HOME

NEON-Serie, Teil 7: Jungfrau mit Mitte 20: "Ich war zehn Jahre lang Sklave meiner Seelenkrankheit"

Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen mit Mitte zwanzig noch Jungfrau sind. Doch die wenigsten reden darüber. In der NEON-Serie erzählen junge Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten. Dieses Mal: Ariane.

Von Katharina Weiß

Jungfrau Mitte 20: Ich war zehn Jahre lang Sklave meiner Seelenkrankheit

In der NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" erzählen Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten (Symbolbild)

Unsplash

In einer Welt, die sich nur um Erotik dreht, kann Enthaltsamkeit wie ein Makel wirken. Im ersten Teil unserer NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" traf unsere Autorin drei Menschen, die mit diesem Geheimnis leben – und anderen etwas von dem Druck nehmen wollen, der mit fehlender sexueller Erfahrung einhergeht.

Inzwischen bekommt sie regelmäßig Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die ihr erzählen, warum keinen Sex zu haben eines der letzten großen Tabus ist. Dazu gehört auch Ariane. Sie ist 27 Jahre alt und leidet sehr darunter, noch nie eine feste Beziehung gehabt zu haben.

Ariane musste lernen, sich selbst zu akzeptieren

"'Wenn ich noch zwei Kilo abnehme, dann wird mich endlich jemand attraktiv finden. Dann bin ich dünn genug, um schön zu sein. Dann will endlich jemand mit mir Sex haben. Dann wird mich endlich jemand lieben.'

Jahrelang wurde mein Leben von diesem Mantra bestimmt. Heute bin ich 27 Jahre alt und kann sagen: Ich war über zehn Jahre lang ein Sklave meiner nicht erkannten und nicht eingestandenen Seelenkrankheit. Trotzdem fühlt es sich komisch an, von Krankheit zu sprechen, wenn man nie in Behandlung war. Denn: Der Weg – hinein in diesen Abgrund und hinaus – war immer mein eigener.

Mit 15 Jahren kotzte ich mich zum ersten Mal aus. Nach einem zu üppigen Familiendinner habe ich mir den Finger in den Hals gesteckt. Auslöser: Ein Junge, auf den ich stand, war mit meiner besten Freundin zusammengekommen. Sie hatte mir die freudige Nachricht per ICQ mitgeteilt. Für mich konnte es dafür nur einen Grund geben: Sie ist einfach hübscher als ich. Und obwohl wir die gleichen Maße hatten, dachte ich mir: Wenn ich schlanker werde, hat sie zwar immer noch das schönere Gesicht, nur habe ich dann den besseren Körper. Jeder muss seine eigenen Vorteile ausbauen. Wie grundlegend falsch dieser Gedanke war, war mir damals nicht bewusst. Vor allem aber hat es dazu geführt, dass ich eine extreme Diät gemacht habe – sobald ich soziale Zurückweisung von Männern erfahren habe.

Jetzt fragt ihr euch vielleicht, warum das niemand gemerkt hat? Nun ja, ich konnte es gut geheim halten. Wenn zum Beispiel jemandem aufgefallen ist, dass ich drei Tage lang jeweils nur einen halben Apfel gegessen habe, habe ich am vierten Tag so getan, als ob ich 'normal' essen würde.

In Wirklichkeit habe ich mir aber anschließend den Finger in Hals gesteckt. Trotzdem schwankte mein Gewicht ständig hin und her – mein Ziel erreichte ich nie.

"Der Alkohol half Typen, uns unangemessen zu begrapschen"

Bei uns im Dorf war es ganz normal, besoffen mit Jungs herumzuknutschen. Der Alkohol half mir, locker zu werden. Und er half den Typen, uns unangemessen zu begrapschen. Mein einziger Gedanke, wenn mal wieder einer dieser Hormonprimaten versuchte, unter mein Shirt zu kommen, war jedoch: Luft anhalten, Rücken gerade. Hauptsache, meine sitzende Position lässt ihn jetzt nicht denken, dass ich Speckröllchen habe. Hauptsache, es fühlt sich für IHN nicht unangenehm an.

