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NEON-Serie, Teil 4: Jungfrau mit Mitte 20: "Ich verabredete mich mit ihm - mit dem Ziel, mit ihm zu schlafen"

Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen mit Mitte zwanzig noch Jungfrau sind. Doch die wenigsten reden darüber. In der NEON-Serie erzählen junge Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten. Dieses Mal: Nola.

Von Katharina Weiß

Jungfrau mit Mitte 20: "Ich verlor meine Jungfräulichkeit und mein Herz"

In der NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" erzählen Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten (Symbolbild)

Unsplash

In einer Welt, die sich nur um Erotik dreht, kann Enthaltsamkeit wie ein Makel wirken. Im ersten Teil unserer NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20"  traf unsere Autorin drei Menschen, die mit diesem Geheimnis leben – und anderen etwas von dem Druck nehmen wollen, der mit fehlender sexueller Erfahrung einhergeht.

Nachdem sie viele Zuschriften von Leserinnen und Lesern erhielt geht die Serie in Verlängerung und zeigt mit drei weiteren Perspektiven, warum keinen Sex zu haben eines der letzten großen Tabus ist. Der nächste Erfahrungsbericht kommt von Nola. Sie ist 25 Jahre alt und hatte nie ein Problem damit, noch Jungfrau zu sein.

Plötzlich lernte Nola "ihn" kennen

Nola: "Mit Mitte zwanzig noch Jungfrau zu sein, hat mich überhaupt nicht belastet. Männer und Verliebtsein war für mich nie ein Thema. Als meine Freundinnen in der Schule nur noch über Jungs geredet haben, war ich zwar immer dabei, aber inhaltlich außen vor. Vielleicht war ich hormonell einfach später dran – ich habe auch erst mit 17 meine Periode bekommen – oder ich war einfach noch nicht bereit dafür. Gestört hat das keinen, blöd fragen musste auch niemand: Meine guten Freundinnen kannten mich ja seit Beginn der Schulzeit. Denen war klar, dass es da keinen Freund gab, mit dem ich mein erstes Mal erlebt haben könnte.

Abseits davon ist mein Leben mit vielen großen und kleinen Leidenschaften erfüllt. Die vielen Interessen hängen auch mit meinem Beruf zusammen. Ich bin Redakteurin, also viel unterwegs, in Ausstellungen oder auf Interviews. Ich bin eine eher kleine und sehr schlanke Person, charakterlich würde man mich aber eher als extrovertiert beschreiben. Lange Zeit führte ich ein sehr zufriedenes Leben, auf einer Insel ohne Herzschmerz und Liebesfrust, bis es mich doch erwischte. Vor drei Monaten begegnete ich auf einer Firmenfeiern diesem interessanten Mann: charismatisch, spannender Job, 43 Jahre alt. Ich wusste zuvor schon, wer er ist, aber an diesem Abend wurden wir zum ersten Mal richtig vorgestellt. Obwohl ich mir dachte, dass er in seinem Alter doch bestimmt nichts mit so einer jungen Frau wie mir anfangen kann, landeten wir später knutschend in einer Ecke des Büros.

Er war in einer Beziehung und Nola Jungfrau

Das war keine betrunkene Firmenfeier-Aktion, denn ich trinke nicht. Ich wollte das mit jeder Faser. Noch während wir uns küssten, wanderten seine Hände an meinem Körper entlang. Ich spürte, dass er eindeutige Absichten hatte. Deshalb erzählte ich ihm, dass ich noch nie Sex hatte. Er sah mich verwirrt an – und nahm mich auch nicht mit nach Hause. Dennoch tauschten wir Nummern aus. Und obwohl ich dachte, dass ich nie wieder von ihm hören würde, schrieb er mir gleich am nächsten Tag. Als wir ein Treffen vereinbarten, stand ich quasi schon in Flammen. Gefühlte zwei Stunden harrte ich vor seiner Türe aus, bis ich mich endlich traute, die Klingel zu drücken. Die nächsten Stunden und Tage zerfließen dann in einem verwirrenden Strudel der Gefühle. Wir hatten auch bei diesem ersten Date noch keinen Sex, stattdessen hörten wir Musik. Ich bewunderte die Kunst in seiner schönen Wohnung – und wir redeten lange.

