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Interview

Single-Shaming: Weiblich, ledig, glücklich – geht nicht?! Diese Autorin legt eine knallharte Single-Analyse vor

Wild daten, Ehegattensplitting abschaffen und die romantische Beziehung entzaubern – Journalistin Gunda Windmüller plädiert in ihrem Buch für einen neuen Blick aufs Single-Sein. Mit NEON spricht sie über Beziehungen ohne Romantik und Lebensglück.

Gunda Windmüller Single Shaming

Die Journalistin Gunda Windmüller setzt sich für ein neues Gesellschaftsbild ein

"Mach dir nichts draus, jeder Topf hat einen Deckel" oder "Der Richtige wird schon noch kommen" – jeder Single hat schon diese Sprüche gehört. Und auch wenn sie nett gemeint sind, schwingt doch immer der Vorwurf mit: Was stimmt eigentlich nicht mit dir? Für Journalistin Gunda Windmüller stimmt vor allem etwas mit einer Gesellschaft nicht, in der die Paarbeziehung als das Nonplusultra gilt. Für ihr "Debattenbuch" "Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht" hat die Mitt-Dreißigerin mit Frauen in allen Alters- und Lebenssituationen gesprochen: Singlefrauen mit Kinderwunsch, Frauen, die unbedingt eine Partnerschaft suchen, alleinerziehenden Mütter und Frauen jenseits der Wechseljahre. Im NEON-Interview spricht die Autorin über das Phänomen des Single-Shamings und warum man auch ohne Partner glücklich sein kann.

Gunda, du bist Single. Warum suchst du keinen Partner?
Ich suche nicht bewusst nach einem Partner – aber schließe auch keine Beziehung aus. Ich habe nur festgestellt, dass ich keine romantische Beziehung brauche, um ein erfülltes Leben zu führen. Der Druck, ständig einen Partner haben zu müssen, kommt vielmehr von Außen, aus der Gesellschaft. Als Frauen in liberalen Großstädten nehmen wir es nicht immer so wahr, aber gerade aus der Familie und von Freunden werden oft Anforderungen an uns gestellt. Eltern und Großeltern fragen, wann denn jetzt endlich der Nachwuchs kommt. Oder man kommt zum Abi-Treffen nach Hause und die Schulfreundin hat nun ein Leben mit Mann, Haus und Kind – während man selbst noch in einer WG wohnt. Dabei wird Frauen schnell gesellschaftlich das Gefühl gegeben, ein Mangelwesen zu sein, wenn sie bestimmte Anforderungen nicht erfüllen.

Und deshalb hast du das Buch geschrieben?
Die Single-Analyse ist quasi ein Brennglas für die gesamte Gesellschaft. Es lastet ein unglaublicher Druck auf Singlefrauen. Aber das ist kein Phänomen der aktuellen Generation. Dieser Druck ist vielmehr ein Indikator für die Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft. Dabei geht es um weibliche Rollenzuschreibung: Frauen wird nach wie vor vermittelt, dass der wichtigste Baustein zum Glück ein Mann ist. Aspekte wie berufliche Anerkennung, Freundschaften und Familie zählen im Leben einer Frau immer noch nicht so viel wie bei Männern. Ein Mann der Single ist, ob Schauspieler oder Politiker, der kann das sein. Frauen wie Jennifer Aniston oder Claudia Roth führen offiziell beneidenswerte Leben, die sehr erfüllt scheinen – und trotzdem wird darüber gesprochen, warum sie noch allein sind.

Single Buch Rowohlt

Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht von Gunda Windmüller erscheint im Rowohlt Verlag und ist aber dem 12. März 2019 im Handel erhältlich

Du nennst das in deinem Buch Single-Shaming.
Genau. Mir geht es einmal darum, ein Gespür für diese Art von Vorurteilen und teilweise abwertenden Ansichten gegenüber Single-Frauen zu schaffen. Wir sollten Menschen größeres Verständnis entgegenbringen, die nicht in Partnerschaften oder in einem alternativen Konzept leben. Das betrifft natürlich auch Männer, aber in erster Linie Frauen. Eine weitere Debatte ist die Frage der Mutterrolle: Wir bringen Frauen immer noch stark mit dieser Aufgabe in Verbindung und shamen jene, die vielleicht einfach nicht Mutter werden wollen oder können. Das gleiche gilt auch für alleinerziehende Mütter, die für ihr Lebensmodell oftmals kritisiert werden.

Wie verhalte ich mich denn, wenn ich Single-Shaming erlebe?
Wenn man von Freunden als Single geshamet wird, ist das Wichtigste, es offen anzusprechen. In den meisten Fällen kommt es sogar von Freundinnen, die einem nur gut zureden wollen. Aber auf der nächsten Party dem erstbesten Singlemann in die Arme geschoben zu werden, ist wirklich nervig und unangenehm. Zudem sollte man seine Ideale hinterfragen. Auch eine Partnerschaft hilft nicht zwangsläufig, morgens aufzustehen und seine Ziele zu verwirklichen. Jeder kann sich das gute Leben holen, das er leben möchte – ganz unabhängig von einem Partner. Man kann zum Beispiel allein ins Kino gehen oder tolle Dinge mit Freunden unternehmen. Zudem sollte man sich fragen, ob man nicht auch als Single im eigenen Leben schon sehr glücklich ist.

Was muss sich in unserer Gesellschaft konkret verändern?
Single-Shaming hat mit der immer noch fehlenden Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft zu tun. Wir müssen anfangen, Frauenleben als Ganzes wahrzunehmen und Frauen- und Männerrollen neu bewerten. Außerdem müssen wir die romantische Beziehung entlarven: Aktuell hat sie den Charakter, das Nonplusultra in unserer Gesellschaft zu sein – aber das ist sie eben nicht. Beziehungen zu anderen Menschen machen unser Leben glücklich: Freundschaften, Familie, ein festes Umfeld. Und wenn man das hat, kann man auch ohne eine romantische Beziehung glücklich sein. Aber auch von Seite der Frauen ist es wichtig, zu handeln: Wir sollten uns nicht verstecken und offen mit dem Single-Sein umgehen; so kann man sich vom Nimbus der Benachteiligung lösen. Wir müssen lernen, unsere Bedürfnisse deutlicher zur äußern und uns gegenseitig zu unterstützen. Dadurch wird sich das Dating-Game hoffentlich auch langfristig verändern, sodass sich Frauen einfach nehmen können, was sie wollen – auch wenn das keine feste Partnerschaft ist.

Was kann die Politik tun?
Ich finde, dass das Ehegattensplitting abgeschafft gehört. Es benachteiligt Frauen und fördert ein Familienmodell, das völlig überholt ist. Es kann nicht sein, dass wir bloße Modelle subventionieren und nicht den Kern von Familie: Verantwortung übernehmen. Das kann man als Singelfrau, als Singlevater oder als homosexuelles Paar. Familienmodelle haben sich seit Jahrhunderten entwickelt und müssen nun neu gedacht werden.

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