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Partnersuche im Eilverfahren: Ich war beim Speed-Dating – und es war purer Stress

Speed-Dating ist die ökonomischste Version des Kennenlernens. Aber der Schnelldurchlauf ist nicht jedermanns Sache. Unser Autor hat es ausprobiert.

Ein Mann und eine Frau sitzen sich an einem Café-Tisch gegenüber

Speed-Dating soll ein entspanntes Kennenlernen gewährleisten. Manchmal ist es aber auch einfach nur Stress.

Unsplash

Möglichst viel, möglichst schnell. Alle Möglichkeiten so effizient, wie es gerade geht, abwägen und sich dann entscheiden. So läuft es überall. Wer einen neuen Fernseher sucht, schaut sich die Preise und technischen Daten der verschiedenen Modelle bei Vergleichsportalen an. Wer ein Hotel sucht, bekommt im Internet alle Angebote nach einem Dutzend Kriterien sortierbar angezeigt. Warum also sollte es jemand, der nach einem Partner oder einer Partnerin sucht, anders angehen?

Für diesen Zweck ist das Speed-Dating erfunden worden – die ökonomischste Form der Partnersuche. Wie auf einem Karussell ziehen dabei Männer und Frauen aneinander vorbei, taxieren sich einige Minuten lang und weiter geht es. Das Modell nutzen mittlerweile auch Unternehmen und Bewerber, Unis und Abiturienten, sogar Flüchtlinge und Einheimische sollen sich so kennenlernen. Ursprünglich aber wurde es Ende der Neunziger für nichts weniger als die Liebe entwickelt.

Wer bist du, was machst du, was kannst du?

Und deshalb sitze ich an einem Samstag zusammen mit fünf anderen Männern sechs jungen Frauen gegenüber. In dem Werbetext für die Veranstaltung stand irgendwas von Traummann/Traumfrau, darunter macht man es ja nicht, dann brauchte es noch ein paar sanfte Überredungsversuche von Freunden und meinem besten Freund, der – nicht ganz uneigennützig – mitkommt. On your marks, und dann los.

Zunächst gibt es einen kleinen Freistil-Teil, in dem man drei Minuten lang reden kann, worüber man will. Die Frauen bleiben sitzen, die Männer rotieren von einer Kandidatin zur anderen. Daniela (alle Namen sind geändert) will wissen, was der Slogan auf meinem T-Shirt zu bedeuten hat – guter Aufhänger! 

Vanessa erzählt, dass sie zuletzt oft im Krankenhaus war und ich wechsle schnell das Thema. Das ist für die ersten drei Minuten dann doch zu hart. Eine andere Dame (deren Namen habe ich ohnehin vergessen) fragt erst, was ich beruflich mache und dann, ob ich ihr helfen kann, einen Text bei NEON unterzubringen. Äh nein, nicht jetzt.

Eine flüchtet noch vor dem Ende

Dann stellt die Organisatorin eine Frage, über die man sich sechs Minuten lang mit seinem Gegenüber austauschen soll. Erste Frage: Was ist Liebe? Was, wirklich? Ja, wirklich. Eine Frage, über die man nur in Klischees reden kann oder ein Buch schreiben muss. Klar, was davon in sechs Minuten möglich ist. 

Um es abzukürzen: Aus der Traumfrau ist nichts geworden. Bezeichnend für den Nicht-Erfolg der ganzen Aktion ist eine Randnotiz: Die eine, die rein optisch sofort ins Auge sprang und bei der mir mein Freund schon vorher zugeraunt hatte, dass die nun wirklich "ein viel zu großes Kaliber" sei, machte sich davon, noch bevor alle Männer einmal bei ihr vorbeigeschaut hatten. Mehr muss man eigentlich nicht sagen.

Speed-Dating wird mein Leben also nicht verändern. Es war eine interessante Erfahrung, mehr nicht. Denn eigentlich fühlte ich mich permanent überfordert – und zwar weniger von den Frauen als von der Situation an sich.

Speed-Dating: Eine Veranstaltung für Extrovertierte

Alle paar Minuten muss man sich auf ein neues Gegenüber einstellen, ständig bei Null anfangen und die gleichen Dinge erzählen, bei denen man ohnehin sofort unterbrochen wird. Man muss unentwegt darüber nachdenken, wie man wirkt und wie man wirken will. So sehr, dass man gar keine Zeit und Kapazitäten mehr hat, wahrzunehmen, was man eigentlich vom anderen hält. Ganz offensichtlich entspricht diese Art der sozialen Interaktion überhaupt nicht der Art, wie ich kommuniziere und ticke. Es soll Menschen geben, denen das Spaß macht. Für mich war es purer Stress.

Für Männer und Frauen, die etwas Zeit brauchen, um mit anderen warm zu werden, die nicht mit jedem sofort losquatschen können, ist das Speed-Dating deshalb wohl nicht zu empfehlen. Also zum Beispiel für etwas schüchterne, introvertierte Typen wie mich. 

Ein tiefgehendes Gespräch braucht man beim Speed-Dating nämlich – wenig überraschend – nicht zu erwarten. Alles bleibt oberflächlich und spontan. Wer damit nicht gut klarkommt, sollte sich eher aufs Dating ohne Speed verlegen und dabei auf mehr Erfolg hoffen.

Hilfreich ist es, sich Dinge im Vorhinein zurechtzulegen: Was willst du fragen? Wie willst du dich vorstellen? Wie viel willst du von dir erzählen? Welchen Spruch könntest du machen? Einfacher ist das natürlich für Menschen, die von Natur aus lustig und spontan sind. Charaktere, die auch mit Fremden schnell eine gemeinsame Ebene erreichen und eher Menschen "für den ersten Blick" sind, könnten am Speed-Dating Spaß finden. Und vielleicht sogar noch etwas mehr.

Ein Mann und eine Frau im Kino