Danach schrieben wir viel und trafen uns erneut. Doch bald musste ich herausfinden, dass er ein Geheimnis hatte: Seit über einem Jahr lebte er in einer semi-glücklichen Beziehung mit einer Frau. Für sie war die ganze Sache monogam. Für ihn offensichtlich nicht. Für mich brach eine Welt zusammen.

Aber in dem Moment war ich schon so unglaublich verliebt, dass sich jegliche Rationalität ausgeschaltet hat. Hätte mir eine Freundin genau die gleiche Geschichte erzählt, hätte ich ihr geraten: 'Nimm deine Beine in die Hand, renn weg und triff den nie wieder!' Aber es war zu spät – und ich hatte noch nie so etwas empfunden.

Stattdessen verabredete ich mich erneut mit ihm, dieses Mal mit dem konkreten Ziel, mit ihm zu schlafen. Die zwei Tage davor war ich so aufgeregt, wie noch nie in meinem Leben. Ich zog mir schöne, schwarze Spitzenunterwäsche an und fuhr zu seiner Wohnung. Es war niemals so, dass er mich gedrängt hatte. Aber ich wollte ihn einfach so unbedingt, dass ich in diesem Moment alles in die Waagschale geworfen habe. Das erste Mal war ein klein wenig schmerzvoll aber wunderschön, ihm so nahe zu sein. Ich habe mich sehr wohl und beschützt gefühlt. Danach trafen wir uns mindestens einmal die Woche, eigentlich immer bei ihm.

"Es fühlte sich mehr als 'nur' nach einer Affäre an"

Nach ungefähr drei Monaten hielt ich es nicht mehr aus, die 'andere Frau' zu sein und suchte das Gespräch mit ihm. Obwohl er nicht glücklich mit seiner Freundin ist, war Schluss machen in dem Moment für ihn keine Option. Er ist kein totales Arschloch, er hat ein ziemlich heftiges Jahr hinter sich und erklärte sich mir gegenüber so: 'Zu viel Veränderung verkrafte ich im Moment nicht. Ich will dir nicht die Last aufbürden, dafür verantwortlich zu werden, dass alles besser wird.'

Es fällt mir total schwer zu beschreiben, wie besonders das war, was wir hatten, weil es von außen schnell wie eine billige Affäre klingt. Aber es war zärtlich und voller Gespräche. Ich hatte und habe noch immer das Gefühl, dass das Ganze mehr Bedeutung hatte – und auch für ihn von Bedeutung war. Auch wenn ich das natürlich nicht beweisen oder belegen kann. Seit fast zwei Wochen ist es jetzt vorbei. Ich bin immer noch in einer Art Schockstarre. Einer Sache bin ich mir aber sicher: Mit ihm zu schlafen hat es nicht schlimmer gemacht. Ich habe mir davor immer gesagt, wenn es passiert, dann passiert es. Der körperliche Teil ist schön und spannend, aber was wirklich zählt, ist das Emotionale. Zum ersten Mal verliebt zu sein, und kurz darauf zum ersten Mal so unfassbar verletzt und traurig, das hat mich wirklich verändert. Ich habe ein wahnsinnig enges Verhältnis zu meiner Mutter, aber von diesen ganzen Neuigkeiten konnte und wollte ich ihr nie erzählen, wodurch eine Distanz entstand. Es fühlt sich an, als hätte dieses ganze Chaos meine Kindheit beendet. Wenn der Schmerz endlich vorbei ist, dann hoffe ich, dass das Erwachsenwerden auch noch gute Seiten bereithält."

"Virgin Wanted": Warum es sich für Catarina lohnt, Jungfrau zu bleiben
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