HOME

NEON-Serie, Teil 6: Jungfrau mit Mitte 20: "Auf Sex hatte ich einfach nie Lust"

Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen mit Mitte zwanzig noch Jungfrau sind. Doch die wenigsten reden darüber. In der NEON-Serie erzählen junge Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten. Dieses Mal: Mara.

Von Katharina Weiß

Jungfrau Mitte 20

In der NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" erzählen Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten (Symbolbild)

In einer Welt, die sich nur um Erotik dreht, kann Enthaltsamkeit wie ein Makel wirken. Im ersten Teil unserer NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" traf unsere Autorin drei Menschen, die mit diesem Geheimnis leben – und anderen etwas von dem Druck nehmen wollen, der mit fehlender sexueller Erfahrung einhergeht.

Nachdem sie viele Zuschriften von Leserinnen und Lesern erhielt geht die Serie in Verlängerung und zeigt mit drei weiteren Perspektiven, warum keinen Sex zu haben eines der letzten großen Tabus ist. Der nächste Erfahrungsbericht kommt von Mara. Sie ist 27 Jahre alt und asexuell.

"Asexualität ist eine sexuelle Orientierung"

Als ich die ersten Teile der NEON-Serie gelesen habe, war ich zuerst erfreut: Endlich beschäftigt sich jemand damit, dass nicht alle Menschen mit Mitte 20 Sex haben – und dass die Gesellschaft dafür wenig Verständnis hat. Dann wurde ich aber ziemlich schnell etwas wütend. Denn wieder einmal wurde nur die klassische Geschichte von Leuten, die ja gerne würden, aber nicht können, erzählt.  

Ich bin asexuell. Und es gibt mehr von uns, als man denkt. Allerdings trauen wir uns nicht an die Öffentlichkeit, weil uns in den allermeisten Fällen unterstellt wird: Die sind ja nur schon so lange ohne Sex und bekommen keinen ab, dass sie sich jetzt ein Märchen ausdenken, um sich damit abfinden zu können.  

Aber Asexualität ist eine sexuelle Orientierung: Sie hat nichts mit Krankheiten zu tun, welche die Sexfunktion stören oder das Lustempfinden unterdrücken. Priester im Zölibat sind nicht automatisch asexuell. Auch Menschen, die durch ein Trauma, zum Beispiel eine Vergewaltigung, keinen Sex mehr haben möchten, sind in den meisten Fällen nicht asexuell.  

Ich bin Zahntechnische Assistentin, 27 Jahre alt, wohne in Süddeutschland, spiele in einem Volleyballverein, stehe auf Indie-Musik und mache am liebsten in asiatischen Ländern Urlaub. An mir war immer alles ziemlich gewöhnlich – im angenehmen Sinn. Nur auf Sex hatte ich einfach nie Lust.

Lange Zeit dachte ich mir: Mensch, Mara, du bist halt nicht so frühreif, das kommt bestimmt später. Und dann habe ich es einfach vergessen. Erst mit 20 fiel mir wieder ein: Verdammt, da war doch was! Als es die meisten Menschen schon hinter sich hatten, bemerkte ich, dass ich all die Jahre kein wirkliches Interesse an der Thematik gehabt hatte. Für meinen engeren Freundeskreis war das auch kein Thema. Und mit allen anderen habe ich ohnehin nicht über Sex gesprochen.  

"Ich bin nämlich auch aromantisch"

Trotzdem fing ich zu diesem Zeitpunkt an, mir ein wenig Sorgen zu machen. Die blöde Frage "Bin ich normal?" spukte monatelang in meinem Kopf herum. Bis zu einem gewissen Grad, das weiß ich nun, bin ich nämlich auch aromantisch. Ich habe kein Problem damit, mal jemanden in den Arm zu nehmen. Aber ich würde ein leckeres 5-Gänge-Menü, bei dem man sich über seine Lieblingsautoren unterhält, dem Spaziergang mit Händchenhalten und verknalltem Knutschen vorziehen. So, wie manche Menschen aus dem Bauch heraus eine Pizza Funghi einer Pizza Salami vorziehen.

Wirklich verliebt war ich trotzdem noch nie. Und ich weiß auch nicht, ob das Verliebtheitsgefühl der meistens anderen Menschen sich mit meinem decken würde. Wenn ich einen "Crush" hatte, dann ging das eher über die Konversationsebene. Ich habe keinen Druck gespürt, diese Person ständig in meiner Nähe haben zu wollen. Ich lebe ein erfülltes, orgasmusloses Leben.  

Das heißt nicht, dass ich nie versucht habe, herauszufinden, was die ganze gottverdammte Welt an der Sache so geil findet. Deswegen habe ich mir mit 20 ein nettes Set hübscher Sextoys bestellt. Und dann etliche Masturbationsforen im Internet durchforstet und die besten Tipps befolgt. Es fühlte sich für mich immer unnatürlich an. Ich konnte mich schnell nicht mehr konzentrieren, nach wenigen Minuten dachte ich schon wieder: Hmm, was mache ich mir später eigentlich zum Abendessen? An welcher Stelle meines Hörbuchs bin ich gestern vor dem Einschlafen eigentlich ausgestiegen?  

Meiner beste Freundin habe ich das alles erzählt und sie schickte mir damals den Link aus einem Frauenmagazin, in dem ein Mädchen in meinem Alter ihre asexuelle Orientierung beschrieb. In mir machte es einfach "Klick". Ich selber habe mich nie groß in den Foren engagiert, lese aber gelegentlich Beiträge auf AktivistA und lache mich schlapp über die Facebook-Seite "Asexual Humor". Interessanterweise scheint die ganze Asexuellen-Szene sehr stark im Internet stattzufinden. Im vergangenen Jahr las ich einen Artikel darüber, dass diese Internet-Community stark weiß dominiert ist. Da mein Vater Kongolese ist, und ich nicht weiß bin, fand ich das sehr interessant.

"Asexualität in allen Farben und Formen"

Die Idee des Artikels: Menschen, denen der Zugang zu diesen digitalen Räumen aufgrund eines Privilegiengefälles versagt bleibt, finden oft gar nicht erst heraus, dass es den Begriff asexuell gibt, woraufhin ein genereller Zugang zur Gruppierung der Asexuellen erschwert wird. Hautfarbe kann ein entscheidender Grund für dieses Privilegiengefälle sein. Inwiefern sich das insgesamt auf die Asexuellen-Community auswirkt, kann ich nicht sagen. Ich arbeite in einer Praxis und nicht an einer Universität. Aber meiner Erfahrung nach ist da auf jeden Fall was dran.

Gerade in der amerikanischen Asexuellen-Szene wirken die Leute so, als ob sie klassische US-Mittelstandsprobleme hätten. Dass es da draußen noch so viele Menschen gibt, die nicht wissen, wo sie sich einordnen können (falls sie das wollen!), finde ich schade. Auch wenn die NEON-Zielgruppe ebenfalls eher Akademiker ansprechen wird, so fände ich es toll, mit meiner Geschichte auch Menschen zu erreichen, die sonst vielleicht nie herausgefunden hätten, dass sie ganz normal sind – und dass es Asexualität in allen Farben und Formen gibt.

Ein steckt seiner Frau bei der Hochzeit den Ring an den Finger