Dass ich in erotischer Hinsicht also immer sehr unentspannt wirkte, müssen sogar die Typen von damals gemerkt haben. Diese Verkrampftheit konnte ich selbst bei Jungs nicht ablegen, die ich wirklich nett fand. Ich war gefangen in meiner Starre und körperlichen Unzugänglichkeit. Jede Umarmung kostete Überwindung. Es raubte mir buchstäblich den Atem.

Mit 18 wurde es dann zum ersten Mal etwas intimer mit einem Mann. Er hatte kein Problem damit, nicht gleich mit mir zu schlafen. Trotzdem hatte ich Angst, dass er das Interesse verliert. Deshalb habe ich ihm immer einen geblasen. Allerdings wollte er sich auch mit Oralsex revanchieren. Nur hätte ich mich dafür ja ausziehen müssen – unvorstellbar. Stattdessen fand ich einen Mittelweg. Ich trug einfach jede Menge sexy Lingerie: Korsage, Push-up-BHs und schwarze Strapse. Ohne diese Helfer hätte ich mich wahnsinnig hässlich gefunden. Dabei wog ich damals bei einer Große von 1,66 Meter nur 55 Kilo.

Dieses Muster, zwar sexuelle Gefälligkeiten erweisen zu wollen, aber selber nichts anzunehmen, zog sich weit in meine Mittzwanziger hinein. Ich hatte One-Night-Stands ohne penetrativen Sex, aber mit Petting und Knutschen. Ich war immer noch in einer "Bravo"-Story gefangen, während alle anderen schon längst "Fifty Shades of Grey" nachspielten. Nach dem Studium, mit 25, zog ich als Angestellte im Sales und Marketingbereich einer Kosmetikfirma nach Marokko. Die kulturellen Unterschiede erschwerten das Dating, halfen mir aber, über Meditation und feministischen Aktivismus den wahren Kern meines Problems anzugehen: meine eigenen Selbstzweifel.

Männer wie Donald Trump haben eine Mitschuld

Daran bin ich nicht allein schuld: Es sind Begriffe wie "Heroin Chic", Familien wie die Kardashians, Männer wie Donald Trump und Firmen wie Dolce & Gabbana. Sie alle tragen eine Mitschuld daran, dass Tausende von Frauen wie ich ihr Leben trotz aller Privilegien nicht genießen können: Ich hatte Zugang zu Bildung. Meine Eltern lieben und unterstützen mich. Ich konnte schnell auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen und einen Beruf ausüben, der mir Freude bereitet. Ich spreche drei Sprachen, beherrsche mehrere Sportarten und kann singen. Ich habe Freunde, die gerne etwas mit mir unternehmen und kann Menschen zum Lachen bringen. Aber genug war das nie. Weil ich nie gelernt habe, mich schön zu fühlen – oder weil ich nie gelernt habe, nicht darauf zu achten, ob ich wunderschön bin, weil mein Wert als Frau eben nicht nur daran festgemacht werden sollte.

Seit einem halben Jahr lebe ich wieder in Deutschland. Ich zwinge mich jetzt, jede Woche eine Sache zu machen, die mich aus der Komfortzone holt: im knappen Bikini ins Schwimmbad gehen und kein Handtuch über meinen Bauch legen, wenn ich ihn nicht mehr einziehen kann. Mir ein Kleid kaufen, dass man nur ohne BH – und damit ohne Push-up-BH – kaufen kann. Bei NEON einen Text schreiben, in dem ich offen über meine Jungfräulichkeit rede.

Mir fällt auf, wie sich durch die Arbeit an mir selbst auch mein Verhältnis zu Männern verändert hat. Ich flirte lockerer. Meine Gesten sind unverkrampfter. Dennoch leide ich nach wie vor darunter, noch nie eine feste Beziehung gehabt zu haben – noch nie geliebt worden zu sein. Ich habe sechs von sieben Kontinenten dieser Erde bereist, aber was ich mir wirklich wünsche, ist, dass einmal ein Mann sagt: "Für mich bist du schön. Ich liebe dich." Es muss ja gar nichts für immer sein, mir würde der Moment genügen, nur ein einziges Mal so vollkommen sicher und geborgen im Jetzt zu sein."

Frau hält ihre Hände vor ihre Brüste
Themen in diesem Artikel