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Youtuberin Melina Sophie "Wir sind noch lange nicht an dem Punkt, an dem es nicht mehr nötig ist sich zu outen"

Die Youtuberin Melina Sophie vor einem weißen Hintergrund
Die Youtuberin Melina Sophie hat sich 2015 in einem Video auf ihrem Kanal als lesbisch geoutet
© Instagram / melinasophie
"Ich bin lesbisch", verkündete Melina Sophie 2015 auf ihrem Youtube-Kanal. Seither wurde das Video mehr als sechs Millionen Mal gesehen. Im stern-Interview erzählt sie, warum wir auch heute noch solche Verkündungen brauchen — und welche Fragen man einer lesbischen Frau auf keinen Fall stellen sollte. 

Am 31. Juli 2015 lädt die Youtuberin Melina Sophie ein Video auf ihrem Kanal hoch, das ihr Leben verändern wird. "Fuck", sagt die heute 25-Jährige darin. "Ich habe absolut keinen Plan, wie ich dieses Video anfangen soll." Melina Sophie trägt in dem Clip ein schwarzes Oberteil, weinroten Lippenstift und sitzt vor einer weißen Wand. Youtube und die Community seien ein großer Teil ihres Lebens, erklärt sie, und deshalb habe sie das Gefühl, sie müsse ihr Lebensgeheimnis mit diesen Menschen teilen. Dann geht alles ganz schnell: "Ich bin lesbisch." 

Das Video wurde seit Melina Sophies Coming-out über sechs Millionen Mal angeklickt. Heute sagt sie, sie habe damit auch anderen Menschen Mut machen wollen. Tatsächlich berichten viele Personen aus der LGBTQI-Community, dass ihnen früher entsprechende Vorbilder fehlten. 

So auch der Autor und Journalist Sebastian Goddemeier. Er hat für sein Buch "Coming-out" mit 18 Prominenten über den Moment gesprochen, in dem sie ihre Sexualität oder ihre Identität mit der Welt geteilt haben. Melina Sophie ist eine von ihnen. Im schriftlichen Interview mit dem stern erinnert sie sich noch einmal an ihr Video von vor fünf Jahren. Und erzählt, warum der größte Hass ihr ausgerechnet aus der Online-Community entgegenschlägt. 

Das Buch "Coming-out" von Sebastian Goddemeier
Der Journalist und Autor Sebastian Goddemeier hat für sein Buch "Coming-out" mit 18 queeren Prominenten gesprochen, darunter Melina Sophie, Kevin Kühnert und Nicolas Puschmann. Es erscheint im riva Verlag und ist für 16,99 Euro zu kaufen.

Dein Coming-out-Video aus dem Jahr 2015 wurde auf Youtube über sechs Millionen Mal angeklickt. Wie fühlt es sich an, seine Sexualität mit so vielen Menschen zu teilen?

Für mich war es vor allem wichtig, anderen Menschen Mut zu machen. Da ich eine Person des öffentlichen Lebens bin, gehörte damals auch der Schritt in die Öffentlichkeit bezüglich meiner Sexualität für mich dazu. Ich bin froh meine große Reichweite nutzen zu können, um anderen Menschen zu helfen.

Wie waren die Reaktionen?

Die Reaktionen waren überwiegend sehr positiv. Da das Video aber viel Aufmerksamkeit generiert hat, gab es natürlich auch viel Hate in den Kommentaren. Sätze wie "Bring dich um" oder "Das ist doch abnormal" waren leider keine Seltenheit. 

Braucht es heute noch große Coming-outs oder sind wir gesellschaftlich so weit, dass man solche Informationen beiläufig erwähnen kann? 

Ich bin der Meinung, dass wir leider noch lange nicht an dem Punkt angekommen sind, an dem es nicht mehr nötig wäre sich zu outen. Viele Menschen, meistens außerhalb der LGBTQ+ Community, sind der Meinung, dass Coming-outs nicht mehr nötig wären. Jedoch sieht man immer wieder an den zahlreichen diskriminierenden Reaktionen vieler Menschen, dass wir weiterhin nicht aufhören sollten über die wichtigen Themen Sexualität, Gleichberechtigung und Diskriminierung zu sprechen. 

Was hat sich seit dem Coming-out in deinem Leben verändert?

Ich hatte damals das Gefühl, dass für mich ein ganz neuer Lebensabschnitt begonnen hat. Sich seiner Sexualität nicht bewusst zu sein und sie später aus Angst und Unsicherheit zu verstecken, gab mir lange das Gefühl, nicht ich selbst sein zu können. Mit meinem Outing kam endlich das Gefühl der Akzeptanz mir selbst gegenüber.

Online ist der Ton durch die Anonymität manchmal feindseliger. Erlebst du dort mehr Homofeindlichkeit als offline? 

Ich erlebe definitiv mehr Homofeindlichkeit online als offline. In meinem Fall würde ich sogar behaupten, dass 99% der Diskriminierung gegenüber meiner Sexualität im Netz stattfindet. Die Anonymität online macht es für viele Menschen einfacher, Hassbotschaften auszusprechen. Viele dieser anonymen Nutzer würden sich wahrscheinlich niemals trauen, mir all das, was sie online von sich geben, auch persönlich zu sagen. 

Was war die blödeste Reaktion auf dein Coming-out? 

Es gab nicht die eine blöde Reaktion, vielmehr waren es die vielen blöden Reaktionen –  gerade in Form von Hasskommentaren unter meinem Coming-out-Video. 

Was ist deiner Meinung nach die perfekte Reaktion, wenn sich eine Person outet?

Ganz einfach: Akzeptanz.

Behandeln dich Menschen online und offline anders, seit sie wissen, dass du nicht heterosexuell bist? 

Menschen behandeln mich zum Glück nicht anders. Mein privates Umfeld ist sehr tolerant. Auch in meinem Job sehe ich keine Nachteile. Ganz im Gegenteil: Ich bin froh, dass ich mit meinem Coming Out vielen Menschen Mut machen kann. Ich weiß aber auch, dass das leider nicht bei Jedem der Fall ist. Viele Menschen aus der LGBTQ+ Community haben leider vermehrt mit Diskriminierung auch im beruflichen Umfeld zu kämpfen. Auch deshalb ist es umso wichtiger, dass wir nicht aufhören über dieses Thema zu sprechen und auch Unterstützung von heterosexuellen Menschen bekommen.

Mason Bleu Comingout Highschool

Lesbische Frauen werden oft sexualisiert – vor allem von heterosexuellen Männern.

Ich erlebe solche Situationen leider immer wieder. Zum Beispiel, wenn mir ein Mann sagt, ich solle doch erstmal mit ihm schlafen. Dann würde ich mir nochmal überlegen, ob ich wirklich homosexuell bin. Ich ignoriere das meistens einfach. Vom Gegenteil kann ich sie sowieso nicht überzeugen. Genauso wenig, wie sie mich jemals überzeugen könnten. 

Welche Fragen sollte man lesbischen Frauen auf keinen Fall stellen?

"Wer ist der Mann in der Beziehung?" oder "Lust auf einen Dreier?". Solche Fragen bekomme auch ich leider immer wieder gestellt.

Was gibst du Menschen mit auf den Weg, die ihr Coming-out noch vor sich haben?

Steh zu dir selbst. Hör auf dein Bauchgefühl und oute dich nur vor Menschen, vor denen du dich outen willst und bei denen du dich sicher fühlst.

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