würde ich mich da öffnen. Ich möchte niemanden vergraulen. Diese Unerfahrenheit macht unattraktiv. Die Gefahr ist, dass die andere Person denkt, sie muss mir etwas beibringen – oder sie muss es besonders gut machen, damit sie mir ein gutes Erlebnis bereitet. Ich will dem anderen nicht das Gefühl geben, so einem Erwartungsdruck ausgesetzt zu sein, der ja auch an emotionale Erwartung geknüpft wäre.

Insgesamt kann ich nicht sagen, dass mein Leben schlecht ist, nur weil ich noch keinen richtigen Sex oder eine dauerhafte Beziehung hatte. Auf der anderen Seite sehne ich mich aber fast jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, nach einer Partnerin und der Intimität einer Partnerschaft. Ich würde mir wünschen, dass der gesellschaftliche Druck geringer wäre und Menschen mit einer ähnlichen Geschichte wie ich sich mehr akzeptiert fühlen würden und offener darüber reden könnten. Und wenn es eine Möglichkeit gäbe, sich vertrauensvoll mit anderen auszutauschen, denen es ähnlich geht, wäre ich wahrscheinlich direkt dabei!"

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