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NEON-Serie, Teil 5: Jungfrau mit Mitte 20: "Eines Nachts war ich so verzweifelt, dass ich dachte, jetzt ist es auch egal"

Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen mit Mitte zwanzig noch Jungfrau sind. Doch die wenigsten reden darüber. In der NEON-Serie erzählen junge Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten. Dieses Mal: Collin.

Von Katharina Weiß

Jungfrau mit Mitte 20: "Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf Dates"

In der NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20" erzählen Menschen, warum sie noch keinen Sex hatten (Symbolbild)

Unsplash

In einer Welt, die sich nur um Erotik dreht, kann Enthaltsamkeit wie ein Makel wirken. Im ersten Teil unserer NEON-Serie "Jungfrau mit Mitte 20"  traf unsere Autorin drei Menschen, die mit diesem Geheimnis leben – und anderen etwas von dem Druck nehmen wollen, der mit fehlender sexueller Erfahrung einhergeht.

Nachdem sie viele Zuschriften von Leserinnen und Lesern erhielt geht die Serie in Verlängerung und zeigt mit drei weiteren Perspektiven, warum keinen Sex zu haben eines der letzten großen Tabus ist. Der nächste Erfahrungsbericht kommt von Collin. Er ist 23 Jahre alt und leidet unter dem Schönheitsdruck in der Schwulenszene.

"Die Datingkultur in Berlin ist ein Albtraum"

Collin: "Als ich mit 18 nach Berlin gezogen bin, um dort eine Ausbildung zum Tontechniker zu machen, war ich wahnsinnig euphorisch: Endlich raus aus der Kleinstadt, wo es nur drei andere schwule Jungs im Alter von 17 bis 30 Jahren gab – und wo von mir erwartet wurde, dass ich mich natürlich genau in einen von den dreien verliebe. Die offene Datingkultur der Hauptstadt, von der ich mir viele tolle Begegnungen erhofft hatte, entpuppte sich aber schnell als Albtraum: In Clubs wie dem Berghain oder Partyreihen wie die CockTail d'Amore geht es nur um Sex. Um Sex, der den Körper fetischisiert.

Beliebt sind zum Beispiel 'Twinks': Junge, haarlose und leicht muskulöse Männer. Zac Efron in 'High School Musical' war lange der perfekte 'Twink'. Mein Typ war da immer weniger gefragt: Ich war zwar jung und haarlos, aber eher dürr gebaut. Zudem bin ich Halbasiate – und auch da stieß ich oft auf Ablehnung. Wer sich auf Datingportalen wie Grindr oder GayRomeo umschaut, der muss oft feststellen, wie oberflächlich die Suchanfragen sind. Und oft auch: wie rassistisch. Anti-Aufrufe wie 'No Asians' zu lesen, ist keine Seltenheit. Meine Eltern sind japanische Zuwanderer, das hat mich also persönlich getroffen.

In den ersten Hauptstadtjahren hatte ich viel mit dieser Ablehnung zu kämpfen. Irgendwann hatte ich gar keine Lust mehr auf Dates. Und ich war eben immer schon eher der romantische Typ – Sex beim ersten Rendezvous? Das wollte ich mir lange nicht vorstellen, bis ich so verzweifelt war, dass ich mir eines Nachts dachte: Jetzt ist es doch auch schon egal. Ich hatte ein Date mit diesem Briten gehabt. Schöne grüne Augen, genau mein Humor, smarter Typ. Wir gingen zu ihm in die Wohnung und fingen an, uns auszuziehen. Noch bevor irgendwas anfing, war es aber schon zu Ende. Er meinte plötzlich: 'Ich bekomme keinen hoch.' Nur Minuten später war ich wieder vor der Türe. Alleine. Ziemlich verwirrt, aber irgendwie auch froh. Für mein Selbstbewusstsein war das natürlich eine ziemliche Misere.

Er hat sich damit abgefunden, Jungfrau zu sein

Aber irgendwie habe ich mich in den Monaten danach mit meiner Jungfräulichkeit abgefunden. Vor einem Jahr bin ich dann aus beruflichen Gründen nach Kiel gezogen. Die Menschen hier sind irgendwie anders als in Berlin. Ich habe zwei gute Freundinnen hier, von der eine auch noch keinen Sex hatte und auf die richtige Person wartet. Wir können da sehr offen drüber reden und das ist wirklich eine wahnsinnige Erleichterung. Auch wenn es viel weniger schwule Jungs gibt, habe ich die wenigen Dates, die ich hier hatte, als deutlich angenehmer empfunden. Und im Moment bin ich ziemlich verknallt: Wir haben uns auf einer Hausparty kennengelernt, waren eine Woche später auf einer schönen Bootstour und jetzt schon zweimal Abendessen.

Letztes Mal habe ich ihm erzählt, dass ich noch Jungfrau bin – und er war so verständnisvoll und total OK damit, dass ich mich in dem Moment endgültig hoffnungslos verliebt habe. Ich habe vor, ihn bald zu mir nach Hause einzuladen – mit Übernachtung. Und auch wenn dann irgendetwas schiefgehen sollte bin ich mir sicher, dass es trotzdem schön wird. Ich wollte meine Geschichte gerne erzählen, weil ich finde, dass man sich eigentlich nicht dafür schämen sollte, achtsam mit seinem Körper und mit dem eines Partners umzugehen. Im Zweifelsfall sollte man doch lieber auf mehr Gefühl setzen, als auf weniger?